MieterMagazin

 Juni/Juli 2004 - aktuell

Werbung am Haus

Blick bis zur Plane

Werbung ist im modernen Leben allgegenwärtig. Für Volker Müller gilt das wortwörtlich. Seit einem halben Jahr hängt direkt vor seiner Wohnung in der Brandenburgischen Straße 16 ein riesiges Werbeplakat. Tagsüber kommt kaum noch Licht in die Zimmer, nachts werden sie durch Halogenstrahler beleuchtet. Dass ein normales Wohnen unter diesen Umständen kaum noch möglich ist, scheint weder den Hausbesitzer noch die Werbefirma zu interessieren.

"Wir hatten schon alle möglichen Motive, am besten hat meiner Tochter ‚Der Schuh des Manitu' gefallen", erzählt Volker Müller ironisch. Auch "Ikea" oder die TV-Serie "Sex in the City" nutzten die Werbefläche an der viel befahrenen Kreuzung in Wilmersdorf. Stolze 22 mal 12 Meter misst die Werbeplane, die an einem Gerüst befestigt ist. Müller ist der einzige Leidtragende, alle anderen Wohnungen hinter dem Gerüst stehen leer.

Seine Miete hat er um fast 100 Prozent gemindert, zumal das so genannte "Haus am Preußenpark" noch andere gravierende Mängel aufweist. "Ich wohne seit fast 30 Jahren hier, in all dieser Zeit wurden nur die allernotwendigsten Reparaturen gemacht, dabei zahle ich mit meiner Miete doch auch Instandhaltungsanteile", ärgert sich Müller. Als das Gerüst im Oktober letzten Jahres aufgebaut wurde, hoffte er daher, dass es nun endlich losgeht mit der Sanierung.

In der Tat wirkt das fast leer stehende, ehemals prächtige Eckhaus gespenstisch. Der hochherrschaftliche Treppenaufgang bröckelt vor sich hin und an der Fassade hat sich Grünspan breit gemacht. Auch in den großzügig geschnittenen, 200 Quadratmeter großen Wohnungen müsste dringend etwas gemacht werden. Die Heizung lässt sich nicht mehr regulieren, die Fenster sind morsch. Von über 20 Wohnungen sind nur noch vier bewohnt. Wie Volker Müller berichtet, werden seit 1996 frei werdende Wohnungen nicht wieder vermietet.

Die "TS-Bau Wohn- und Gewerbebau GmbH", die die Brandenburgische Straße 16/Konstanzer Straße 15 im Jahre 1999 gekauft hatte, plante die Sanierung und anschließende Umwandlung in Eigentumswohnungen. Offenbar zerschlugen sich diese Pläne mit dem Einbrechen des Immobilienmarktes. Die TS-Bau hatte kein Geld mehr für die aufwändige Sanierung und fand auch keine Käufer für die Wohnungen. Im November letzten Jahres ging die Firma dann Pleite. Die Kredit gebende Bank pfändete die Mietzahlungen und das zuständige Gericht setzte eine Zwangsverwalterin ein.

Diese komplizierten Eigentumsverhältnisse machen es auch so schwierig, gegen das Werbeplakat vorzugehen. Fest steht: Für eine solche Großflächenwerbeanlage ist eine Genehmigung des Bezirksamtes erforderlich. Diese liegt nach Auskunft des Baustadtrats nicht vor. "Theoretisch könnte der Mieter natürlich gegen seinen Eigentümer auf Beseitigung klagen und außerdem die Behörden einschalten. Das Problem ist, dass sich das immer nur auf eine konkrete Werbeplane bezieht", erklärt Müllers Rechtsanwalt, Gilbert Tegeler. Wenn also "Ikea" nach vier Wochen gegen die Werbung für ein Skigebiet in den Alpen ausgetauscht wird, müsste man wieder von vorne anfangen. "Außerdem würde es wenig Sinn machen, gegen die Zwangsverwalterin zu klagen, weil die selber gegen das Plakat gerichtlich vorgeht", so der Anwalt.

Inzwischen wurde die vom Mieter alarmierte Bauaufsicht tätig und ordnete Ende April die sofortige Beseitigung der Werbeanlage an. Grundsätzlich sei Werbung am Gerüst nur bei konkreten baulichen Maßnahmen, und auch nur unter bestimmten Bedingungen zulässig. "Wir haben jedoch bei mehreren Ortsbegehungen festgestellt, dass keinerlei Bauarbeiten stattfinden", sagt der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Klaus-Dieter Gröhler. Es gebe auch keinen aktuellen Bauantrag.

Die fubac hat gegen den Bescheid Widerspruch eingelegt, "obwohl wir deutlich gemacht haben, dass eine Werbetafel mit solchen Ausmaßen an einem Wohnhaus nicht genehmigungsfähig ist", wie der Baustadtrat betont. Ob das Gerüst überhaupt nur wegen der lukrativen Werbeeinnahmen aufgestellt wurde, bleibt Spekulation. Volker Müller jedenfalls ist empört, dass hier "Dritte mit zweifelhaften und rüden Praktiken sehr viel Geld verdienen und meine Rechte als Mieter ignoriert werden".

Kurz vor Redaktionsschluss wurde das Werbeplakat abgebaut. Ob damit auf die Anordnung des Bezirksamtes reagiert wurde oder ob nur ein Wechsel des Motivs ansteht, bleibt abzuwarten.

Birgit Leiß

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Werbefläche an der Brandenburgischen Straße: Steht das Baugerüst ausschließlich als Werbeträger?
Foto: privat

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"Eine Werbetafel solchen Ausmaßes ist nicht genehmigungsfähig": Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler
Foto: Paul Glaser

" Um Ihr Riesenposter immer zu voller Geltung zu bringen, gehen wir nicht nur an die Grenzen, wir überschreiten sie für Sie."
Aus der Homepage der "fubac"

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