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Wenn sich eine Metropole wie Mailand 750000 Quadratmeter Gelände "zurückerobern" kann, dann ist das schon einige Superlative wert. In der Tat: Beim "Progetto Bicocca" wird von der größten Urbanisierungsmaßnahme Italiens gesprochen. Das ehemalige Firmengelände des Reifenherstellers Pirelli ist im Norden der Millionenstadt angesiedelt und in den zurückliegenden 25 Jahren "rekultiviert" worden. 1986 war der erste Spatenstich, jetzt im Jahre 2003 steht es nahezu vor seiner Vollendung.
40 Prozent des Geländes wurden der Allgemeinheit als Grünflächen zurückgegeben. Rund 300000 Quadratmeter sind als Parks ausgewiesen und - ein großes Glück für eine Millionenstadt wie Mailand - als Parkplätze. Es bietet modernsten Wohnraum für rund 2500 Bürger, bei Fertigstellung sollen einmal 4000 dort wohnen. Es ist Zentrum der Universität Bicocca, an der rund 30000 Studenten eingeschrieben sind. Es ist Stätte für Kultur. Im 2400-Plätze-Haus Teatro degli Arcimboldi überbrückt die Mailänder Scala drei Spielzeiten, während der historische Operntempel im Stadtzentrum renoviert wird. Es ist moderne Arbeitsstätte für rund 8000 Manager, Techniker, Bankangestellte und Mitarbeiter der Multis Siemens, Deutsche Bank, Reuters, Compaq, Johnson&Johnson, Hachett, Rusconi und weiterhin Pirelli. Der Reifenhersteller hat dort, wo früher unter hoher Belastung der Umwelt seine Autoreifen, Elektrokabel und andere Gummi-Erzeugnisse hergestellt wurden, das "Headquarter" mit sämtlichen Büros behalten. "La Bicocca" ist der ganze Stolz der Mailänder Stadtverwaltung, aber auch bei Pirelli ist "La Bicocca" zu einem Aushängeschild geworden. Und dahinter ist ein weiterer Superlativ versteckt. Auf dem ehemaligen Firmengelände haben Mailänder Stadtverwaltung und der Industrieriese Pirelli gemeinsame Sache gemacht - in Italien ein noch schwierigeres Unterfangen als beispielsweise in Deutschland. Staat und Wirtschaft sind eher Gegner denn Partner. Nicht so in diesem Fall. Als Promoter des gesamten Objekts hat Pirelli seine hauseigene Immobilienfirma Pirelli & C. Real Estate bestellt. Beim international ausgeschriebenen Architektenwettbewerb fiel die Wahl auf Gregotti Associati International, eine Planungsgemeinschaft um den italienischen Architekten Vittorio Gregotti. Eine große Herausforderung. Vor allem über "sein" konkav angelegtes Teatro degli Arcimboldi wurde und wird weiterhin kontrovers diskutiert. An die praktischen, schnörkellosen Wohnblocks und die funktionellen Universitäts- und Firmengebäude haben sich die Mailänder inzwischen gewöhnt. Mittlerweile wachsen auch die in großer Zahl gepflanzten Bäume heran, sprießt der Rasen.
Abends sind die Straßen leer
Doch das urbane Leben fehlt noch immer im Viertel. Abends, wenn die Opernfans aus der ganzen Welt ins Teatro degli Arcimboldi strömen, sind die Straßen in "La Bicocca" leer gefegt. Die Studenten sind nach Hause gegangen. Die meist jungen Wohnungseigentümer, in der Mehrzahl Singles - Familien mit Kindern oder Senioren gibt es in dem Viertel bis jetzt nur wenige - sind noch im Büro und feilen an ihrer Karriere oder treffen sich in den "In-Lokalen" in der City mit Freunden. Mit Shuttle-Bussen werden die Musikfans von der "Piazza della Scala" in der Stadtmitte zur Peripherie gekarrt. Den Aperitif haben sie schon vorher in der berühmten "Galleria", die sich auf der einen Seite zum Dom und auf der anderen zur jetzt hinter Bauzäunen versteckten Scala hin öffnet, eingenommen. In der "Bicocca" gibt es - bis jetzt - nämlich weder Geschäfte noch Lokale, außer der Bar im Bahnhof. Doch die Bar ist abends geschlossen. So beschränkt sich das "Nachtleben" im "Bicocca" auf wenige Minuten vor Opernbeginn und maximal eine Viertelstunde nach Vorstellungsende - ein trauriges Bild, das keineswegs zu Italien passt, und schon gleich gar nicht zu einer pulsierenden Metropole wie Mailand. Dieses Jahr wird diese Tristesse noch weiter bestehen, 2004 sollen dann Geschäfte eröffnen, außerdem ist ein frei zugängliches Restaurant im Gebäude des Teatro degli Arcimboldi vorgesehen. Über Architekt Vittorio Gregotti wird wegen dieser "Mängel" kontrovers diskutiert, aber auch an die Adresse der Stadtverwaltung richten sich die Klagen. "Die Musikhalle ist in einer Rekordzeit von 27 Monaten aus dem Boden gestampft worden", verteidigt sich Mailands Vize-Bürgermeister Riccardo De Corato, mächtig stolz auf die rekordverdächtige Bauzeit. Er lässt keine Kritik zu: "Kein Opernhaus auf der Welt hat es geschafft, dass es eine Renovierungszeit in einem ebenbürtigen Ausweichgebäude überbrücken konnte. Wir in Mailand haben es geschafft." Mit Hilfe von Pirelli, sei der Richtigkeit halber angefügt. Das Gelände, auf dem das Teatro degli Arcimboldi steht, ging von Pirelli in den Besitz der Stadt Mailand über. 44 Millionen Euro hat das 2400-Plätze-Haus mit modernster Bühnentechnik gekostet - 28 Millionen steuerte Pirelli bei, den Rest brachte die Stadt Mailand auf. Zehn Millionen Euro sind aus dem Budget, das Pirelli als Sponsor in dieses moderne Musiktheater fließen ließ. Dem gegenüber stehen bei Pirelli aber auch Einnahmen: für Gelände und Gebäude sowohl für die Universität, Firmen und auch den Wohnungsbau. Zwischen 2000 und 2500 Euro kostet ein Quadratmeter Wohnraum - ausgestattet mit Fernheizung und zentral gesteuerter Klimaanlage.
Großstadt und Natur vor der Haustüre
Die Eigentums-Appartements sind zum Beispiel ideal für Angestellte der in "La Bicocca" angesiedelten Industrie, sie sind von Studenten-Eltern erworben oder als Geldanlage gekauft worden, um dann wieder vermietet zu werden. "In Bicocca zu wohnen ist angenehm", sagt ein Siemens-Manager, der die Nähe und Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Stadtmitte schätzt, aber auch die nahe gelegenen Autobahnanschlüsse. "Ein Katzensprung und ich bin auf der Schnellstraße, die mich am Wochenende in Richtung Comer See, Lecco, das Valtellina, die Ski- und Wanderorte Bormio und Madesimo, aber auch in die Schweizer Berge, St. Moritz und das Engadin bringt." Was will man mehr? Pulsierendes Großstadtleben im Handumdrehen, Natur und Freizeitspaß vor der Haustüre. "Und jeden Abend einen Parkplatz fürs Auto, ohne nervenaufreibende Runden im Viertel drehen zu müssen", spricht Marco noch einen Vorteil an. Noch in diesem Jahr wird im "Bicocca" eine Tiefgarage fertig gestellt, die sowohl für Opernbesucher als auch Bewohner konzipiert ist. Das "Progetto Bicocca" sieht insgesamt 1400 Eigentumswohnungen vor. 500 entstanden als bezuschusster Wohnungsbau, sie sind allesamt verkauft und bereits seit 1998 bezogen. Es waren die zuerst fertig gestellten Appartements im "Bicocca". 900 Wohnungen dagegen entstehen als privater Wohnungsbau, der in den Bauabschnitten "Esplanade" und "La Piazza" von Pirelli & C. Real Estate vermarktet wird. Bis heute sind 60 Prozent aller geplanten Wohnungen fertig und verkauft. Im Bauabschnitt "Esplanade" waren über 300 Appartements bereits im Jahr 2000 bezugsfertig. Die restlichen 180 sind zur Hälfte verkauft, befinden sich im Bau und sollen Ende dieses Jahres bezugsfertig sein. Der Bauabschnitt "La Piazza" ist im Moment eine große Baustelle. Es wird also noch einige Zeit dauern, bis die letzten Baukräne, die von der Viale Sacra aus bestens zu sehen sind, aus dem Viertel verschwinden. Die Mailänder stören sie nicht, denn sie sind Symbol für eine neue Epoche im Wohnungsbau der norditalienischen Wirtschaftsmetropole, wo es einem Glücksspiel gleich kommt, ein Appartement zu finden. Für deutsche Verhältnisse ist es ungewöhnlich, dass es sich dabei ausschließlich um Eigentumswohnungen handelt. Für italienische ist das ganz normal. In Italien ist der Anteil an Wohneigentum wesentlich höher als der von Mietwohnungen. Schon junge Paare kaufen sich eine Eigentumswohnung - und werden dabei meist von ihren Eltern unterstützt.
Ingrid Sachsenmaier
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