|
Wieder einmal droht dem Freistaat Christiania im Herzen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen das endgültige Aus. Der neueste Plan der Regierung sieht eine "Normalisierung" vor. Naturgemäß regen sich besonders im konservativen Lager Widerstände gegen das unkontrollierbare Etwas im Zentrum des Königreichs. Die anarchischen Kommunarden hingegen fragen sich schmunzelnd, was "normal" überhaupt sei und harren aus.
Seit der Gründung 1971 erhitzt der Freistaat die Gemüter und spaltet die Bevölkerung in zwei Lager. Obwohl das "soziale Experiment Christiania" viel erreicht hat, beispielsweise eine eigene Verwaltung und ein eigenes Postwesen, gab es immer wieder auch Rückschläge zu verkraften wie den florierenden Handel mit harten Drogen in den 80er Jahren oder die ständigen Scharmützel mit der Polizei. Trotz der ungewissen Zukunft und der wechselhaften Vergangenheit ist der knappe Wohnraum im Freistaat aber begehrt wie nie zuvor. "Ich hatte einen sehr guten Lehrmeister", sagt Inge überzeugt, während sie ihr verbeultes Fahrrad unbeeindruckt durch den strömenden Regen lenkt. Inge ist 23 Jahre alt und einer von insgesamt drei Postboten im Freistaat Christiania. Sie trotzt dem heftigen Morgenschauer mit einer ausgeleierten, knotigen Strickjacke, zerfetzten Jeans und einer badekappenartigen Mütze von unbestimmter Farbe. So etwas wie eine leuchtend gelbe Uniform gibt es im nonkonformistischen Freistaat selbstverständlich nicht. Die Briefträger sind Angestellte von Christiania, nicht der Stadt Kopenhagen, und werden daher für ihre Dienstleistung auch ausschließlich von den Bewohnern Christianias bezahlt. Für 300 Dänische Kronen, etwa 40 Euro, verteilt Inge die tägliche Post unter den circa 900 Christianitten, wie sich die Bewohner der Enklave im Stadtteil Christianhavn selbst nennen.
Ein anarchisches Dorf außerhalb der EU
Einen guten Lehrmeister zu haben bedeutet im Freistaat wohl in erster Linie, jemanden an seiner Seite zu wissen, der sich in dem 32 Hektar großen, dschungelähnlichen Areal, das mit engen und überwucherten Trampelpfaden durchzogen ist, die nicht selten ins Nirgendwo führen, perfekt auskennt und der genau weiß, an welchem Ende die Empfänger der Briefe, Magazine und Tageszeitungen zu Hause sind. Denn alle 900 Christianitten teilen sich, ganz im Sinne des kommunalen Gedankens der Gründerväter, dieselbe Postadresse: Badsmandsstraede 43, 1407 K.B.H., Kopenhagen. "Es gibt hier keine Hausnummern und nur wenige Briefkästen", erzählt Inge weiter, "und viele benutzen fast ausschließlich ihre Christiania-Namen". Sie grinst und bedeckt die inzwischen aufgeweichten Briefe mit einer Plastikplane. "Die Christiania-Namen stehen aber nur selten auf den Briefen". An den Türen prangen fantasievolle und oftmals esoterisch angehauchte Pseudonyme wie Helge Pyramide, Lars Nordmond oder einfach nur "Klud", was soviel wie Lappen oder Waschlappen bedeutet. Ihre fünfstündige Rundreise beginnt im vorderen Teil Christianias, in der Nähe des Haupttors, das die Enklave von der EU trennt, worauf man beim Verlassen ausdrücklich hingewiesen wird. Hier flankieren alte Lagerhallen und Baracken aus dem späten 19. Jahrhundert das abgeschliffene Kopfsteinpflaster. Viele dieser Gebäude werden als Gemeinschaftshäuser genutzt. Sie beherbergen Cafés, eine Kunsthandlung, ein öffentliches Badehaus, ein Theater, das "Byens Lys", das "Licht der Stadt", in dem auch die gemeinschaftlichen Entscheidungen der Christianitten gefällt werden, das "Grönsagen", das Grönlandhaus, in dem frisches Obst und Gemüse vom Markt verkauft wird, ein Fahrradgeschäft und mehrere Handwerksbetriebe. Christiania ist eine autarke Kommune, ein kleines anarchisches Dorf, eingebettet in die 800000 Einwohner zählende Hauptstadt Dänemarks. Bevor sich eine handvoll freiheitstoller "Hippies" vor 33 Jahren durch ein Loch im Holzzaun zwängte, um auf ein ungenutztes Armeegelände zu gelangen, war das Areal und die verfallene Kaserne im Besitz des Verteidigungsministeriums. Bereits wenige Monate nach der friedlichen "Okkupation" wurde ohne viel Aufsehens der Freistaat Christiania ausgerufen und ein Vertrag über die Nutzung des Geländes mit der damaligen Regierung geschlossen, auf den sich die Kommunarden noch heute berufen. Den neuen Bewohnern ging es um Selbstverwirklichung und um die Idee, eigenen Wohnraum selbst zu entwerfen und zu gestalten, jenseits aller bürgerlichen Normen. Die Bastler und Freizeitarchitekten schufen sich Behausungen im Geäst der Bäume und auf Arkaden zwischen den alten Baracken. Entlang des Stadtgrabens und auf dem Christiania umgebenden Wall aus dem 17. Jahrhundert wurden Kinderträume von gelandeten UFOs und zwölfseitigen Pyramiden verwirklicht, ohne Bauvorschriften, ohne Kredite, oft aus Recyclingmaterial oder aus dem, was das Gelände hergab. Doch der Freistaat zog und zieht nicht nur Utopisten und Andersdenkende an. 1989 schloss die Selbstverwaltung alle Eingänge und sperrte die Dealer und Konsumenten harter Drogen aus. Seit diesem Akt der Selbstreinigung konzentriert sich der immer noch geduldete Haschisch- und Marihuanamarkt auf eine Straße im Zentrum von Christiania, der Pusher Street - und die Bewohner und Touristen werden täglich von patrouillierenden Polizisten in Uniform überwacht. In 33 Jahren haben sich insgesamt 27 Justiz- und Verteidigungsminister mit dem sozialen Experiment Christiania beschäftigt. Doch niemand meinte es so ernst, wie die 2001 gewählte rechtsliberale Koalition um Anders Fogh Rasmussen. Noch in diesem Jahr soll das Ziel, den Freistaat zu "normalisieren", endgültig durchgesetzt werden. Mit anderen Worten: Die Regierung plant mal wieder das Ende Christianias. Den Verantwortlichen sind die illegalen Bauten, der Drogenkonsum und die ständigen Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt ein Dorn im Auge.
Die Dänen lieben ihren Freistaat
Aber den Behörden stehen nicht nur die 900 Christianitten gegenüber, sondern auch zwei Drittel der Gesamtbevölkerung Dänemarks, die ihren Freistaat lieben oder zumindest die Idee schätzen, dass in ihrem Königreich etwas existiert, was anderswo schon längst niedergewalzt worden wäre. "... und auch deshalb, weil der Freistaat nach dem Tivoli und noch vor der kleinen Meerjungfrau die zweitgrößte Touristenattraktion des Landes ist", bemerkt Sandra Marquard. Sandra ist eine diplomierte Sozialpädagogin aus Hamburg und reiste vor mehr als drei Jahren als Touristin nach Christiania, "um sich das soziale Experiment einmal genauer anzuschauen", wie sie sagt. Dort lernte sie den Dänen John kennen und lieben und zog kurzerhand in sein ausgebautes Dachgeschoss über dem großen Konzertsaal des Freistaats an der Pusher Street. Sie ist im achten Monat schwanger, erwartet ihr erstes Kind und arbeitete bis vor kurzem im Kindergarten von Christiania. John ist handwerklich begabt und bietet sein Talent den Bewohnern feil. "Wir alle lieben die dörfliche Idylle ohne Autos und das viele Grün mitten in der Großstadt. Es ist immer noch etwas ganz Besonderes, in Christiania wohnen zu dürfen." Aber wie lange noch? Der neueste Plan der Regierung sieht den Verkauf des gesamten Areals vor. Den derzeitigen Bewohnern steht offen, ihre Häuser und Wohnungen in Zukunft regulär zu mieten oder zu kaufen. Doch das entspricht weder dem Geldbeutel noch dem Selbstverständnis vieler Christianitten. Für Arbeitslose, Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, die jahrelang aus der Gemeinschaftskasse Christianias unterstützt und im Freistaat geduldet wurden, sind es jedenfalls düstere Aussichten. Es ist schwer, einen Platz in Christiania zu ergattern. Da nicht mehr gebaut werden darf, ist der Wohnraum knapp geworden im Freistaat und das Auswahlverfahren dementsprechend hart. In allen Bezirken der Kommune entscheiden die Bewohner gemeinsam und einstimmig, welcher Bewerber in die Nachbarschaft aufgenommen wird. Entscheidend sind Sympathie und das zu erwartende Engagement für die Gemeinschaft. Der für Kopenhagener Verhältnisse geradezu lächerliche Mietpreis ist ein weiterer Grund, warum die wenigen Plätze im Freistaat so begehrt sind.
Bestandssicherung bis 2006
Besonders umworben sind die abgelegenen Bezirke im hinteren Teil und an der anderen Uferseite des Kanals, der halb Christiania umspült. Die Häuser dort sind geräumig und weit ab von den Touristen und den Kiffern der Pusher Street. Dennoch spielt es keine Rolle, ob die Wohnung im Kellergewölbe einer Baracke liegt oder in einem Holzhaus mitten im Grünen. Alle Christianitten zahlen die gleiche Miete in den Gemeinschaftsfond: 900 Dänische Kronen, etwa 120 Euro im Monat, und die Wartelisten sind in allen Bezirken gleichermaßen lang. Vor allem die Art der Wohnungsvergabe ist für die derzeitige Regierungskoalition scheinbar untragbar. Schaut man an die Peripherie Christianias, erspäht man den wohl gewichtigsten Grund für die geplante, radikale "Normalisierung". Vor ein paar Jahren entstanden hier schicke Eigentumswohnungen in Wasserlage mit einem beeindruckenden Blick auf die unberührte Naturlandschaft Christianias. Die Wohnungen kosten circa 2 Millionen Euro, das entspricht in etwa dem Jahresbudget des Freistaats. Das 32 Hektar große Gelände wird derzeit auf einen Gesamtwert von 300 Millionen Euro geschätzt und man würde es nur zu gerne an den meistbietenden Spekulanten verkaufen. "Es sieht mal wieder schlecht aus", sagt John, "obwohl vor kurzem ein kleiner Etappensieg erzielt wurde." Nachdem Anfang Juni 50000 Menschen, unter ihnen teilweise namhafte dänische Künstler, für den Erhalt Christianias auf die Straße gegangen sind, konnten die Christianitten ein Bleiberecht bis 2006 erkämpfen. Ihr Baby - die beiden wissen weder, ob Junge oder Mädchen, noch haben sie bis jetzt einen Namen für den Nachwuchs gefunden - wird in Christiania laufen lernen. Da sind sie sich sicher. Inge strampelt mit ihrem Fahrrad durch die letzten Bezirke. Ganz am Ende steht der Stadtteil "Dyssen". "Bis dahin bin ich mindestens fünf Stunden unterwegs", erklärt sie. Je weiter sie sich in das Gestrüpp wagt, desto öfter muss sie absteigen und die aufgeweichten Pfade zu Fuß bewältigen. Rechts und links tauchen die architektonischen Highlights der Siedlung auf. Das "Bananhuset", ein Gebilde aus Holz und Stein, geformt wie eine Banane, der liebevoll gestaltete Reiterhof oder "Den Sjette Sans", der sechste Sinn, ein eigenwilliges Bauwerk auf Stelzen, direkt in den ruhigen Kanal gesetzt. "Es ist der beste Job, den ich je hatte", platzt es plötzlich aus Inge heraus, obwohl sie von oben bis unten durchnässt ist und die Schlammspuren von der Hose bis fast zum Hals reichen.
Gregory Verweyen/Nicole Lindner
|