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So kurz vor den Bundestagswahlen entdecken plötzlich alle ihr Herz für die Familie. Da kommt der aktuelle senatseigene Bericht über "die Lage der Familien in Berlin" gerade rechtzeitig, wenn er auch schon Mitte 2000 noch unter dem CDU/SPD-Senat in Auftrag gege-ben wurde. Vor allem die wirtschaftliche Situation der Familien steht im Mittelpunkt der Analyse aus dem Hause Böger, die erstaun-licherweise neben allen doch irgendwie seit langem bekannten finanziellen Notlagen und Schwierigkeiten der Familie auch zu Tage fördert, dass "von einer Existenzkrise der Familie" keine Rede sein könne.
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Manchmal erlebt man es noch, das Erstaunen der Besucher aus anderen Großstädten, wenn sie mitten im Zentrum von Berlin, nur einen Steinwurf entfernt von Museumsinsel und Touristenattraktionen, das Kinderbad im Monbijou-Park entdecken. Meist folgt der Verblüffung der wehmütige Nachsatz, dass so etwas leider in der eigenen Heimatstadt nicht zu finden sei. Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren bemüht, die Familien in seinen Stadtgrenzen zu halten, doch allein die ins Umland ziehenden Paare mit schulpflichtigen Kindern haben laut Studie zu einem Bevölke-rungsrückgang von 20000 Einwohnern geführt. Besonders betroffen waren hiervon die Innenstadtbezirke und die großen Ost-Wohnsiedlungen, die damit auch ihre Gutverdienenden verloren haben. Diese Tendenz scheint vorerst gestoppt, da das Potenzial an jungen Familien, die wirtschaftlich in der Lage sind zu bauen, zurzeit erschöpft ist.
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Dabei leben in Berlin schon in 80 Prozent der Haushalte keine Kinder mehr. Um die restlichen 20 Prozent müht man sich nun, von denen je 7 Prozent allein Erziehende sowie Paare mit einem Kind oder mit mehreren Kindern ausmachen. Besonders problematisch sind aber die circa 9 Pro-zent aller Familien, die unter der Armutsgrenze leben - rund 300000 Berliner und damit gleichzeitig 14,4 Prozent aller Kinder sind davon betroffen. Laut Bundesstatistik gilt ein Ehepaar mit einem Kind als arm, wenn pro Monat weniger als 1500 Euro zur Verfügung stehen - also weniger als die Hälfte des üblichen Durchschnittseinkommens. Einen nicht unerheblichen Kostenfaktor stellt die Miete dar: Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren mussten 1998 in Berlin durchschnittlich 879 DM Brutto-kaltmiete zahlen - Heizung und Warmwasser nicht inbegriffen. Für 31 Prozent hieß dies, dass ein Drittel und mehr des Familieneinkommens für die Wohnung ausgegeben wird. Das Fazit der Studie - "Der Berliner Wohnungsmarkt bietet ein breites Angebot auch an bezahlbaren Wohnun-gen für Familien" - mutet da vorsätzlich blind an, zumal zuvor ausführlich über den Wohngeldbezug von 195000 Haushalten referiert wurde.
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Die trockenen Zahlen des Berichts werden durch den unabhängigen Beitrag von Hilde von Balluseck, Professorin an der Berliner Alice-Salomon-Fach-hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, in einen anschaulichen Lebenzusammenhang gestellt: "Das tägliche Gesicht der Armut zeigt sich in der Familienkrise, weil die Waschmaschine kaputt ist und die Reparatur ein Loch in die Haushaltskasse reißt." Auch fehlendes Geld für Nachhilfe-stunden oder kein Platz für die Hausaufgaben spiegele die konkrete Armut wider - beides mit Folgen für die Zukunft der nächsten Generation. Sie fordert daher nicht nur eine Analyse der Armut zu betreiben, um Wege zu ihrer Beseitigung zu finden, sondern "auch den armen Familien und ihren Kindern in Berlin eine Stimme zu geben, so dass sie sich zu Hause und angenommen fühlen." Vor allem Großfamilien, allein Erziehende und ausländische Familien trifft die Armut. Letztere erreichen nur 60 Prozent des Einkommensniveaus der Deutschen, jeder zehnte Haushalt davon lebt sogar in strenger Armut. Inwieweit bei der angespannten Arbeitsmarktlage in Berlin die angekündigten Anstrengungen des Senats fruchten werden, mit einem zeitlich ausgedehnteren Kinderbetreuungsangebot die Verein-barkeit von Familie und Beruf zu fördern, sei indessen dahingestellt.
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Sabine Schuster
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"Keine Existenzkrise der Familie": Ist der Familienbericht vorsätzlich blind oder wahl-taktisch schönrednerisch - oder beides?
Foto: Maik Jespersen
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" Familie und Kinder stehen bei den 18- bis
20-Jährigen an der Spitze der Wunschliste für die persönliche Zukunft."
Senatsstudie 2002 zur Familie
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Kurz erläutert
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Familie
Der Senatsbericht definiert den Begriff "Familie" umfassend und trägt damit der gewandel-ten gesellschaftlichen Realität Rechnung. "Familie ist die Lebensgemeinschaft, in der Eltern oder ein Elternteil - oder andere erwachsene Bezugs-personen - mit Kindern und Jugendlichen auf Dauer zusammenleben und für sie sorgen." Zurzeit leben 560000 Kinder unter 18 Jahren in der Stadt.
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