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Vedado war einmal das schicke Villenviertel Havannas, das Anfang des 20. Jahrhunderts außerhalb der alten Stadtmauern entstanden war. Dann kam 1959 die Revolution - heute ist das schachbrettartig angelegte Stadtviertel eine Art Freilichtmuseum, in dem die zumeist heruntergekommenen Bauten unterschiedlichster Architekturschulen direkt nebeneinander liegen. Doch auch in dem einstigen Nobelviertel gibt es immer noch "Ciudadelas" - Mietshäuser mit Gemeinschaftswohnungen.
Wenn es soweit ist, lässt er die Glocke läuten. Julio Celso Rodrigues Gomes muss lächeln, wenn er an den Augenblick denkt. "Es gibt nichts Schöneres als den Moment, wenn ich ein Bild beendet habe." Dann zieht er an der Glocken-Strippe, damit auch all seine Nachbarn Bescheid wissen. Dieses Jahr dürften sie Julio Celsos Glücksgeläut schon häufig gehört haben, denn er arbeitet seit Monaten so viel, dass ihm nur wenig Zeit zum Schlafen bleibt. Wegen all der Kleinigkeiten und Kunstwerke, die er über die Jahre bei sich angesammelt hat, fällt die Glocke am Türrahmen zwischen seinem Wohnzimmer und der Kochnische kaum auf; sogar die Wände sind bis unter die Decke mit kunstvoll arrangiertem Krimskrams behängt. Über eine hölzerne Stiege führt uns Julio Celso in die darüberliegende Schlafkammer. Dass er hier auf einer ziemlich durchgelegenen Matratze nächtigt, macht ihm nichts aus. "Das Einzige, was für mich zählt, ist das Malen, und ich verbringe ohnehin den größten Teil des Tages vor der Haustür." Dort hat sich Celso sein Freiluft-Atelier eingerichtet. Den ganzen Tag sitzt er unter der Schatten spendenden Arkade und malt, von acht Uhr früh bis sechs Uhr abends. Hin und wieder kommen Nachbarn und Freunde vorbei. Die Leute nennen ihn einfach Celso - oder Otro Más, "Noch Einer", der Name, mit dem er auch seine Bilder signiert. Manchmal muss Celso Tisch und Stuhl verrücken, um der gleißenden Sommer-Sonne Havannas auszuweichen. Zwischendurch trinkt er Kaffee und raucht billige Criollo-Zigaretten. So geht das Tag für Tag.
Ein Freilichtmuseum für Architektur
Von außen sieht der verblichene zweigeschossige Gründerzeitbau aus wie viele der anderen einst repräsentativ gestalteten Gebäude in der Nachbarschaft. Das Viertel Vedado ist heute eine Art Freilichtmuseum, in dem - zumeist heruntergekommene - Bauten unterschiedlichster Architekturschulen direkt nebeneinander liegen - vom Jugendstil und Art Deco über die Moderne bis zum Eklektizismus der Gründerzeit. Auch Celsos Anfang des 20. Jahrhunderts errichtetes Haus unweit der Linea ist eins von jenen bürgerlichen Quartieren, die nach dem Sieg der Revolution dem Volk zugewiesen wurden. Nur war die Villa in der Calle D bereits vorher eine Casa de Huespedes, ein Gasthaus, in dem vor allem arme Menschen wohnten. Nach 1959 wurde es verstaatlicht und in eine Ciudadela umgewandelt, in ein Mietshaus mit Gemeinschaftswohnungen. "Zurzeit leben mit mir 19 Menschen in der 2. Etage", sagt Celso. Einige sind Eigentümer ihrer Wohnungen, die meisten zahlen aber Miete für ihre Zimmer. Dann zählt Celso durch, wie viele Leute insgesamt in dem Haus wohnen. Am Ende kommt er auf die Zahl 49: "Ich kenne alle persönlich, auch die kleinen Kinder", freut sich Celso. Dass er alles und jeden kennt, liegt nicht zuletzt daran, dass er vor 40 Jahren hier geboren wurde. Damit sei er der einzige Erwachsene, der von Geburt an in dem Haus lebt. "Ich bin ein bisschen so etwas wie der Hausherr", sagt Celso und lacht. Entstanden ist das architektonisch prunkvolle Viertel, in dem Celso lebt, in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Nach der Unabhängigkeit von Spanien 1902 kamen Tausende von Landflüchtlingen und Einwanderer aus aller Welt in die karibische Metropole; von 1899 bis 1924 verdoppelte sich die Zahl der Einwohner auf über 600000. Es waren zunächst die wohlhabenderen Schichten der Bevölkerung, die seinerzeit aus dem dichtbesiedelten Centro Habana nach Vedado zogen, in ein neu entstehendes Viertel, das in einem Waldgebiet außerhalb der alten Stadtmauern lag. Bis heute ist Vedado die grüne Lunge Havannas geblieben. Statt kolonialer Kirchen und Festungen wie in der Altstadt ("Habana Vieja") entstanden entlang der mit Pinien und Kautschukbäumen gesäumten Straßen im "republikanischen" Vedado herrschaftliche Wohnhäuser und öffentliche Bauten.
Die Villen verfallen
In den 50er Jahren erlebte das schachbrettartig angelegte Stadtviertel, insbesondere in der Nähe der Uferpromenade Malecón, erneut einen Bauboom. Unter dem Diktator Batista entstanden, initiiert durch die US-amerikanische Mafia, mehrere Hotels mit Spielkasinos. In den 40er und 50er Jahren konnte man hier gelegentlich Mafia-Größen wie Lucky Luciano beim Poker und so manchen Hollywood-Filmstar am Pool treffen. Doch als Fidel Castro am 8. Januar 1959 das rauschende Fest beendete, war ein großer Teil der Wohnhäuser und Luxushotels in Vedado bereits sanierungsbedürftig. Die Reichen waren seit den 40er Jahren weiter nach Westen gezogen, Richtung Miramar, und hatten die Villen ihrem Schicksal überlassen, oder sie zu Mietshäusern umfunktioniert. Ohne die Revolution wäre das lauschige Vedado wohl längst wieder zum Spekulationsobjekt geworden. So blieb hier jedoch vieles erhalten, was unter anderen Umständen verschwunden wäre. Der Preis dafür ist, dass viele der prächtigen Villen des Viertels zunehmend verfallen. Während die Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft in der Zwei-Millionen-Metropole Havanna überwiegend in die - international beachtete - Restaurierung der zum Weltkulturerbe erkorenen kolonialen Altstadt gesteckt werden, stürzen im Rest der Stadt jährlich mehrere hundert Häuser ein. Vor allem Centro Habana verfällt.
Kuba nicht mit Europa vergleichen
Der Zustand von fast der Hälfte der 575795 in Havanna existierenden Wohneinheiten wurde 1999 als normal oder schlecht bezeichnet. Von den um die Jahrtausendwende noch existierenden über 7000 Ciudadelas lagen fast 40 Prozent in Habana Vieja und Centro Habana. Gerade die Lebensumstände in diesen Gemeinschaftswohnungen gelten als problematisch: Es sind Massenquartiere mit hohen Belegungsquoten, die Aufteilung der Wohnräume durch Zwischendecken und Wände hat häufig nur provisorischen Charakter. Laut Eusébio Leal sei es ein wichtiges Ziel der Altstadtsanierung, die Ciudadelas in abgeschlossene Wohneinheiten umzuwandeln. Viele Familien müssten nach der Modernisierung zwar erstmalig Miete bezahlen, doch diese darf nur zehn Prozent des Haushaltseinkommens betragen. Eusebio Leal, der als so genannter "Historiador", als Historiker Havannas, für die Altstadtsanierung zuständig ist, verteidigt die kubanische Sozialpolitik: "Man muss Kuba mit den Verhältnissen in Lateinamerika und nicht mit Europa vergleichen." Und dabei schneide Kuba nicht schlecht ab: "Die Kubaner bezahlen so gut wie nichts für ihre Wohnungen - zu 90 Prozent sind sie entweder Eigentümer oder ihre Miete ist ausgesprochen niedrig." Allerdings ist zumindest auch die Wohnsituation Julio Celsos in der Ciudadela in Vedado nicht die Beste: Der Fußboden in seiner Zweiraumwohnung ist aufgesprungen und das Dach undicht. Celso kann sich nicht mehr erinnern, wann ein Inspekteur der staatlichen Wohnungsbehörde das letzte Mal im Hause war, um danach zu schauen, welche Instandsetzungsarbeiten unerlässlich seien. Trotzdem mag er sich nicht beschweren. Immerhin gehört Celso zu den Wenigen, die mietfrei im Haus leben - und das, obwohl er kein Wohnungseigentümer ist. "Nach der Revolution wurde ein Gesetz erlassen, nach dem Menschen wie meine Eltern, die in einer Casa de Huespedes gewohnt haben, keine Miete bezahlen müssen." Mit sechs seiner Nachbarn teilt sich Celso einen Telefonanschluss. Und er hat neben Strom und fließend Wasser auch einen Kühlschrank und eine Dusche in seiner Wohnung - in Havannas Altbauquartieren durchaus der Standard. Aber man wisse nie, wann denn Wasser aus der Leitung komme, sagt Celso. "In der Regel gibt es zumindest eine Stunde am Tag Wasser, meistens in den frühen Abendstunden zwischen 18 und 20 Uhr." Wenn das Wasser doch ausbleibt, hat er vorgesorgt. Im Hausflur zeigt er uns eine blaue Tonne, die ihm als Wassertank dient. Immer kann sich Celso die 38 Peso jedoch nicht leisten, die eine Tankfüllung kostet. Weil Celso keine Kunstschule oder Universität besucht hat, fehlt ihm bis heute die staatliche Genehmigung, seine Bilder zu verkaufen. Doch er arbeitet unbeirrt weiter. Schließlich habe ihm die Liebe zur Kunst das Leben gerettet, als er vor 20 Jahren am Boden zerstört war. "In jenen Jahren trank ich viel Rum und nahm alle Drogen, die ich bekommen konnte. Dann wurde ich bei einer Schlägerei so schwer mit einer Machete am Arm verletzt, dass meine Nerven angegriffen waren." Ein befreundeter Arzt riet ihm, zur Entspannung mit dem Malen zu beginnen. Celso war begeistert, und seit inzwischen acht Jahren hat er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. "Eines Tages wird man mich in Ruhe arbeiten lassen, und ich werde von der Malerei leben können. Ob das schon in einem Jahr sein wird oder erst, wenn ich alt bin, das zählt für mich nicht."
Ole Schulz
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