MieterMagazin

 November 2001 - aktuell

"Wohnstadt Carl Legien"

Sanierung am Bedarf vorbei

Die ehemalige Gehag-Siedlung "Wohnstadt Carl Legien" in Prenzlauer Berg soll aufwändig saniert werden. Die neue Eigentümerin "BauBeCon Wohnen GmbH" aus Hannover will nach der Modernisierung die Mieten in der Sodtkestraße 19-33 (ungerade) bis an die Grenzen des Mietspiegels anheben, doch die meisten Bewohner können das nicht mehr bezahlen. Sie haben eine Mieterinitiative gegründet, um sich dagegen zu wehren.

Im April legte die BauBeCon den Mietern der Sodtkestraße eine Modernisierungsvereinbarung zur Unterschrift vor: Neue Heizungen, neue Bäder und neue Fenster sollten eingebaut, die Grünanlagen neu gestaltet werden. Die Kaltmiete sollte dadurch um circa 4 DM pro Quadratmeter steigen. Heute zahlen die Mieter eine Nettokaltmiete von 5 bis 6 DM pro Quadratmeter, die Miete würde sich also beinahe verdoppeln. Viele der meist älteren Bewohner können sich das nicht mehr leisten: Eine Umfrage unter den Mietern ergab, dass bei 24 von 30 Haushalten eine Quadratmeter-Miete von 10 DM über 30 Prozent ihres Monatseinkommens ausmachen würde. "Angesichts der drohenden Mietsteigerungen sind schon ein Drittel der insgesamt 66 Mietparteien ausgezogen", sagt die Mieterin Verena Liebig, die die Initiative mitbegründet hat.

Die Bewohner beklagen jedoch nicht nur die dramatische Mietsteigerung, sie bezweifeln auch den Sinn der angekündigten Modernisierungsmaßnahmen. Viele Mieter haben im Laufe der Jahre selbst Gasetagenheizungen eingebaut und die Bäder erneuert. Sie kritisieren auch, dass die geplanten Maßnahmen nicht nach Instandsetzung und Modernisierung unterschieden sind. Allein die Kosten für eine Modernisierung sind auf die Mieten umlegbar, nicht aber die für die Instandsetzung. "Hohe Instandsetzungskosten sind in der Modernisierungsvereinbarung versteckt", bemängelt Verena Liebig die BauBeCon-Berechnungen.

Den vorgesehenen Einbau von Isolierglasfenstern musste die BauBeCon wieder zurücknehmen: Die gesamte Siedlung steht unter Denkmalschutz und gerade die eigenwilligen Kastenfenster sind besonders schützenswert. Die alten Fenster tun's auch noch bestens, "man müsste sie nur leicht aufarbeiten", so Liebig. Unklarheit herrscht auch noch über die Gestaltung der Grünflächen. "In der Modernisierungsvereinbarung sind zwar Kosten für die Neugestaltung der Außenanlagen aufgeführt", berichtet Frau Liebig, "aber was genau gemacht werden soll, hat uns noch keiner gesagt." Viele Bewohner nutzen den großen Innenhof als Mietergarten und fürchten nun, dass die halb wildwüchsige, halb gärtnerische Grünanlage über kurz oder lang unter einer Rasenfläche verschwinden soll. Am Bedarf der älteren Bewohner geht das vorbei, aber auch für Kinder dürfte der wild-romantische Garten ein viel interessanterer Spielplatz sein.

Zum 1. Januar 2000 hatte die BauBeCon die insgesamt 1150 Wohnungen der "Wohnstadt Carl Legien" von der Gehag gekauft. "Zu einem zu hohen Preis", meint der baupolitische Sprecher der PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Bernd Holtfreter, "und jetzt versucht sie, das über die Mieten wieder reinzukriegen."

In den nächsten vier Jahren will die BauBeCon die gesamte Siedlung zwischen Gubitz- und Sültstraße modernisieren. "Um dabei nicht einzeln über den Tisch gezogen zu werden", so Verena Liebig, haben die Bewohner der Wohnstadt mittlerweile einen Mieterbeirat gewählt. Das Bezirksamt Pankow hat indes für den gesamten Bereich zwischen S-Bahn, Prenzlauer Allee, Ostsee- und Greifswalder Straße die Aufstellung einer Milieuschutzverordnung beschlossen. "Damit können wir Bauvorhaben, die negative Auswirkungen auf die Bewohnerschaft haben, zurückstellen", erklärt der Pankower Stadtrat für Stadtentwicklung und Soziales, Andreas Bossmann (für PDS). "Ziel ist es, so zu modernisieren, dass die Mieter nicht vertrieben werden."

Trotz der vielen offenen Fragen hat die BauBeCon im Oktober mit den Arbeiten in der Sodtkestraße 25 begonnen. "Die BauBeCon hat noch kein richtiges Konzept", meint Verena Liebig, "aber sie schafft schon mal Tatsachen."

Jens Sethmann

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Dramatische Mietsteigerungen, zweifelhafte Neuerungen: In der Sodtkestraße stoßen die Vermieterabsichten auf vehementen Mieterprotest
Foto: Jens Sethmann

 Zur Sache

Wohnstadt Carl Legien
Die "Wohnstadt Carl Legien" wurde 1929/30 von der Gehag nach den Plänen des Archi-tekten Bruno Taut (1880 bis 1938) erbaut. Die vier- bis fünfgeschossigen Häuser bilden sechs U-förmige Blocks, die zur Erich-Weinert-Straße hin offen sind. Charakteristisch sind die runden, um die Ecke gezogenen Balkone der Kopf-bauten. Die Arbeiterwohnun-gen waren gut ausgestattet und über große Loggien zum begrünten Innenhof hin orientiert. Taut legte viel Wert auf die farbliche Gestaltung, von der heute nur noch wenig zu sehen ist. Kräftige, kontrastreiche Farben zierten Fassaden, Türen und Fensterrahmen. Die Wohnstadt ist neben der Hufeisensiedlung eines der Hauptwerke Tauts. Sie steht seit 1977 unter Denkmalschutz und gilt sogar als Anwärterin für die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO.

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