MieterMagazin

 Oktober 2003 - Ausland

Japan

Wohnungswechsel ist purer Luxus in Kobe

Rainer Wenzel lebt seit drei Jahren als Deutschlehrer in der japanischen Stadt Kobe und ist mittlerweile viermal umgezogen. Anfangs hatte er ein firmeneigenes Apartment der Sprachschule gemietet, später wohnte er bei seinem japanischen Arbeitskollegen in einem riesigen Wohnblock. Dabei war weniger das Problem, dass sich die Wohnsiedlung auf einer jener künstlich im Meer errichteten Inseln befand. "Daran kann man sich gewöhnen", erklärt er lächelnd, "um zusammen mit einem Kollegen aber auf insgesamt gerade mal 15 Quadratmetern leben zu können, dafür muss man schon geboren sein." Inzwischen lebt er allein in einem kleinen Haus im Norden der Stadt, nahe dem Rokko-Gebirge. Hier ist es ruhig, dafür kostet die schöne Lage über der Stadt aber auch mehr, als man vom Gehalt eines Lehrers eigentlich bezahlen kann. Deswegen überlegt er seit längerem, wieder in eine billigere Gegend zu ziehen.

Im Grunde genommen stellt sich die Wohnungssuche in Kobe ähnlich problematisch dar wie in anderen japanischen Millionenstädten auch: Man muss viel Geld für wenig Wohnraum aufbringen. In Kobe speziell hat sich die Mietsituation nach dem Erdbeben von 1995 noch verschärft, als die abgebrannten oder zerstörten Häuser nach und nach durch moderne Neubauten ersetzt wurden. Mit den neuen Immobilien stieg auch das Mietniveau in Kobe. Das betraf zuerst vor allem die Ärmsten - junge Einwanderer aus dem asiatischen Raum, die vormals in einfachen alten Häusern in der Hafengegend lebten.

Probleme dieser Art kennt Takashi Seto, Immobilienmakler im Zentrum Kobes, eher weniger. Sein Job ist es, möglichst viele Wohnungen an den Mann zu bringen. Und wer zu ihm kommt, der weiß, was ihn erwartet. Ein 18-Quadratmeter-Apartment für 600 Dollar habe er, das sei das Billigste, was der Markt derzeit hergebe, wenn man nicht weiter raus in die Vororte ziehen und weite Anfahrtswege zur Arbeit in Kauf nehmen wolle. Eigentlich möchte er aber bessere Wohnungen vermieten: solche, die schöner gelegen sind, größer sind, auch eine Küche oder einen Fahrradstellplatz haben und die vor allem teurer sind. Dafür wird man von ihm exklusiv betreut und in seinem noblen Wagen von Wohnung zu Wohnung chauffiert. Er erzählt dabei von den verschiedenen Stadtteilen und noch viel mehr von den Gebäuden, in denen er Wohnungen anbietet. Nach und nach bekommt man verschiedenste Wohnstile zu sehen: vom modern gestylten Apartmentgebäude bis hin zum traditionellen japanischen Holzhaus - zuerst jedoch nur von außen, denn die Wohnungen sind vermietet und so verbietet sich ein Blick ins Innere. Hierfür hat Herr Seto einen Ordner mit Fotos mitgebracht, die man im Auto durchsehen kann. Nur von dem elfstöckigen Haus nahe Motomachi mit insgesamt 44 Wohneinheiten kann er außer dem Bild von der Toilette keine weiteren Fotos finden. Aber, so sagt er locker, das Foto von der Toilette sei ohnehin oft wichtiger als alles andere. Und, so ergänzt er, in diesem Haus seien auch Ausländer herzlich willkommen - auf Nachfrage räumt er ein: wenn sie aus Nordamerika oder Europa stammen. "Viele Vermieter wollen nicht an Ausländer aus dem asiatischen Raum vermieten, da der Mietvertrag mit einer Person oder einem Paar abgeschlossen wird, nach kurzer Zeit aber Verwandte und Freunde nachkommen und dann viele Personen in einer Wohnung leben, was zu Ruhestörung und Belästigung der Nachbarn führen kann." Er erklärt alles in ruhigem Ton, so als seien Probleme mit ausländischen Mietern aus Asien an der Tagesordnung.

Asiaten haben es schwer

Vorurteile dieser Art sind für Ausländer aber nur einige von vielen Hürden auf dem Weg zur eigenen Wohnung. Dementsprechend finden sich in Kobe zahlreiche Hilfsorganisationen, die Ausländern auch bei der Wohnungssuche helfen. Hitomi Kitagawa vom HIA-Informationszentrum kennt die grundlegende Problematik aus ihrer täglichen Arbeit: "Neben den ohnehin hohen Mieten muss man beim Abschluss eines Mietvertrages ,key money' bezahlen, also eine Art Kaution, die fünf bis zehn Monatsmieten beträgt und von der man beim Auszug rund 40 Prozent zurückbekommt." Ein noch größeres Problem ist für Einwanderer der Nachweis eines "japanese guarantors", also eines japanischen Staatsangehörigen, der für den Mieter bürgt. Diese Hürden sind für viele Ausländer kaum zu überwinden.

Wer in Kobe über viel Geld verfügt, wird wenig Probleme haben, eine gute Wohnung zu finden. Der Wohnraum im unteren Preissegment aber ist hart umkämpft. Hier kennt die Not verschiedene Abstufungen. An oberster Stelle der städtischen Bedarfsliste stehen diejenigen, die beim Erdbeben von 1995 ihr Haus verloren haben und vorübergehend in Container-Wohnungen untergebracht wurden.

Alle anderen, die auf eine billige Wohnung aus dem Städtebauprogramm angewiesen sind, dürfen zweimal jährlich an einer Lotterie teilnehmen und auf ihr Wohnungs-Glück hoffen. Wer fünfmal bei der Verlosung Pech hatte, bekommt eine besondere Chance bei der sechsten Ziehung. Für Alleinerziehende und Menschen mit Behinderungen gibt es eine zusätzliche dritte Lotterie pro Jahr. Der Bedarf ist groß.

Erdbebenfolgen

Einige Bedürftige versuchen ihr Glück im benachbarten Osaka, wo die Stadtverwaltung inzwischen Wohnungen zur Verfügung stellt, für die kein "key money" bezahlt werden muss. Allerdings hat Osaka die größte Obdachlosenrate Japans und - für japanische Verhältnisse eher ungewöhnlich - mit sozialen Problemen in einzelnen Stadtteilen zu kämpfen. Dementsprechend ist hier das Problem bezahlbarer Wohnungen kaum geringer einzuschätzen.

Kobe und die dazugehörige Präfektur Hyogo haben kürzlich einen Zwischenbericht des "Phoenix Hyogo"-Wiederaufbauplans vorgelegt, der nach dem gewaltigen Erdbeben initiiert wurde. Das "Große Hanshin-Awaji-Erdbeben", so die japanische Bezeichnung, hatte am 17. Januar 1995 insgesamt 120000 Häuser und Gebäude beschädigt und erforderte so einen umfassenden Plan zur Neuordnung der Stadt. Das Vorhaben betraf sowohl die Sanierung der besonders betroffenen Stadtteile wie auch die Schaffung neuer Viertel, wobei die Instandsetzungen unmittelbar begannen, um auch der bereits einsetzenden Abwanderung der Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Viele fürchteten weitere Erdbeben und zogen es vor, ihre neue Existenz an einem sichereren Ort aufzubauen. Inzwischen leben in Kobe wieder annähernd so viele Menschen wie vor dem Erdbeben, nur in einzelnen Stadtteilen wie etwa Nagata wohnen heute rund 20 Prozent weniger. Als ein Folgeeffekt des Erdbebens etablierten sich auch neue Wohnformen, wie zum Beispiel Gemeinschaftshäuser für ältere Personen, die den psychologischen Schock und die Angst vor neuen Erdbeben in der Gemeinschaft mindern sollen.

Vor allem aber die Schaffung neuer Wohngebiete und Viertel erwies sich als problematisch, denn die räumlichen Möglichkeiten sind in Kobe sehr begrenzt. Auf der einen Seite verhindert das Rokko-Gebirge die Expansion, auch wenn schon gewagte Projekte mit vielen Wohneinheiten in den Berg gebaut wurden, wie etwa die Rokko-Hangsiedlungen des japanischen Stararchitekten Tadao Ando. Auf der anderen Seite, im Süden, ist das Meer der begrenzende Faktor - auch wenn hier die Bauprojekte nicht weniger spektakulär sind. In den letzten Jahrzehnten entstanden mit "Port Island" und "Rokko Island" künstlich im Meer errichtete Inseln, die unzählige Wohnsilos beherbergen. Auf diesen Inseln ist das Wohnen insgesamt günstiger, erzählt Immobilienmakler Seto, da viele Japaner das Festland dem von Wasser umgebenen Beton vorziehen würden.

Neben "Port Island" liegt gleich Kobes Hafen, der seit jeher für den internationalen Charakter der Stadt verantwortlich zeichnet. Kobe war neben Yokohama 1858 der erste Hafen, der nach der Isolation und Abschottung Japans Ausländern wieder die Einreise erlaubte. So finden sich in der Kitano-Gegend in Kobe Häuser der unterschiedlichsten Stilrichtungen, die auch europäischen Einfluss spüren lassen. Viele der Villen beherbergen heute Museen, manche befinden sich aber auch in Privatbesitz.

Kitano ist auch die Gegend, in der Rainer Wenzel wohnt. Er hat sich inzwischen einige Wohnungen und Häuser in billigeren Gegenden angesehen und seine Vorliebe für Tatami-Matten und alte Häuser entdeckt. Dafür hat er auch gleich deren Nachteile bei den Besichtigungen erlebt: Die meisten traditionellen japanischen Holzhäuser verfügen über keine Isolierung, so dass oft die Innen- der Außentemperatur gleicht - was die Rechnung für Heizung beziehungsweise Klimaanlage explodieren lässt. Zudem ist Schimmel an den Wänden keine Seltenheit, die billige Wohnung hat ihren Preis. Bei der Wohnungssuche hat er auch erfahren, wie Gesellschaft und Wohnen zusammenhängen. "Das ist nicht wie in Deutschland, dass man öfters mal die Wohnung wechselt. Das kann hier niemand bezahlen", sagt er. So ist es durchaus üblich, bis zur Heirat im elterlichen Haus zu wohnen - um sich dann gemeinsam das einmalig zu entrichtende "key money" leisten zu können. Häufiger Wohnungswechsel, noch dazu nicht aus der Not heraus, ist absoluter Luxus.

Neue Wohnung per Lotterielos

Wer es mit der Wohnung ganz schlecht erwischt hat, der kann sich beim japanischen Fernsehen bewerben, das das spannende Thema Wohnen für sich entdeckt hat. Wöchentlich gehen vier Kandidaten auf Sendung, die um die ärmlichste Wohnsituation und um das Preisgeld konkurrieren. Ein Tester der Comedy-Show besucht die Mieter in deren Wohnungen und stellt fest, wie arm, wie klein und wie verrückt die Lebenssituation jeweils ist. Eine Einblendung dazu zeigt, wie viel die Wohnung kostet und welches Einkommen zur Verfügung steht. Da kommt dann beispielsweise der junge Musiker auf den Bildschirm, der aus Platzmangel einen Teil seiner Videokassetten im Kühlschrank gelagert hat. Da legt der Tester einen Satz Murmeln auf den hügeligen Fußboden und staunt, wie sich diese schnell in verschiedene Richtungen zerstreuen. Und es gibt die Teilzeitverkäuferin, die in der winzigen Wohnung erstaunlicherweise doch noch einen Platz zum Schlafen findet. Der Sieger wird von einer Jury gekürt und erhält knapp 2000 Euro. Zum Umziehen reicht das aber auch nicht, da muss man schon in der alten Wohnung bleiben.

Oliver Hoffmann

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Kobe im Jahre 2003: Jetzt leben hier wieder so viele Menschen wie vor dem Erdbeben 1995
alle Fotos: Oliver Hoffmann

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Immobilienmakler Seto: Am liebsten vermittelt er große und teure Wohnungen

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Wohnungsangebot in Kobe: große Auswahl für die, die zahlen können

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Das andere Gesicht von Kobe: Obdachlose am Hafen

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Im Stadtviertel Kitano:
Der europäische Einfluss
ist sichtbar

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Traditionelle japanische Bauweise: Innentemperatur gleicht Außentemperatur

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