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Athen im Sommer 2003. Als Besucher ist es nicht gerade die einfachste Zeit in der Stadt. Die meisten antiken Stätten und großen Museen sind wegen Renovierung geschlossen. Und angesichts von Temperaturen nahe 40 Grad wird ohnehin jede Bewegung zur schweißtreibenden Anstrengung. Dazu kommt ein nicht enden wollender Verkehrsstrom und - ein Jahr vor den Olympischen Spielen - eine kaum zu überblickende Zahl von Baustellen.
32 Baumaßnahmen größeren Stils laufen derzeit noch unter der Ägide des Athener Olympia-Vorbereitungskomitees ATHOC. In Verzug sind neben mehreren Sportstätten auch eine Ringstraße und eine Straßenbahnlinie, die zur Verkehrsentlastung dringend gebraucht werden. Umweltschützer beklagen derweil, dass sich die Luftqualität durch aufgewirbelten Staub der Baustellen drastisch verschlechtert habe. Man muss schon einige Tage bleiben und die griechische Hauptstadt ganz gemächlich zu Fuß erkunden, um die schönen Seiten Athens zu entdecken - den byzantinischen Flair einiger Stadtteile, die ruhigen Ecken und kleinen Plätze, die man fast in jeder Nachbarschaft finden kann. Von den viel beschworenen städtebaulichen Veränderungen im Zuge der Olympiavorbereitung ist bisher allerdings noch nicht viel zu sehen. Der Athener Hauptplatz Omonia ist zwar nach jahrelangem Umbau endlich keine Baustelle mehr - die karge, steinerne Gestaltung, bisher ohne jedes Grün, machen den verkehrsumfluteten Platz aber kaum einladender als zuvor. Immerhin sind die Straßen rund um die Akropolis weitgehend für den Autoverkehr gesperrt worden, und man kann hier jetzt entspannt spazieren gehen. Bis zu den Spielen 2004 sollen die sechs wichtigsten archäologischen Stätten über ein Netz von aufwändig gestalteten Fußgängerwegen zu erreichen sein. Offiziell leben rund 3,5 Millionen Menschen in der Stadt - laut Schätzungen sollen es auf der gesamten attischen Halbinsel jedoch deutlich über fünf Millionen sein. Die meisten Athener leben in Wohnungen oder Häusern, die sie ihr Eigentum nennen können. Athen ist zwar keine klassische Mieterstadt, aber die Zahl der Mieter ist dennoch verhältnismäßig hoch: Während in Griechenland insgesamt nur etwa 20 Prozent der Wohnbevölkerung Mieter sind, beträgt ihr Anteil in Athen schätzungsweise um die 35 Prozent. Darunter sind viele junge Menschen und eine wachsende Zahl von Immigranten. Gerade in den Innenstadtbezirken rund um den Omonia ist augenfällig, dass Athen auch eine Drehscheibe auf dem Weg vom Orient in den Okzident ist. Man trifft Araber aus Nordafrika, anderswo irakische Kurden und Afghanen, Russen und Ukrainer, Albaner und Zigeuner. Wie viele Migranten genau in Athen zeitweilig oder für immer untergekommen sind, weiß man aber genauso wenig, wie es aktuelle Zahlen über die Situation der Mieter gibt. Bezeichnenderweise gibt es auch keine gut organisierten Mieterberatungen. Es erweist sich bereits als schwierig, überhaupt eine ausfindig zu machen. Und die, die am Ende gefunden wird, nennt sich zwar "Panhellenische Vereinigung zum Schutze der Mieter", im Gespräch räumt der Vorsitzende Angelos Skiados aber ein, dass sich hinter dem vielversprechenden Namen nicht viel mehr verbirgt als die juristische Beratung durch ihn persönlich.
Olympia treibt Grundstückspreise in die Höhe
Ganz anders der Besuch bei Stratos Paradias. Er ist der Präsident des "Griechischen Hauseigentümer-Verbandes". Seine gediegene Kanzlei liegt gegenüber der Athener Börse mit Blick über die Stadt. Glaubt man Paradias, dann ist die Situation auf dem Athener Wohnungsmarkt geradezu paradiesisch: "Es gibt mittlerweile ein Überangebot an Wohnungen und die Mieten sind seit der Liberalisierung des Mietrechts Mitte der 90er Jahre stabil geblieben", so Paradias. Seit dieser Mietrechtsreform können die Mieten frei ausgehandelt werden, und die Mieter besitzen - zumindest formal - einen dreijährigen Kündigungsschutz. Paradias positive Sicht der Dinge wird auch mit der Entwicklung der Immobilienpreise zu tun haben: Laut dem Jahresbericht der Griechischen Bank sind die Grundstückspreise in Athen zwischen 1995 und 2001 im jährlichen Durchschnitt um 13,3 Prozent gestiegen - der Anstieg der Verbraucherpreise betrug im gleichen Zeitraum nur 5,2 Prozent. Doch ab Mai vergangenen Jahres setzte ein Abwärtstrend ein, der vor allem die teuersten Wohnviertel wie den Vorort Psychico traf. "Zyklische Bewegungen bei den Immobilienpreisen sind ganz normal", so Paradias. "Der Markt war in Erwartung der Olympischen Spiele einfach überhitzt." Das Bild, das der Mietrechtsspezialist Angelos Skiados von der gegenwärtigen Lage entwirft, sieht weniger optimistisch aus: Nach seiner Einschätzung sind die Wohnungsmieten in Athen in den letzten fünf Jahren jährlich um rund 20 Prozent gestiegen. Skiados glaubt auch nicht daran, dass es ein Wohnungsüberangebot gibt: "Gerade durch den Zuzug von ausländischen Migranten hat sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt in den letzten Jahren verschärft." Wer eine billige Mietwohnung sucht, muss sich vor allem in Zentrumsnähe umschauen, zum Beispiel im historischen Viertel Kerameikos. Dimitris, Marquis und Stelios teilen sich hier zu dritt eine kompakte, knapp 100 Quadratmeter große Vierzimmerwohnung. Häufig übernachtet einer der Bekannten auf dem Sofa im Wohnzimmer - die Griechen sind das Zusammenleben auf engem Raum gewohnt. Die WG der drei Kunststudenten kostet monatlich 310 Euro, was für Athener Verhältnisse relativ preiswert ist. "Kerameikos gilt wegen des hohen Ausländeranteils nicht unbedingt als gute Wohngegend", erklärt Dimitris. Ihm gefällt das Altbauviertel trotzdem: "Es ist zentral gelegen und ziemlich ruhig." Das Einzige, was Dimitris manchmal an dem Wohnumfeld stört, ist die soziale Kontrolle durch die Nachbarn - angesichts der beengten Wohnverhältnisse in Athen ist das gerade für junge Menschen ein generelles Problem. Wer mehr Abgeschiedenheit sucht, muss in die exklusiven Wohnlagen ziehen, sie liegen vor allem in den Außenbezirken im Nordosten oder an der Küste im Süden. Hier sind den Mietpreisen nach oben kaum Grenzen gesetzt. Ein zentral gelegenes, möbliertes 70-Quadratmeter-Loft in der Plaka gibt es noch für 570 Euro, ein luxuriöses 120-Quadratmeter-Appartement in Voula, direkt am Meer, kann dagegen schon mal 2800 Euro im Monat kosten.
Archaische Stadtentwicklung
Dass es in Athen insgesamt einen so hohen Anteil an Wohneigentum gibt, hat mit der Schlüsselrolle der Familie in der griechischen Gesellschaft zu tun. Die muss auch für Defizite im staatlichen Wohlfahrtssystem aufkommen. Und zur guten Tradition gehört es, dass die Eltern ein langes Arbeitsleben auf sich nehmen, um sich irgendwann Grund- und Wohneigentum leisten zu können, das am Ende den Kindern vererbt wird. Der wichtigste Mechanismus des fast ausschließlich privaten Wohnungsbaus in Athen ist traditionell der der "Antiparochie", der Gegenleistung, bei dem Landeigentümer, Finanziers und Projektentwickler das jeweilige Bauvorhaben in Partnerschaft organisieren und die Wohneinheiten anschließend untereinander aufteilen. "Diese private Parzellenentwicklung hat dazu geführt", so die Stadtplanerin Catherine Sykianaki, "dass eine organisierte Stadtplanung in Athen bisher keine entscheidende Rolle gespielt hat." Laut Sykianaki, Leiterin der städtischen Agentur für Planung und Umweltschutz in Athen, hat der Staat bis heute kaum Möglichkeiten, den privaten Wohnungssektor zu reglementieren. "Wegen der geltenden Rechtslage ziehen sich die notwendigen Prozesse, in denen über die Enteignung zum Zwecke eines öffentlichen Projektes entschieden wird, viele Jahre hin." Für die Olympischen Spiele hat man nun aber das gesamte Procedere verkürzt. Dass Athen bisher weitgehend ungeplant gewachsen ist, hat auch mit den eigentümlichen historischen Umständen zu tun. Die Ursprünge Athens mögen über 3000 Jahre zurückliegen, doch der größte Teil der Bebauung ist erheblich jüngeren Datums. Die Expansion der Stadt begann 1922 mit den Flüchtlingen nach der Vertreibung der Griechen aus der Türkei. Dann wuchs Athen im Zuge des griechischen Bürgerkriegs ab 1944. Es folgte die Landflucht und - in der letzten Dekade - der Zuzug mehrerer hunderttausend ausländischer Migranten. Heute leben im Großraum Athen mehr als 40 Prozent der griechischen Bevölkerung. Wenn auch die Zeiten der Bevölkerungsexplosion vorbei sind: Athen dehnt sich weiter in das Umland aus, vor allem nach Osten in der Umgebung des neuen Flughafens und im Süden die Küste entlang. Die Bauprojekte im Zuge der Olympischen Spiele tragen ihren Teil zum Wachstum der Stadt bei. Die olympischen Milliarden-Projekte mögen auch die Immobilienpreise ankurbeln und mehr Touristen nach Athen locken, allerdings bezweifeln Kritiker, dass sie die dringlichen Probleme Athens lösen helfen. "Es muss darum gehen, Freiräume zu schaffen - und das geht nur, indem man Häuser abreißt und nicht dadurch, dass man neue riesige Bauwerke errichtet", so der Umweltschützer Michael Dekleris. Dass die Olympischen Spiele eine städtebauliche Kehrtwende bringen oder Athen eine ähnliche Aufwertung zu erwarten hat, wie sie Barcelona nach den Spielen von 1992 gelungen ist, glauben heute in erster Linie Berufsoptimisten. Andere wie Nikos Charalambidis, Chef von Greenpeace Griechenland, meinen, die Chance zu einer ökologischen Reform sei vertan worden: "Die Quadratmeterzahl an Grün oder Freiflächen pro Einwohner ist jetzt schon eine der niedrigsten in Europa."
Vorfahrt für öffentlichen Verkehr
Sicher ist: Der Staat zahlt in jedem Fall viel für die Austragung der Olympischen Spiele. Zuletzt waren die Gesamtkosten zu Beginn des Jahres erneut um 800 Millionen Euro angestiegen - auf mittlerweile 5,4 Milliarden. Die vielen Infrastrukturmaßnahmen - der Bau zahlreicher Umgehungsstraßen, die neue Straßenbahn sowie die Modernisierung des Stadt- und U-Bahnsystems - machen dabei fast zwei Drittel aller Ausgaben aus. Einhellig als positiv bewertet werden immerhin die lange überfälligen Verbesserungen im Öffentlichen Nahverkehr: "Es ist die einzigartige Chance, die private Autokultur zu verändern", so Nikos Charalambidis von Greenpeace. "Es hat Jahre gedauert, bis wir eine kleine, moderne U-Bahn gebaut haben. Und nur wegen der Olympischen Spiele haben wir angefangen, die U-Bahn zu erweitern, Linien in die Vororte zu bauen, dazu die Straßenbahn und einen Teil der Busse auf Erdgas umzustellen." Bei vielen anderen Projekten - wie den neuen Sportstätten - ist es laut Charalambidis unklar, wie sie langfristig genutzt werden sollen, zumal ihr Unterhalt teuer ist. Auch eines der größten Olympia-Projekte wird zwiespältig beurteilt: das Olympische Dorf. Während Greenpeace-Chef Charalambidis die Nichteinhaltung versprochener ökologischer Standards bemängelt, sieht die Stadtplanerin Catherine Sykianaki in der geplanten post-olympischen Nutzung des Olympischen Dorfes ein "Modellprojekt für den öffentlich geförderten Wohnungsbau", der in Griechenland bisher kaum Tradition hat: Nach den Spielen will der "Arbeiter-Wohnungs-Verein" hier im Norden Athens, am Fußes des Bergs Parnitha, über 10000 Menschen, vor allem einkommensschwachen und kinderreichen Familien, ein neues Zuhause bieten. Der "Arbeiter-Wohnungs-Verein" ist die einzige wichtige Institution des Sozialen Wohnungsbaus in Griechenland - seit 1954 hat er rund 366500 Familien dabei unterstützt, Wohn- und Hauseigentum zu erwerben, vor allem durch zinslose Darlehen. Das große Interesse zeigen 18000 Bewerbungen für die 2300 Wohneinheiten des Olympischen Dorfes.
Ole Schulz
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