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Man sieht es ihnen vielleicht nicht an, aber zur Internationalen Bauausstellung 1984 (IBA) galten die von Oswald Mathias Ungers entworfenen Wohnhäuser, an der nordwestlichen Seite des Lützowplatzes gelegen, als vorbildlich. Die Dibag Industriebau AG, Eigentümerin der Bauten mit 86 Wohnungen, will die Anlage zwischen Wichmannstraße und Lützowufer nun abreißen lassen und einen Neubau errichten. Das Vorhaben steht in der Kritik. Erstaunlich ist: Architekt Ungers selbst hat für die Dibag einen Neubau-Entwurf geliefert, dem sein altes Projekt weichen müsste.
Einen Abrissantrag der Dibag hatten Bezirk und Senat bereits schon einmal abgelehnt. Dennoch brachte das Unternehmen, das zu den führenden Entwicklungsgesellschaften von Gewerbeimmobilien in Deutschland zählt, einen neuen Bauantrag ein. Ein Wohn- und Geschäftshaus soll demnach entstehen. "Der Baustandard entspricht heutigen Ansprüchen nicht mehr", begründet Peter Renger, Sprecher der Dibag, das Neubaubestreben. Die Statik mache Probleme, Fenster und Türen müssten ohnehin erneuert werden, aber eine Sanierung würde sich nicht rechnen. Außerdem: "In den 80ern wurde hier in einer abgelegenen Randlage gebaut. Mittlerweile pulsiert am Lützowplatz wieder städtisches Leben - und dafür empfiehlt sich ein neuer Entwurf." Doch der passt mitnichten ins Umfeld: "Mit neun Geschossen und einer Tiefe von rund 25 Metern ist dieser Entwurf völlig überdimensioniert", kritisiert Dorothee Dubrau (Grüne), Baustadträtin des Bezirks Mitte. Zudem sei das Verhältnis zwischen dem hohen Anteil an Gewerberaum zum geringen Wohnanteil nicht tragbar. Warum Ungers sich für diesen Entwurf hergab, der ja auf Kosten seines eigenen verwirklichten Entwurfs geht, ist unklar. Ungers selbst hüllt sich in Schweigen. Dubrau hält die Kooperation zwischen Architekt und Bauherr für einen "schlauen Schachzug der Dibag". Deren Sprecher Renger betont: Ungers sei gar nicht mehr so glücklich mit den Häusern. Das Projekt sei ohnehin damals nicht zu 100 Prozent im Sinne des Architekten umgesetzt worden. Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hält den aktuellen Entwurf nicht für akzeptabel. "Das muss noch mal überarbeitet werden", sagt Werner Bialluch vom Referat für Städtebauliche Projekte. Das passiert derzeit. Ein Abriss kann nicht prinzipiell verhindert werden. Doch der Bezirk hat einen Bebauungsplan in Arbeit, der zumindest Nutzung und Größe eines Neubaus vorschreiben soll. Dieser Plan soll noch im Juni dem Senat zur Abstimmung vorgelegt werden. "Damit soll nicht zuletzt den Mietern der Rücken gestärkt werden", sagt Dubrau. Geringer Trost: Wenn Wohnungsbestand im Falle eines Neubaus zumindest quantitativ erhalten bliebe, hätten alle Mieter nach zwischenzeitlicher Umsetzung die Chance, wieder zurückzuziehen. Als die Dibag vor zwei Jahren den Abrissantrag stellte, standen bereits 18 Wohnungen leer, mittlerweile sind es 24. Mieter werfen der Dibag vor, sie würde das Areal vernachlässigen. Eine Interessengemeinschaft von 200 Anwohnern demonstrierte bereits gegen den Abriss. Die Mieter wollen ihr Zuhause nicht verlieren, sondern fordern, dass die Dibag ihre Häuser erhält. Doch diese hat daran kein Interesse - und der Architekt der Wohnhäuser auch nicht.
Lars Klaaßen
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