MieterMagazin

 November 2003 - Ausland

Namibia

Neue Heimat unter Afrikas Sonne

Immer mehr Deutsche wandern nach Namibia aus - trotz politischer Instabilität, anstehender Landreform und deutschtümelnder Alt-Deutscher. Die Auswanderer reizt die Landschaft und die individuelle Freiheit.

Komm vorbei, hatte Sibylle Herrmann am Telefon gesagt. Wir kannten uns nicht. Jetzt saß sie vor mir: 34 Jahre alt, das lange Haar zu einem Zopf gebunden, der schmächtige Körper in einer Jeanslatzhose, auf ihrem Schoß ihr eineinhalbjähriger Sohn Aaron, engelsgleich mit langen blonden Locken. Der Blick an den beiden vorbei fällt auf aprikotfarbene Sanddünen. Korn für Korn türmen sie sich auf, fließen ineinander, ein welliges Meer aus Sand. "Für mich ein Naturwunder", sagt Sibylle. Gleich daneben steht ihr Haus. Es heißt "The alternative space" - der alternative Platz. Ihr Mann Frenus ist Architekt. Er hat das Gebäude entworfen. Hier wohnt die Familie, hier arbeitet Frenus und hier können Reisende ein Zimmer mieten - ein herrlicher weißer Bau, ein wenig erinnert er an Bauhaus-Architektur. An den weißen Wänden hängen riesige Ölgemälde afrikanischer Künstler. Die Duschen sind unter freiem Himmel. Im Innenhof wuchern Palmen. Eine kleine künstliche Oase inmitten des sandigen Namibias, inmitten Afrikas.

Auf dem Weg zu Sybille war die Piste schon kurz hinter Windhoek, der Hauptstadt des Landes, aus ihrer Asphalthaut geschlüpft. Das Auto rumpelte über die Schotterstraße, vorbei an hunderten Kilometern Wüste. Staubfahnen wehten im Rückspiegel. Bisweilen legten sie sich auf schwarze Landarbeiter, die am Wegesrand auf einen Bus warteten. Auf dass er sie mitnehme - heute, morgen, irgendwann - nach Hause, in die Schule oder zum Arzt. Namibia: Land der unendlichen Weite im südlichen Afrika, Land der Wüste, die sich als hunderte Meter hohe Sanddünen in den wolkenfreien stahlblauen Himmel schraubt.

"Dieses Land berauscht einen", sagt Sibylle Herrmann. Seit sechs Jahren lebt die Deutsche in Swakopmund, einem Kolonialstädtchen an der Atlantikküste Namibias. "Ich werde dieses Land nie wieder verlassen. Hier will ich bleiben."

Namibias ungebremste Anziehungskraft

Ein Wunsch, den viele Deutsche teilen. Immer mehr wandern aus in die ehemalige deutsche Kolonie im südlichen Afrika. Ein Visum ist erst nach drei Monaten nötig. Voraussetzung für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung: Die Jobsucher müssen für Berufe qualifiziert sein, für die es im Land nicht ausreichend Bewerber gibt. Darunter fallen in Namibia vom Techniker und Hotelrezeptionisten über Köche auch Lehrer, Erzieher und Kinderpfleger. Zweite Möglichkeit: Man investiert und schafft Arbeitsplätze.

Die Gründe fürs Auswandern sind vielfältig. Die einen kommen wegen der kargen Wüstenlandschaft, der Weite des dünn besiedelten Landes: Namibia ist doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur knapp 1,8 Millionen Einwohner. Für andere, wie etwa Sibylle Herrmann, bedeutet Namibia Freiheit: "In Deutschland ist der kommerzielle Druck viel größer." Die 34-Jährige hat zwei kleine Kinder. Ihre Schwester schickt aus Deutschland oft gebrauchte Kinderkleidung - "Sachen, die dort niemand mehr tragen würde, hier stört es keinen, dafür muss ich weniger Geld verdienen und habe mehr Zeit für meine Kinder."

Sibylle Herrmann kam Heiligabend 1996 zum ersten Mal in das weiße Haus am Rand der Sanddünen. Knapp zwei Monate war die damalige Sozialpädagogik-Studentin aus Bamberg bereits mit dem Rucksack durch Namibia gereist. Weihnachten fragte sie im "Alternative Space" nach einem Zimmer. Ein Bett war nicht mehr frei. Doch ein Platz am festlich geschmückten Tisch. Am nächsten Tag zog die damals 27-Jährige ein und blieb. Dreieinhalb Monate später heiratete sie Frenus, den Architekten und Besitzer des alternativen Hotels - heimlich auf dem Standesamt in Swakopmund. Ihrer Familie und den Freunden in Deutschland erzählte Sybille Herrmann erst einige Wochen später davon. Da war sie noch einmal in der Heimat, löste ihre Wohnung auf und zog anschließend endgültig nach Swakopmund.

Swakopmund ist nach Windhoek die zweitgrößte Stadt des Landes - schätzungsweise 60000 Menschen leben hier. Die Innenstadt säumen im Jugendstil erbaute Häuser. Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit. Die längst beendete Herrschaft der Deutschen ist noch überall spürbar. Die Hansa-Brauerei braut ihr Bier nach deutschem Reinheitsgebot. Im Prinzessin-Rupprecht-Heim, früher Lazarett, heute Hotel und Altenheim, werden die Gäste immer noch zuerst auf deutsch angesprochen. Im Supermarkt gibt es Schwarzwälderkirschtorte, Sauerkraut - und Grünkohl in Dosen. Aus den Lautsprechern dröhnt der Schneewalzer, anschließend fragt Peter Alexander - oder ist es Peter Kraus? - singend: "Anneliese, ach, Anneliese. Warum bist du böse auf mich?"

Die Geschichte von "Deutsch-Südwest"

Die Deutschen hatten erstmals 1884 Teile des heutigen Namibias zum deutschen Protektorat erklärt. Sie nannten das Land Südwestafrika. Gewaltsam schlugen sie Aufstände der schwarzen Herero gegen die deutsche Kolonialherrschaft nieder. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 vertrieben die Streitkräfte der Südafrikanischen Union die Deutschen. Im Versailler Vertrag von 1919 wurden Deutschland alle Kolonien entzogen. Der Völkerbund bestätigte im Dezember 1920 Südafrikas Mandat über Südwestafrika. Ende der 40er Jahre führten die Südafrikaner, wie in ihrem eigenen Land auch, in Namibia die Apartheid ein. Erst 1989 mündete der Widerstand der Bevölkerung in die ersten freien Wahlen, die die Unabhängigkeitsbewegung SWAPO deutlich gewann. Sie regiert Namibia noch heute mit Präsident Sam Nujoma an der Spitze.

Nervige Deutschtümelei bei den Alteingesessenen

Rund 20000 Weiße, die deutsche Vorfahren haben, leben heute noch in Namibia - die meisten von ihnen in Windhoek und Swakopmund. Sie sind häufig im Rentenalter. Wir treffen einige von ihnen in einem Café der Küstenstadt. Sie sprechen deutsch, mit starkem Dialekt: schwäbisch, bayrisch, eine von ihnen berlinert. Sie war noch nie in Deutschland, sagt sie, aber ihr Großvater stammte aus Berlin. Sie sprechen von den Schwarzen als Neger. Sie sind stolz auf ihre deutschen Wurzeln. Sie hissen gerne die deutsche Fahne. "Warum auch nicht?", fragen sie. "Die Franzosen haben doch auch ihre Trikolore. Und wenn die Dänen hier etwas feiern, ist alles weiß-rot dekoriert." Die Deutschen seien das einzige Volk, das es anders hält, sagen sie. Als Deutsch-Namibianer hätten sie jedoch nicht dieses kollektive Schuldbewusstsein, das die Deutschen mit sich herumtragen. "Wir in Namibia waren nicht in die beiden Weltkriege involviert", sagen sie. Und vergessen dabei gerne die eigene kolonialistische Vergangenheit: "In Amerika hat heute auch keiner mehr ein schlechtes Gewissen wegen der Indianerkriege."

"Diese Deutschtümelei nervt schon total", sagt Sibylle Herrmann, "doch die meisten Deutschen, die heute nach Namibia auswandern, wollen damit nichts zu tun haben." Sybille Herrmann hat kaum deutsche Freunde. Sie lebt, gemessen an Deutschland, ein unsicheres Leben. Sie hat keine Rentenversicherung, ist nicht krankenversichert. "Das nehme ich gerne in Kauf und kümmere mich privat darum", sagt sie. "Dafür fällt die ganze Bürokratie weg, die mich in Deutschland genervt hat."

Die Unkompliziertheit ist es, die auch Stefan Fischer an Namibia gefällt. "Das fängt schon damit an, dass man sich hier nicht anmelden, ummelden oder abmelden muss, das Leben ist einfacher", sagt der Journalist. Vor sieben Jahren kam er das erste Mal nach Namibia. Machte Urlaub. Er fuhr durchs Land und war gefangen: von der Weite, den intensiven Farben und den Sonnenuntergängen. Er kam immer wieder, für ein paar Wochen. Vor drei Jahren blieb er ein Vierteljahr, arbeitete in Windhoek bei der Allgemeinen Zeitung, einer deutschsprachigen Zeitung für die deutsche Minderheit. Ein Experiment. Heute ist er schon fast zwei Jahre hier. "Drei weitere" will er "bestimmt noch bleiben" - auch wenn er in Namibia "keine Karriere machen kann". Jobs für deutsche Journalisten sind rar. Seine Kollegen haben deutsche Vorfahren, sind aber nicht in Deutschland aufgewachsen. Die "Deutsch-Namibianer" sind eine eingeschworene Gemeinschaft, sagt Stefan Fischer. Einerseits gut: "Nichts bleibt verborgen - ein beruflicher Vorteil, man weiß immer, wen man anrufen kann." Andererseits manchmal nervig: "Der Klatsch macht auch vor dem Privatleben nicht halt." Nach nur zwei Jahren Tätigkeit kennt Stefan Fischer die meisten der deutschsprachigen Namibianer, selbst viele der Farmer, die hunderte Kilometer von Windhoek entfernt leben, im Norden Namibias.

Hier fließt mehr Wasser durch den Boden als im kargen sandigen Süden. Das Land ist grüner, die Ernte reicher. Hier wohnt Ulrike Menne. Sie wuchs in Elmshorn auf. Seit 1988 lebt sie in Namibia. Anfangs arbeitete sie als Tierärztin. Dann lernte sie ihren Mann Stefan kennen, einen deutschsprachigen Namibianer in der vierten Generation. Gemeinsam bewirtschaften sie eine Farm. Ulrike Menne ist gerne in Namibia. Noch.

Doch manchmal hat sie Angst vor der Zukunft. Der Druck auf Präsident Nujoma wächst, mit der lange angekündigten Landreform Ernst zu machen. Weiße Farmer fürchten, dass ihnen - ähnlich wie jenen in Simbabwe - die Enteignung und Vertreibung droht. Robert Mugabe, Präsident Simbabwes, gilt als guter Freund und Vorbild des namibianischen Präsidenten Sam Nujoma. In Namibia kursieren inzwischen Listen von ausländischen Investoren, vor allem Deutschen, die vor einigen Jahren in Namibia eine Farm gekauft haben, aber nur ein paar Mal im Jahr zum Urlaub kommen. Ihre aufgelisteten Betriebe sollen im Zuge der Landreform enteignet und der Boden unter der schwarzen Bevölkerung aufgeteilt werden.

"Das Land ist unberechenbar geworden", sagt Ulrike Menne, und hofft doch, dass die Unterschiede zu Simbabwe sie vor einer ähnlichen Entwicklung bewahren: Dort stellte sich der weiße Farmerverband offiziell hinter die politische Opposition und gegen Mugabe. In Namibia versuchen die weißen Farmer, mit der Regierung zusammenzuarbeiten und machen Vorschläge, wie sich die Landfrage lösen ließe. "Wir hoffen, das wird auch uns helfen", sagt Ulrike Menne.

Kerstin Friemel

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Karge Wüste, weites Land: Ausländer sind von der Natur Namibias fasziniert
alle Fotos: Gesa Schöneberg

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"Ich werde dieses Land nicht mehr verlassen": Auswanderin Sibylle Herrmann

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Warten auf eine Mitfahr-
gelegenheit: Landarbeiter
am Wegesrand

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Durch und durch deutsch: Namibias Hauptstadt Windhoek, "Hansa-Brauerei"

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Die Angst vor Enteignung wächst: Farmer Stefan Menne

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Wie Südafrika hat auch Namibia eine lange Apartheid-Geschichte: Schwarze Schüler in Windhoek

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