MieterMagazin

 Juni 2003 - Ausland

San Francisco

Zurück in die Zukunft

Kathleen Monroe ist eine gefragte Frau in San Francisco. Sie verjagt böse Geister aus Wohn- und Büroräumen. Konzentriert schleicht sie mit nackten Füßen und einer Rute in beiden Händen durch das leere Büro. Monroe ist auf der Suche nach störender "Restenergie", spürt "schlechtes Feng-Shui" auf. Schlägt die Rute aus, faltet sie sich graziös in einen Schneidersitz, packt die Räucherstäbchen aus, rasselt mit den kleinen Glöckchen und singt leise "Kumbaya". Immer wieder. Kumbaya. Schon bald verziehen sich die mit negativer Energie aufgeladenen Kumpanen, der Raum ist wieder bewohnbar. "Space Clearing", die spirituelle Reinigung des Raumes, nennt Monroe dieses Ritual.

Die Geister, die noch immer in den leer stehenden Büroräumen im "South of Market" (SOMA)-Viertel herumlungern, brachten San Francisco Mitte der 90er Jahre den DotCom-Boom, schnellen Reichtum und das in den 80er Jahren und vom letzten Erdbeben durchgeschüttelte Lebensgefühl der Unsterblichkeit. San Francisco zog schon immer suchende Menschen an: Weltverbesserer, Selbstfinder und Anhänger eines alternativen Lebens. Mitte der 90er Jahre entwickelte sich das SOMA zum Epizentrum der DotCom-Revolution: Touristen wurde schon immer abgeraten, auch nur einen Block südlich der Touristenmeile "Market-Street" zu wandern. Drogendealer, Obdachlose und Chinesische Arbeitsdrohnen in den Nähfabriken hatten das Viertel fest in der Hand. Doch dann kamen die Freaks, Geeks und YUMPs, die "Young Urban Multimedia Professionals": Riesige Lofts in dreckigen Backstein-Gebäuden wurden mit Sandstrahlern poliert, zu schicken Büros umgebaut und mit lauter Techno-Musik akustisch geflutet. Zunehmend verdrängten die Cafe Latte trinkenden, Handy-schwingenden Ziegenbartträger die alten Bewohner. Der South Park, eine kleine, ehemals verwahrloste Grünfläche im SOMA, galt als der coolste Treffpunkt für die Internetnix.

DotCom, HippieGeh

Der DotCom-Boom krempelte die San Francisco Bay Area völlig um. Denn plötzlich zog die Stadt einen anderen Menschenschlag an: Wer früher kam, um sich in der Stadt der Liebe Blümchen ins Haar zu stecken und im Panhandle-Park für den Weltfrieden zu meditieren, wurde zunehmend mit den lauten, geldgeilen Möchtegernmillionären aus Boston, Texas oder New York konfrontiert. Martini contra Marx. Einzige Gemeinsamkeit: Beide Gruppen ertranken in den eigenen Träumen. Doch für das kollektive Ausleben der Träume schien die Stadt einfach zu klein.

Allein die geografische Lage gibt San Francisco wenig Raum zum Wachsen. Westlich liegt das Meer, und die Bucht von San Francisco begrenzt die Ausweitung nach Norden und Osten. Die Hügelkette im Süden kesselt die Stadt dann auch noch völlig ein. Für die Bewohner einer derart begrenzten Stadt bedeutet das auch immer hohe Mieten. Wer möchte nicht auch einmal in San Francisco leben? Das denken sich viele und in der Regel ist der Wohnraum zu mindestens 99 Prozent ausgelastet. Eine boomende Wirtschaft, Papiermillionäre und gierige Vermieter ließen die Wohnungsmieten Ende der 90er Jahre in astronomische Höhen schnellen. Nach Angaben der San Francisco Mieter-Gesellschaft ("San Francisco Tenants Union" - SFTU) steigerten sich die Mieten in den DotCom-Jahren von 1997 bis Ende 2000 jährlich durchschnittlich um satte 36 Prozent. Mickrige Dreizimmerwohnungen gingen nicht unter 2000 Dollar Kaltmiete weg. In der Regel standen sich mehr als 100 Mietwillige die Füße vor der Wohnung platt. Oftmals wurde die Wohnung dann an den Meistbietenden vergeben. Wer nicht vor einem Computer saß und dort kleine virtuelle Fensterchen hin- und herschob, konnte sich seine Träume in San Francisco nicht mehr leisten und flüchtete wild fluchend nach Oakland, Berkeley oder gar kopflos ins verhasste Los Angeles.

"Zerkratzt die Sportwagen!"

Viele verließen San Francisco jedoch nicht freiwillig. Lechzende Vermieter witterten das ganz große Geschäft und setzten reihenweise mexikanische Familien, alte Omis oder langjährige Mieter auf die Straße. Dann wurde notdürftig renoviert und die Miete verdoppelt. Während sich die meisten mit hängenden Köpfen verjagen ließen, entwickelte sich das mexikanische Viertel "Mission district" zum Schauplatz der Spaltung San Franciscos. Showdown im Mission: Im von der Sonne verwöhnten Viertel befinden sich nicht nur die besten Taquerias der Stadt, sondern auch die angesagtesten Clubs. Bewohner des Mission wollten sich nicht einfach aus dem Viertel vertreiben lassen und kämpften. So forderte das "Yuppie Eradication Project" mit kleinen Aufklebern an Straßenlaternen offen dazu auf, parkenden Sportwagen den Lack zu zerkratzen oder gleich die Windschutzscheibe zu zertrümmern. Streetgangs verteidigten ihre Viertel mit Baseballschlägern gegen die ganz in Schwarz gehüllten Hipster. Auf der anderen Seite wurden Latino-Lebensmittelgeschäfte zu "Oxygen-Bars" umgewandelt, hochpreisige Restaurants bedienten die neue Zielgruppe. Mittlerweile mussten die meisten teuren Restaurants wieder schließen. Die Taquerias überlebten.

Ein Knall - aus und vorbei

Ende 2000 wehten die ersten Sandkörner in das Getriebe der DotCom-Maschine. Das ließ Investoren aufhorchen, aufwachen, zusammenschrecken. Der Rest ist Geschichte: Ab Anfang des Jahres 2001 drehten die Investoren die Geldhähne zu, die vielen Startups klappten wie Bierdeckelhäuschen zusammen. Viele DotCom-Glücksritter verwandelten sich innerhalb kürzester Zeit in Kellner, Kindergärtner, Buddhisten oder arbeitslose Jongleure im Golden Gate Park. Viele zogen aufgeschreckt und desillusioniert zurück nach Philadelphia, Chicago, Delhi oder Berlin. Für San Francisco bedeutete die DotCom-Blase eine Katastrophe, von der sich die Stadt noch immer nicht erholt hat. Im ersten Quartal 2003 fielen die Mieten um über 6 Prozent. Seit dem zweiten Quartal 2001 verringerten sich die durchschnittlichen Mieten in San Francisco um mehr als 18 Prozent. Das bedeutet nicht unbedingt, dass das Wohnen billig geworden ist: Laut DataQuick zahlt man in der Bay Area für eine Zweizimmerwohnung noch immer durchschnittlich 1316 Dollar pro Monat. Dennoch, wer jetzt noch Geld und eine Arbeitsstelle hat - in der Bay Area liegt die Arbeitslosenquote bei 8,9 Prozent - braucht nur um die Häuser zu ziehen. Überall hängen riesige "For Rent"-Schilder in den Fenstern. Die Konkurrenz auf dem Markt ist geringer geworden und man kann den Vermieter sogar etwas herunterhandeln. "In San Francisco werden die Mieten niemals stark fallen, sondern langfristig auch weiterhin steigen", glaubt jedoch Stefan Stuerwald. Der Pfälzer lebt seit 1994 in San Francisco und hat als DotCom-Mitarbeiter und als Vermieter von mehreren Wohnungen die ganze Wandlung miterlebt. "Für Vermieter ist San Francisco eine reizvolle, aber gleichzeitig auch schwierige Stadt, weil viele Verordnungen den Vermietern Knüppel zwischen die Beine werfen", erklärt Stuerwald.

Worüber auch immer in der Stadt diskutiert wird, letztendlich läuft es immer auf das leidige Thema "rent control", die Mietpreisbegrenzung für Mieter, hinaus. Wer in einem Gebäude wohnt, das vor dem Jahre 1979 gebaut wurde, kommt in den Genuss des für amerikanische Verhältnisse sehr sozialen Mietrechts. Laut rent control darf die Miete jährlich nur um 60 Prozent des regionalen Inflationswerts erhöht werden. In diesem Jahr durften sich Mieter freuen, denn die Miete stieg nur um 0,8 Prozent. Es lohnt sich also, möglichst lange in seiner Wohnung auszuharren. Paradebeispiel dafür ist die 84-jährige Annemarie Weigl, die erst vor kurzem ihr fünfzigstes Mietjahr in San Francisco feiern durfte. Weigl wohnt seit 1964 im selben Gebäude auf dem Nob Hill, nur ein paar Blöcke von den Cable Cars entfernt. Damals musste sie monatlich 105 Dollar zahlen, nun sind es immerhin 500 Dollar. Warm. "Mein Nachbar muss für die gleiche Wohnung mehr als das dreifache zahlen. Ich werde wohl nie mehr umziehen", sagt sie. Genau hier liegt das Problem, meint Stuerwald. "Die in der Mietkontrolle festgelegten Mieterhöhungen entsprechen einfach nicht der Realität", sagt er, und so müssen die neuen Mieter die langjährigen Mieter subventionieren. Letztendlich gewinnt niemand, weil die Vermieter die Gebäude verlottern lassen."

Jetzt trinkt die Omi Martini

Gerade die DotCom-Zeiten produzierten eine Zweiklassengesellschaft im Mietmarkt. Viele DotCommies hatten damals keine andere Wahl, als zu überhöhten Preisen anzumieten. Nun sitzen sie fest, arbeitslos, mit einem Knebelvertrag in der Hand - und die alte Omi nebenan geht sorglos Martinis trinken.

Vor allem in den DotCom-Zeiten versuchten viele Vermieter, solche Günstigwohner auf die Straße zu setzen. Im Gegensatz zu anderen Städten, in denen Vermieter nach dem alten "hire and fire"-Prinzip willkürlich ("Nächsten Monat bist Du raus") entscheiden, müssen in San Francisco konkrete Gründe für die Eigenbedarfskündigung vorliegen. Kommt ein Eigentümer damit durch, muss er mindestens zwei Jahre in dem Haus oder in der Wohnung leben. Die SFTU hat nun eine "Eigenbedarfs-Kontrollpolizei" eingeführt, die von Haus zu Haus geht und die Situation überprüft.

Die Zeiten haben sich verändert, die Mieter spüren, dass die Vermieter wohl für eine Weile nicht mehr so hohe Mieten verlangen können. "Mein Mieter ruft mich ständig an, um seine Miete zu verhandeln", klagt Payton Stiewe. Der in Berlin aufgewachsene Deutsch-Amerikaner bildet den personifizierten amerikanischen Traum ab: Zu DotCom-Zeiten surfte er ganz oben mit auf der Welle, von Startup zu Startup. Nun folgt er vielen anderen ausgebrannten DotCom-Kollegen, die glauben, ein Haus würde sich von ganz alleine verkaufen. Stiewe arbeitet nun als Makler bei Sotheby's. "Das ist so wie damals zu DotCom-Zeiten", strahlt Stiewe, "Verkäufer werden runtergehandelt und das Beste für den Käufer herausgeholt - oder eben umgekehrt." Im Gegensatz zu fallenden Mieten sind die Preise für Häuser weiter angestiegen. Laut DataQuick liegt der durchschnittliche Preis für ein Haus in San Francisco nun bei 530000 Dollar - kein Pappenstil. Offenbar setzen viele potenzielle Käufer auf die allgemeinen Prognosen der Stadtväter: Demnach muss die sechs Millionen Einwohner umfassende San Francisco Bay-Gegend in den nächsten 20 Jahren eine Million Zuwanderer verkraften.

Schon jetzt hat San Francisco mit Obdachlosen und Wohnungssuchenden zu kämpfen. Jede Nacht sind etwa 14000 Obdachlose mit ihren Einkaufswagen unterwegs. Allein im Golden Gate Park sollen sich nachts bis zu 4000 Obdachlose aufhalten. Statt den Obdachlosen zu helfen, werden sie von der Polizei an den Stadtrand deportiert. Viel bringt das nicht. Am nächsten Tag stehen die bärtigen Gesellen schon wieder bettelnd vor der U-Bahnstation. Auch die "Housing Projects", die überall in der Stadt verstreut sind, sorgen für Kopfzerbrechen. Die Projects sind eigentlich nichts anderes als vergitterte Ghettos, in denen überwiegend dunkelhäutige Bewohner hausen. An den Außenwänden steht "Drogen- und gewaltfreie Zone", doch oftmals ist es genau umgekehrt. Die Stadt würde die Projects am liebsten abreißen, doch aus Mangel an Alternativen lassen die Verantwortlichen die Projects lieber von Polizeistreifen umkreisen. So wird dem ebenfalls dunkelhäutigen Bürgermeister Willie "da mayor" Brown Jr. von Gegnern vorgeworfen, er wäre auch nur ein feiger NIMBY ("Not in my backyard" - Nicht in meinem Hinterhof) ohne Rückgrat - ein "slick Willie". Dass ausgerechnet Brown Augen und Brieftasche verschließe ... immerhin ist er in einem der Projects aufgewachsen.

Mehr Häuser für die Stadt

Generell wird einfach zu wenig gebaut. Um der Nachfrage gerecht zu werden, müssten jährlich 2200 Häuser gebaut werden, doch liegt die derzeitige Bauzahl von 1100 Einheiten weit darunter. Sehr amerikanisch: Bisher mussten Hausbauer pro Wohneinheit auch mindestens einen Parkplatz schaffen. Neue Pläne sehen vor, höhere Häuser zu bauen, die möglichst nah am eher unterdurchschnittlichen Bus- und Bahnsystem angeschlossen werden sollen. Schon jetzt regt sich dagegen Widerstand: Viele Bewohner befürchten eine Verschlechterung der Lebensqualität, weil das gewohnte Stadtbild überwiegend aus Häusern mit ein bis vier Stockwerken besteht. Die Befürworter der Pläne warnen vor dem Verkehrs-GAU. Immerhin wohnen schon jetzt 45 Prozent aller in San Francisco angestellten Beschäftigten nicht in der Stadt - dementsprechend verstopft sind die Highways nach draußen.

Wohnen in Downtown - eine Utopie?

Da kommt es den Stadtplanern ganz recht, dass viele DotCom-Unternehmen über den Jordan gegangen sind. Über 24 Prozent der Büroräume stehen leer. Eine wirtschaftliche Verbesserung ist derzeit nicht absehbar und so versucht die Stadt San Francisco, die leeren Geschäftsgebäude in Wohnraum umzuwandeln. Das würde auch dabei helfen, den nachts recht blutleeren Downtownkern und den "Financial District" zu beleben. San Francisco folgt damit dem Beispiel von Portland in Oregon. In Portland wirkt die Innenstadt inzwischen recht europäisch und nicht dumpf, abgestorben wie zum Beispiel in Los Angeles. Allerdings fehlt es in San Francisco Downtown noch an allen Ecken. In der Innenstadt gibt es beispielsweise noch nicht einmal einen Lebensmittelmarkt. Im ehemaligen Internet-Hauptquartier der Welt folgt man daher lieber einem anderen Trend: Viele ehemalige DotCom-Lofts werden in Yoga-Studios umgewandelt. Kathleen Monroe wird sich freuen. Kumbaya.

Reiner Gaertner

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Nichts ist mehr so wie vorher: San Francisco nach dem Platzen der DotCom-Blase
alle Fotos: Reiner Gaertner

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Ziegenbartträger contra Blumenkinder: Für beide war kein Platz (hier Dolorespark inmitten der Stadt)

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Unlängst noch hart umkämpftes Terrain: das mexikanische "Mission"-Viertel

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Nobelviertel Pacific Heights: Wer jetzt noch Geld hat, findet gute Wohnungsangebote

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Umgesattelt: Payton Stiewe verschiebt statt virtueller Fenster jetzt richtige Häuser

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Hier wohnt die 84-jährige Annemarie Weigl seit 40 Jahren - und zahlt die günstigste Miete der Stadt

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4000 Obdachlose wohnen im Golden Gate Park: Wer den Einkaufswagen nicht gut versteckt, wird von der Polizei aufgegriffen

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Vergitterte Gettos für Farbige: Die "Projects" sind unbeliebt, aber ohne Alternative

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