MieterMagazin

 Dezember 2001 - aktuell

Indien

Hand in Hand: Ausbildung und Häuserbau

In der Statistik der Berufstätigkeiten im ländlichen Indien tauchen arbeitende Frauen so gut wie nicht auf. Dennoch arbeiten sie hart, sie sind morgens die Ersten, die ihr Tagewerk beginnen und abends die Letzten, die sich auf die Schlafmatte legen. In den Dörfern und auf den Feldern ist ihr Fleiß sichtbar, man braucht sich nur umzuschauen. Ein Projekt im indischen Bundesstaat Maharashtra hat nun Neuland betreten: Um die wirtschaftliche und soziale Lage der Familien zu verbessern, werden Frauen zu Maurerinnen ausgebildet. Als "Gesellinnenstücke" entstehen dringend benötigte Häuser.

Eine von Tausenden dieser unsichtbaren Arbeiterinnen ist Sunita Sabale aus dem Dorf Tondoli. Sie steht bereits gegen 4 Uhr morgens auf, um nach einer schnellen Toilette ihren Mann und die Kinder mit dem Frühstück zu versorgen. Meist ist es der übrig gebliebene Reis vom Vortag oder es gibt Iddlis, das sind gedämpfte Reismehlkuchen mit einem Klecks scharfer Soße. Dazu gibt es Tee mit Milch, von der einzigen Kuh, die liebevoll umsorgt wird. Ihre Tochter Aruna hilft ihr bei der Arbeit, während ihr Mann sich mit Husten und Räuspern geräuschvoll von seinem Nachtlager erhebt. Er ist der Einzige der Familie, der ein "cot" hat, ein mit Bändern beflochtenes Bettgestell. Es ist nicht das einzige Privileg des Hausherrn.

Die Hausarbeit ist mühevoll und umständlich: Kochen auf offenem Feuer, hantieren auf dem Boden der kleinen Veranda direkt an der Dorfstraße, das Essen wird in der kleinen Hütte unter dem Strohdach serviert. Wer sich wann satt essen darf, bestimmen alte Traditionen: der Mann und die Söhne zuerst, dann die Frau und die Töchter.

Die Familie haust in einer baufälligen, notdürftig mit Stroh gedeckten Hütte, die Wände aus lose mit Lehmmörtel zusammengehaltenen Bruchsteinen und einem Boden aus gestampftem Lehm. Es ist die typische Wohnstätte einer indischen Landarbeiterfamilie, Ungeziefer und Kleintiere inklusive, auch wenn frau die Hütte noch so sauber hält.

Um die Morgenkühle zu nutzen, beginnt die Arbeit auf den Feldern früh. In Tondoli haben die meisten Familien kein eigenes Land und müssen sich auf den Feldern der größeren Bauern als Tagelöhner verdingen. Damit ihnen unnütze Wege erspart bleiben, wird das Mittagsmahl im Henkelmann mit auf die Felder genommen. Ein harter Zehn-Stunden-Tag steht Sunita und ihrem Mann bevor. Dennoch sind sie froh, diese Arbeit zu haben, denn in manchen Jahren, wenn der Monsun nicht mitspielt, wenn Dürre herrscht oder die Aussaat verregnet, gibt es für beide keine Arbeit und das Geld wird knapp. So knapp, dass sie versuchen, beim staatlich geförderten Straßenbau oder anderen Projekten Arbeit zu bekommen. Das bringt nur wenig Geld, da die Bauunternehmer die Lage der Tagelöhner kennen und die Löhne drücken, aber die Familie muss ja überleben.

So oder ähnlich spielt sich das Leben für viele Landarbeiterfamilien in der Region Marathwada in Maharashtra ab. Es sind Existenzen von der Hand in den Mund - und viele müssen selbst um die tägliche Ration Reis bangen. Unter dem Druck der ständigen Unsicherheit verwundert es nicht, dass die Menschen nach Alternativen suchen - und es sind besonders die Frauen, die ihr Leben verändern wollen.

Wege aus der Abhängigkeit

Hilfestellung dabei gibt ihnen das Institute for Integrated Rural Development (IIRD). Was wie ein wissenschaftliches Institut klingt, ist in der Praxis eine handfeste Organisation zur Dorfentwicklung, die besonders den Frauen der Region hilft, sich eine bessere soziale und wirtschaftliche Position im Landleben und im Alltag zu erobern.

"Wir haben unserer Organisation einen wissenschaftlichen Anstrich gegeben, um bei den Regierungsstellen einen besseren Zugang zu haben", erklärt der Leiter des IIRD, Dr. Alexander Daniel, "aber natürlich arbeiten wir auch wissenschaftlich. Zum Beispiel im ökologischen Landbau, wo wir gerade einen Preis für unsere Anstrengungen erhalten haben. Für die ländliche Entwicklung müssen jedoch viele Dinge Hand in Hand gehen. Für uns gehört dazu auf jeden Fall auch die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Frauen. Die Organisation der Frauen ist ein wichtiger Teil unserer Mission und wir fördern dies mit unseren Mitarbeiterinnen und Frauengruppen. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation heißt dabei auch, sie von der vollständigen Abhängigkeit von der Landwirtschaft und den dortigen Arbeitgebern zu befreien. Es müssen den Frauen weitere Berufsfelder eröffnet werden und sie müssen möglichst auch eine Selbstständigkeit erlangen können."

Hierzu hat das IIRD unkonventionelle Schritte mit einer Ausbildung von Maurerinnen gewagt und ist durch den bisherigen Erfolg positiv bestätigt worden. Wenn es in der Landwirtschaft keine Arbeit gab, führten bisher die Frauen aus Marathwada körperlich schwere und schlecht bezahlte Handlangerarbeiten auf Baustellen aus. Es herrscht von Seiten der Männer ein rüder Ton, und diese Art der Arbeit ist nicht hoch angesehen. Zankereien, Spott und selbst sexuelle Übergriffe gehörten zu den täglichen Klagen der Frauen. Viele von ihnen hätten lieber selbstständig gearbeitet, es mangelte jedoch an Qualifikationen.

Der Erfolg war überzeugend

Das IIRD griff Anregungen der Frauen auf und organisierte den ersten Kurs zur Ausbildung von Maurerinnen - nicht ohne Probleme, denn die Frauen waren zu Beginn Analphabetinnen und mussten erst lesen und rechnen lernen, um dem theoretischen Teil der Ausbildung folgen zu können. Der Erfolg jedoch war überzeugend, aber auch hart erarbeitet. 43 von 45 Frauen erhielten ein Abschlusszertifikat der University of Maharashtra, die eine unabhängige Prüfung vorgenommen hat, um Verdächtigungen einer parteilichen Prüfung beim IIRD aus dem Wege zu gehen. Sechs Frauen bestanden die Prüfung mit Auszeichnung.

Das Projekt hatte dazu eine "soziale" Komponente: Es wurden durch die Frauengruppen auf den Dörfern 78 Familien ausgewählt, die sich mit Eigenleistungen und günstigen Finanzierungskonditionen von den frisch ausgebildeten Maurerinnen ein Haus bauen lassen konnten. Handlangerarbeiten wurden von der Familie übernommen, die Facharbeiten wurden von den jungen Frauen unter Aufsicht erfahrener Maurer durchgeführt. Sie konnten ihre Fertigkeiten mit dem Hausbau abschließend unter Beweis stellen, es war praktisch die "Gesellinnenprüfung".

Vorzeigeobjekte schaffen Neuaufträge

In einem weiteren Projekt wurde die Praxiserfahrung der Maurerinnen noch einmal vertieft und sie wurden für den Bau von Sozialeinrichtungen für alte Menschen in ausgewählten Dörfern eingesetzt. Zielsetzung war eine Auffrischung der erworbenen Kenntnisse und der Bau von Gemeinschaftshäusern für sonst unversorgte alte Menschen in den Dörfern. Wieder übernehmen dabei die Frauengruppen in den Dörfern die führende Rolle, sie betreuen auch die Alten und gehen ihnen im Alltag zur Hand.

Neben der Linderung der Wohn- und Versorgungsnot der Alten auf den Dörfern war das Projekt auch ein kleiner Marketingtrick: Es sollten offizielle Stellen, die Bauaufträge vergeben, auf das Können der vom IIRD ausgebildeten Frauen hingewiesen werden. Mittlerweile arbeiten fünf Teams von Maurerinnen selbstständig und beteiligen sich an Ausschreibungen und erhalten staatliche und private Aufträge.

"Auf den Feldern arbeitet inzwischen nur noch mein Mann und er verdient weniger als ich", erklärt Latabai Ashok stolz, die eine der Besten des ersten Ausbildungsganges war. "Die Familie und unsere Nachbarn schauen mit Respekt auf mich, sie haben einige der Häuser gesehen, die ich mit meinen Kolleginnen gebaut habe. Noch ein paar Jahre legen wir Geld beiseite, dann werde ich unser eigenes Häuschen bauen können." Sie spricht´s und verschwindet im so genannten "bath room", einem kleinen Verschlag mit einem Wasserbassin, den sie sich selbst gebaut hat, um nach der Arbeit den Schweiß und Baustellenstaub abwaschen zu können. Die Kinder haben für sie Wasser geholt, denn sie wissen, dass die Mutter nach der Arbeit rechtschaffen müde ist. Die älteste Tochter hat das Abendessen bereitet. Latabai isst mit ihrem Mann und den Kindern gemeinsam. Ihre Familie ist ein bisschen moderner geworden als die anderen im Dorf - und ihr Mann hat verstanden, dass Latabai ebenso wie er dafür sorgt, dass die Teller und Tassen gefüllt sind.

Nach dem Erfolg dieser Projekte ist das IIRD von vielen Seiten wegen einer Neuauflage angesprochen worden, besonders drängen natürlich die Frauengruppen in den Dörfern der Region, die hier für ihre bedürftigen Kandidatinnen nicht nur die Ausbildungs- und verbesserten Einkommenschancen erkennen, sondern ganz generell auch die Rolle der Frauen durch diese Ausbildung und "soziale Selbsthilfe" aufgewertet sehen.

Die DESWOS, eine Entwicklungshilfeorganisation der deutschen Wohnungswirtschaft, möchte mit dem IIRD weitere Ausbildungen von Bauhandwerkerinnen fördern. In zwölfmonatigen Kursen sollen jeweils 20 Frauen in allen Bereichen des Bauhandwerks geschult werden. Nach einem viermonatigen Grundkurs bilden jeweils fünf Frauen ein Team und bauen unter Anleitung einer Fachkraft mehrere Häuser für bedürftige Familien. Damit werden zwei Ziele erreicht: Neben einer praxisorientierten Vertiefung der Ausbildung für die Frauen erhalten arme Familien ein menschenwürdiges Zuhause.

Ein Projekt mit Zukunft

Das Gesamtprojekt ist ehrgeizig: Neben der Ausbildung werden von den frischgebackenen Maurerinnen auch 100 Häuser gebaut. Zurzeit kämpfen die Familien um die rechtliche Sicherung eines Stück Landes zum Wohnen. Es steht ihnen zu, bedeutet aber oft eine langwierige Auseinandersetzung mit den Behörden. Die DESWOS wird sicherstellen, dass besonders arme Landarbeiterfamilien in das Programm kommen und einen Baukostenzuschuss erhalten. Er ist in den nächsten zehn Jahren monatlich in einen revolvierenden Fonds zurückzuzahlen. Wer sich aus Gründen der Armut zunächst nicht finanziell beteiligen kann, wird ersatzweise den Betrag durch Arbeit einbringen - in einem Aufforstungsprogramm, das aus ökologischen Gründen in der Region dringend geboten ist.

Werner Wilkens

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Alltag im ländlichen Indien: Gekocht wird draußen und unter katastrophalen Bedingungen.
Alle Fotos: Werner Wilkens

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Unter dem Druck ständiger Unsicherheit: Vor allem Frauen wollen ihr Leben verändern.

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Bau einer Klärgrube wäh-
rend der Ausbildung: Die "Übungsstücke" haben hinterher immer auch praktischen Nutzen.

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  Spendenkonto:
DESWOS, Konto 6602221,
Stadtsparkasse Köln,
BLZ 37050198,
Stichwort: Maurerinnen

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