MieterMagazin

 Oktober 2003 - aktuell

Verkehr

Neue Projekte zur Lärmminderung

Der Verkehr ist im Berliner Stadtgebiet der Hauptlärmverursacher. Tagsüber sind 70 Prozent der Anwohner von Hauptverkehrsstraßen Lärmpegeln über 65 dB(A), in der Nacht sogar mehr als 85 Prozent Pegeln von 55 dB(A) und mehr ausgesetzt. Bei diesen Werten sind gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht auszuschließen. § 47a der Bundesimmissionsschutzverordnung verpflichtet die Kommunen zu Schutzmaßnahmen. In Charlottenburg-Wilmersdorf, aber auch in anderen Bezirken, besteht dringender Handlungsbedarf.

Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp vom Institut für Technische Akustik der TU Berlin untersucht im Rahmen des Projekts "Soundscapes in der Lärmwirkungsforschung" gemeinsam mit Akustikern, Architekten, Medizinern, Stadtplanern, Psychologen und Soziologen in einer Feldstudie so genannte "Schall-Empfindungsräume" - unter anderem auch in der Schlossstraße in Charlottenburg. Erste Ergebnisse zeigen Erstaunliches: Obwohl die objektiven Lautstärkepegel an allen Messpunkten der Straße gleich hoch waren, wurden sie in den Teilbereichen unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert. "Der Mittelwert für den Schallpegel allein genügt noch lange nicht, um ,Lärm' zu beschreiben", so die Forscherin. Erst weitere, eher subjektive Faktoren machen Schall zum Lärm. Zurzeit wird - auch auf Grund ihrer Messungen - die Kreuzung Schlossstraße, Zillestraße/Knobelsdorffstraße umgebaut. Pflastersteine werden durch eine Schwarzdecke ersetzt. Der Verkehrslärm für die Anwohner verringert sich dadurch um die Hälfte.

Mit anderen Projekten zur Minderung des Verkehrslärms tut sich der Bezirk schwerer. Burkhard Lemberg, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Fasanenstraße, der rund die Hälfte der Geschäftsleute der ehemaligen "Nobelmeile" angehören, ist dafür, dass die Straße zwischen Kurfürstendamm und Lietzenburger Straße zur Fußgängerzone erklärt wird. Die Straße würde so vom Durchgangsverkehr entlastet, der Verkehrslärm würde geringer. Auch Wirtschaftsstadtrat Bernhard Skrodzki und Andreas Koska, Fraktionsvorsitzender der Grünen, befürworten das Projekt. Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler bremst: Ein Umbau der Straße zur Fußgängerzone würde den Bezirk 650000 Euro kosten. Auch die 52000 Euro Einnahmen für die 100 öffentlichen Stellplätze würden entfallen. Dabei würden bereits drei Poller an beiden Enden des Straßenabschnitts ausreichen. Auch könnten die Gewerbetreibenden an den Umbaumaßnahmen beteiligt werden, schließlich würde ihnen eine Fußgängerzone mehr Kunden als bisher bringen.

Martina Schmiedhofer, Bezirksstadträtin für Soziales, Gesundheit, Umwelt und Verkehr, setzt allerdings andere Prioritäten. Die Planungsgemeinschaft Theine aus Hannover erstellt zurzeit im Auftrag von Bezirk und Senat ein Gutachten zur Verringerung des Verkehrslärms. Untersucht werden insbesondere die Hauptverkehrsstraßen in Charlottenburg-Wilmersdorf: neben der Bismarckstraße - einer der lautesten Straßen der City West - unter anderem die Otto-Suhr-Allee, die Kaiser-Friedrich-, Kant- und Knobelsdorffstraße, der Klausenerplatz sowie die Umgebung des Schlosses Charlottenburg und des Messegeländes. Im Dezember soll der erste Zwischenbericht vorliegen, mit dem Abschlussbericht rechnet Martina Schmiedhofer Ende 2004. Die Ergebnisse sollen dann mit den betroffenen Anwohnern diskutiert werden.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat inzwischen stadtweit 23 Straßenabschnitte als hochgradig lärmbelastet eingestuft. Die Bezirke Mitte und Köpenick wurden zu Modellvorhaben für Maßnahmen zur Lärmminderung erklärt. Die Köpenicker Altstadt wird danach zum verkehrsberuhigten Geschäftsbereich mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 10 km/h, der Durchgangsverkehr wird bis 2005 unterbunden, Fußgänger- und Tempo-30-Zonen werden eingerichtet.

Im Pankower Stadtteil Weißensee kämpft die Bürgerinitiative Langhansstraße für die "zeitnahe Aufstellung und Umsetzung eines gebietsbezogenen Lärmminderungsplanes" im Rahmen der Agenda 21. Gerade die Agenda 21, die mit ihren 40 Kapiteln alle wesentlichen Politikbereiche einer umweltverträglichen, nachhaltigen Entwicklung anspricht, kann einer weiteren Zunahme der Lärmbelastung entgegenwirken, eine schrittweise Verbesserung erreichen und die Lärmminderung in andere Politikbereiche integrieren.

Rainer Bratfisch

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Im Westen eine der Lautesten: die Charlottenburger Bismarckstraße
Foto: Kerstin Zillmer

" Die Verkehrspolitik von Senator Strieder verströmt den Mief der großen Koalition."
Claudia Hämmerling, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus

nach oben auf dieser Seite    zurück zur letzten Seite    diese Seite drucken    diesen Artikel versenden als E-Mail    zur Startseite Berliner Mieterverein online

Copyright: Berliner Mieterverein e.V., Wilhelmstraße 74, 10117 Berlin