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Norwegen hat einen der liberalsten Wohnungs- und Immobilien-märkte Europas. Die meisten Norweger leben im selbst genutzten Eigentum. Bei den Mieten bestimmt allein der Markt die Miethöhe. Und am Markt sind fast ausschließlich private Eigentümer. Das Angebot an kommunalen Wohnungen ist äußerst gering. Jetzt - nach immerhin mehr als 20 Jahren eines nicht reglementierten Wohnungsmarktes - scheint sich aber ein breiter Konsenz heraus-zukristallisieren, dass dies nicht so bleiben kann. Ein "new Deal" bahnt sich an: Die Regierung beabsichtigt, in den nächsten zehn Jahren den Bau von 30000 bis 50000 Wohnungen zu finanzieren. Man will so den aus den Fugen geratenen Markt wieder in den Griff bekommen.
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Die meisten Norweger haben mit dem Wohnen kein Problem. In der Regel verfügen sie über große moderne Häuser, finanzielle Sorgen plagen sie nicht. Der Hauptgrund für den hohen Wohnstandard ist ein nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelegtes Wohnungsprogramm. Im Jahr 1946 formulierte Norwegen einen eigenen Weg in Sachen sozialer Wohnungs-versorgung, der zum Ziel hatte, dass jeder Haushalt seine eigenen vier Wände besitzen sollte - entweder als Einzeleigentümer oder aber als Genossenschaftsmitglied. Auf diese Art und Weise wollte sich das Land das Problem der Wohnungsspekulation vom Halse schaffen.
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Ein Volk von Hausbesitzern
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Eine Schlüsselrolle im norwegischen Modell spielte die Gründung einer Wohnungskreditbank, die staatlich subventionierte Kredite bereitstellte. Weitere Eckpfeiler waren wirtschaftliche Hilfen und die Bereitstellung von Bauland durch die Kommunen, strenge Kostenbegrenzungen und schließlich die genossenschaftliche Organisation von Bau und Vertrieb der neuen Behausungen. Kein Zweifel: Diese Schwerpunkte der Nachkriegs-Wohnungspolitik hatten Erfolg. In gerade mal 30 oder 40 Jahren wandelten sich die Norweger von einem Volk der Mieter zu einem Volk der Hausbesitzer. Inzwischen leben ungefähr 80 Prozent aller Haushalte im Eigentum. 20 Prozent sind Mieter geblieben, wobei der Anteil der durch die Kommunen vermieteten Wohnungen weniger als 5 Prozent beträgt.
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Von den späten 70er Jahren an wurde dieser früher einmal eingeschlagene Weg einer sozialen Wohnungspolitik nach und nach verlassen. Die Folge: Ein zunehmend freier Wohnungsmarkt brach sich Bahn und geriet aus den Fugen. Die Konsequenzen waren kaum überraschend: Haushalte mit niedrigen Einkommen konnten den landesüblichen Wohnungsstandard nicht mehr finanzieren, junge Leute konnten es sich kaum mehr leisten, von ihren Eltern fortzuziehen, Familien siedelten weit außerhalb der Städte, um bezahlbaren und akzeptablen Wohnraum zu finden - freilich mit der Folge, dass sie fortan auf dem Weg zur Arbeit Stunden im Stau verbrachten. Verschlimmernd kam hinzu, dass in Norwegen mit seinem langen und harten Winter immer mehr Leute obdachlos wurden. Eine kürzlich in Oslo durchgeführte Untersuchung ergab über 3000 Wohnungslose und weitere 11000 sowohl von Obdachlosigkeit bedrohte als auch unter miserablen Bedingungen lebende Bewohner der norwegischen Hauptstadt. Bei einer Einwohnerschaft von weniger als einer halben Million sind das bedenkliche Zahlen - eine ernst zu nehmende Bedrohung für das gesamte soziale Gepräge.
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Neue staatliche Verantwortung
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Daher rückte der Mietwohnungssektor in den vergangenen Jahren wieder ganz anders ins Blickfeld. Politiker und Wohnungswissenschaftler sind sich einig, dass diesem Bereich wieder eine wichtige Rolle zukommen muss. Der gesamte Wohnungsmarkt funktioniert nicht, solange es keine ausreichende Anzahl an Mietwohnungen gibt. Und man geht davon aus, dass ein funktionierender Mietwohnungsmarkt auch die Preise des Immobilienmarktes stabilisiert.
Mittlerweile hat das norwegische Parlament unzählige Male die Wohnungssituation debattiert und es besteht Übereinstimmung, dass der freie Markt es nicht schafft, allen Norwegern vernünftige Wohnbedingungen zu bescheren. Der Staat will sich jetzt zu seiner neuen Verantwortung bekennen - intervenieren und unerwünschte Kräfte und Entwicklungen am Markt korrigieren.
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1998 gab das Parlament seine Zustimmung zur Finanzierung eines nicht kommerziellen Mietwohnungsbauvorhabens: den Bau von nicht weniger als 50000 Wohnungen in den kommenden zehn Jahren - und zwar in den großen Städten des Landes. Besitzer können Gemeinden, Genossenschaften, aber auch private Investoren werden. Die Mieten werden begrenzt - und sie werden niedrig sein. Die Besitzer der in diesem Programm entstehenden Wohnungen können entscheiden, wo sie an Junge, wo an Immigranten, an Asylsuchende und andere ökonomisch Benachteiligte vermieten und wo nicht. Armenghettos will man vermeiden. Und deshalb sollen die neuen Wohnungen mit "ganz normalen" durchmischt werden.
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Gerade hat auch eine Gruppe von Wohnungsexperten einen Bericht vorgelegt, der unter anderem gleichfalls zu dem Ergebnis kommt, dass es ohne ein öffentliches Wohnungsprogramm und staatliche Subventionierung nicht geht. Und auch die Mieterorganisationen üben dahingehend massiven politischen Druck auf die Parteien aus.
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Lars Aasen
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