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In der Mitte Berlins sind immer mehr Wohnungsneubauten von der Abrissbirne bedroht. Neben dem Plattenbau Luisenstraße 22-30 (Baujahr 1989/90) und dem Wohnhaus Kurfürstenstraße 88 (Baujahr 1985) ist nun auch der 1982/83 für die Internationale Bauausstellung (IBA) erbaute Wohnkomplex am Lützowplatz 2-18 gefährdet. Die Eigentümerin Dibag Industriebau AG beantragte bereits im März eine Abrissgenehmigung, weil die Bausubstanz angeblich "bauphysikalisch völlig desolat" und eine Sanierung viel aufwändiger als ein Neubau sei.
Die rund 250 Bewohner der Wohnanlage mit der markanten Giebelfassade halten die Begründung für den geplanten Abriss für unglaubwürdig: Frühere Mängelanzeigen von Mietern hat die Dibag vor Gericht "als ,Bagatellen' vom Tisch gewischt, damit sie weiter die volle Miete verlangen kann", berichtet Peter Nitsch, Sprecher der Mieterschaft. Paradox findet er, dass nun ein angeblich ruinöser Bauzustand als Abrissgrund angeführt wird. Die Senkrisse im Putz wären relativ leicht zu beseitigen, meint Nitsch, der vermutet, dass die Dibag vorrangig kommerzielle Interessen verfolgt: Auf der Internet-Seite des Unternehmens hat er ein Hotel-Projekt mit Einkaufszentrum entdeckt, das genau auf das Grundstück am Lützowplatz passen würde. Der Pressesprecher der Dibag, Dr. Renger, versicherte jedoch, dass dort "wieder ein städtisches Quartier mit Wohnangeboten" errichtet werde, wenn der Abriss genehmigt wird. Konkrete Neubau-Pläne hat die Dibag bisher nicht. Renger betonte aber, dass die Baumängel "sehr ernst zu nehmen" seien. Die rechtlichen Hürden für den Abriss von Wohngebäuden sind allerdings hoch. Gefahren für die Sicherheit, die einen Abbruch rechtfertigen würden, gehen von dem Gebäude jedoch nicht aus. Dorothee Dubrau (Bündnis 90/Die Grünen), die als Stadtentwicklungsstadträtin von Mitte über den Abrissantrag entscheiden muss, hat sich bereits ablehnend geäußert. Die Bewohner hoffen auch auf einen Vorstoß der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, wonach das 1989 eingestellte Bebauungsplanverfahren wieder aufgenommen werden soll: Damit kann der Bereich als Wohngebiet festgesetzt und der ehemalige Vorzeigebau in seinem Bestand gesichert werden. Nach Angaben der Mieter stehen 18 der 84 attraktiven Wohnungen leer, einige schon seit zwei Jahren. "Wir sehen dafür keine nachvollziehbaren Gründe", sagt Mietersprecher Nitsch. Mietinteressenten seien von der Dibag abgelehnt worden, stattdessen haben die Bewohner beobachtet, dass aus den leeren Wohnungen die kompletten Einbauküchen entfernt wurden. "Wir haben gedacht, da wird jetzt renoviert", erzählt Nitsch, "aber es ist nichts passiert." Den Vorwurf, man lasse Wohnungen absichtlich leer stehen, wies Dr. Renger als "unwahre Behauptung" zurück: "Auf dem Berliner Wohnungsmarkt lässt sich nicht jede Wohnung ohne weiteres vermieten. Jede leer stehende Wohnung ist für uns doch ein Verlust." Die Wohnanlage ist 1983 im Rahmen der IBA fertig gestellt worden. Der Kölner Architekt Oswald Mathias Ungers hat die Wohnungen wegen der stark befahrenen Straße zu einem ruhigen Innenhof orientiert - die schlichte Straßenfassade ist quasi nur die Rückseite, im Blockinnenbereich haben die Wohnungen große Terrassen und Gärten. 63 der 84 Wohnungen sind Maisonetten mit vier Zimmern. Zwei Drittel der Anlage sind als Sozialwohnungen im Ersten Förderweg gebaut, ein Drittel als steuerbegünstigter Mietwohnungsbau, insgesamt kostete der Bau rund 22 Millionen DM. Ungers hatte seinerzeit die Einsparungen bei der Bauausführung stark kritisiert. So sollte ursprünglich auch die Straßenfassade vollständig mit Ziegeln verkleidet werden. "Es hat nicht die Qualität, die geplant war", sagte Ungers kürzlich der Zeitschrift "Foyer". "Ich meine dennoch, es ist städtebaulich ein wichtiger Teil und man sollte es erhalten." "Im Falle eines Abrisses würden soziale Probleme entstehen", befürchtet Peter Nitsch. In der Anlage lebt eine multikulturelle Gemeinschaft mit vielen Kindern, die auseinander gerissen würde. Zudem fällt Ende dieses Jahres der ganze Komplex aus der Mietpreisbindung heraus. "Ein Gutes hat der ,Kampf David gegen Dibag': Die Mieter sind näher zusammengerückt", sagt Nitsch. "Wenn wir es geschafft haben, machen wir ein Riesen-Hoffest."
Jens Sethmann
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