MieterMagazin

 Mai 2003 - Ausland

Ungarn

Mildes Klima, billiges Bauland
und keine Bürokraten

Was treibt manche Deutsche dazu, Haus und Hof zu verlassen, Hab und Gut zu verkaufen, um in der Fremde ihr Glück zu versuchen? Die Gründe sind vielfältig, auch für die, die sich im ungarischen Varászló angesiedelt haben. Aber die Klagen über Deutschland ähneln sich: Zu viel Bürokratie, alles zu teuer, zu schwierig, zu geregelt. Auf der Suche nach einem freieren Leben ist Ungarn nur selten erste Wahl, aber wenn es Ernst wird, sind die Pluspunkte schnell erkannt: Es ist relativ nah und auf dem Landweg erreichbar, das Klima ist mild, die Preise für Bauland und Bauen (noch) bezahlbar, die Menschen gastfreundlich, die Bürokratie überschaubar und durch die bevorstehende EU-Erweiterung ist der Wechsel bald ohnehin kein Problem mehr.

Gleich nachdem man bei Heiligenkreuz die österreichisch-ungarische Grenze passiert hat, wird der Unterschied augenfällig. Statt schmucker Höfe, die malerisch übers Land gewürfelt sind und sich ab und an zu gemütlichen Dörfern sammeln, bestimmt nun ein anderer Ortstyp das Bild. Zwei Reihen eher heruntergekommener Häuschen links und rechts der Straße, dahinter lang gestreckte bewirtschaftete Grundstücke, viel weiter geht es nicht hinein ins Land. Dazwischen ab und zu ein liebevoll renoviertes Schmuckstück, das oft in ausländischem Besitz ist. Viele Österreicher und Deutsche wurden durch die günstigen Preise hierher gelockt und durch den Umstand, dass nicht jeder Winkel und jede Dachneigung von den Behörden vorgeschrieben ist.

Fährt man weiter ins Land hinein, südöstlich Richtung Zalaegerszeg und Nagykanizsa, bekommt die Landschaft fast italienische Züge mit ihren Pappelalleen und sanft geschwungenen Hügeln. Auch ohne den Balaton gibt es überall genügend Flüsse und Seen, in denen man nach Herzenslust baden und angeln kann. Nicht umsonst gilt Ungarn als "Italien des Ostens".

Zehn Kilometer hinter Nagykanizsa verlässt man die Hauptstraße Richtung Miháld und Pat und überquert die Komitatsgrenze von Zala megye nach Somogy megye. Die Straße ist nun an den Seiten nicht mehr befestigt, auch Mittelstreifen gibt es nicht mehr, dafür begleiten uns Straßengräben, mit denen man im Winter bei Eis und Schnee unangenehm nahe Bekanntschaft machen kann. Jetzt aber scheint die Sonne, wie fast immer, rechts erstreckt sich ein großes Seengebiet, teilweise bewirtschaftet, oben auf dem Hügel steht ein riesiger denkmalgeschützter Kornspeicher, der sich erst bei näherer Betrachtung als halb verfallen herausstellt, und gleich dahinter beginnt Varászló.

In dem 182-Seelen-Dorf sind seit der Wende etwa 20 Häuser in deutschen Besitz übergegangen. Ein Haus zu kaufen ist in Ungarn auch für Ausländer sehr einfach. Der Kaufvertrag wird bei einem Notar beglaubigt und der neue Besitzer im Grundbuch eingetragen. Allerdings gibt es Dörfer, in denen der Bürgermeister seine Zustimmung geben muss, was in der Regel aber kein Problem ist. Die Grundstückspreise auf dem Land sind immer noch verhältnismäßig niedrig, auch wenn sie im Hinblick auf die EU-Erweiterung in letzter Zeit sprunghaft gestiegen sind. Zurzeit stagnieren sie: 3000 Quadratmeter dörflicher Baugrund sind für circa 1500 Euro zu haben, mit unrenoviertem Haus bezahlt man rund 15000 Euro.

In den letzten Jahren haben sich große Baumärkte wie OBI und Praktiker angesiedelt mit exakt dem gleichen Angebot wie in Deutschland. Bei einem durchschnittlichen ungarischen Monatsverdienst von circa 300 Euro sieht man in diesen Hallen fast nur Deutsche und Österreicher. Etwas preiswerter ist es noch bei den kleineren ungarischen Baustoffhändlern, aber man muss sich viel Zeit nehmen und viel herumfahren, wenn man etwas Bestimmtes sucht. Dann allerdings kann man auch italienische Terrakotta-Fliesen zu einem Bruchteil des deutschen Preises finden.

Die letzten Jahre haben viel verändert

Die Pioniere in Varászló waren 1990 Heidi und Rolf aus München. Ihr Haus liegt in der Mitte des Dorfes, gleich gegenüber der Kirche und der winzigen Poststelle. Viel Arbeit haben sie hineingesteckt und viel Herzblut, wie alle hier. Von Heimwerkermärkten konnten sie nur träumen, damals mussten die meisten Materialien noch aus Deutschland herbeigeschafft werden. In den hiesigen Geschäften war der Sozialismus noch lebendig, es gab wenig bis keine Auswahl, und auch Handwerker zu finden war nicht einfach. Dabei ist die Sprache nicht das primäre Problem, denn viele Ungarn haben Deutsch in der Schule gelernt.

Die Ungarn haben zudem einen Hang zu unkonventionellen Problemlösungen: Wenn nicht genug Leitung vorhanden ist, wird der Wasserhahn eben in Kniehöhe montiert; wenn das Holz nicht reicht, wird der Küchenschrank eben nur 30 Zentimeter tief; wenn man sich mit den Maßen vertut, ist die letzte Stufe eben nur fünf Zentimeter hoch. Auch wunderschön gemauerte Bögen können einen Tag nach dem Bau schon eingestürzt sein, und wenn man statt eines Dachdeckers einen selbst ernannten Fachmann erwischt, kann man froh sein, dass es in Varászló so selten regnet. Die einzige Möglichkeit, Überraschungen dieser Art weitgehend zu vermeiden, liegt darin, ständig neben den Handwerkern zu stehen. Mit der Zeit allerdings spricht sich herum, wo man die Guten der jeweiligen Zunft findet, ab und zu wird die Information allerdings als persönliches Geheimnis gehütet.

Auch der Zeitbegriff entspricht durchaus nicht deutschen Vorstellungen, das wichtigste Wort bei Handwerkern ist "holnap", morgen. Aber auch heutzutage gibt es sie noch: Schreiner, die kunstvolle Verzierungen in Tischbeine schnitzen, Schlosser, die den Zaun nach eigenen Entwürfen herstellen und Spaß daran haben, Maurer, die noch Gewölbe mauern können und wissen, wie man Erdkeller anlegt.

Varászló liegt in einer traumhaft schönen Landschaft, Südtransdanubien, ein Paradies für Naturfreunde. Es ist umgeben von Wäldern und Seenlandschaften, frei von jeder Flurbereinigung, besiedelt nur von den unterschiedlichsten Tieren: Hirsche, Rehe und Wildschweine sind alltäglich, aber sogar der Schwarzstorch ist hier noch zu Hause.

Am See, der dem Dorf am nächsten liegt, stößt man auf einen Gedenkstein aus dem Jahr 1912. Graf Zichy, dem das Land ringsum gehörte, hat ihn errichten lassen zum Dank dafür, dass er und sein Gefolge sich aus dem von Frühjahrsunwettern überschwemmten Gebiet retten konnten. Fast der gesamte Viehbestand ertrank damals in den Wassermassen.

Im Gesindehaus des Grafen, das größte Haus im Dorf, lebten damals zwölf Familien, später wurde es als Pferdestall genutzt, dann dem Verfall preisgegeben. Trotzdem war es für Theresa und Rudi Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich wollte der ehemalige Polizist und norddeutsche Meister im Gewichtheben ja nach Schweden, aber das war seiner Liebsten zu kalt und so einigte man sich nach einem Ungarnurlaub darauf, hier zu bleiben.

Frühpensioniert nach einer Schussverletzung hat er hier seine neue Lebensaufgabe gefunden. Es gibt praktisch nichts, was Rudi nicht kann: Er war bei der Bundesmarine, deutscher Polizeimeister im Ringen (Superschwergewicht), ist Heilpraktiker, Schlosser, Elektriker und in der Landwirtschaft groß geworden. In mühevoller Kleinarbeit hat er mit seiner Frau aus dem halbverrotteten Stall ein blitzblankes Bauernhaus gezaubert.

Von deutschen Kübelpflanzen lernen

Probleme zwischen Ungarn und Deutschen sind selten, eher schon knirscht es zwischen den Deutschen selbst, mitunter werden kleine Nachbarschaftskriege ausgefochten wie in der alten Heimat, es geht um Hecken, Fenstergrößen, Grundstücksgrenzen.

Der Bürgermeister von Varászló sieht den Zuzug der Deutschen gern. Zwar gibt es kaum gemeinsame Aktivitäten, aber das Dorf sei in den letzten Jahren viel schöner geworden. Die Deutschen hätten es vorgemacht mit ihren adretten Häusern und blumengeschmückten Veranden und die Ungarn würden es nach und nach übernehmen. Auch in ungarischen Gärten sieht man jetzt öfters Kübelpflanzen und Steingärten neben dem obligatorischen Gemüseanbau.

Elfi und Peter wollten eigentlich nicht nach Ungarn. Ihr Traum war Griechenland. Aber mit den ungarischen Preisen konnte Griechenland nicht konkurrieren und jetzt fühlen auch sie sich hier sehr wohl. Das Klima ist gemäßigt, strenge Winter sind selten und im Sommer sind die Temperaturen durchaus griechisch. Zurzeit planen sie einen Schwimmteich in ihrem Garten und wälzen entsprechende Fachliteratur, damit sie den Fortgang der Arbeiten genau bestimmen können. Wie viele unterschiedliche Folienqualitäten es allein gibt! stöhnt Elfi. Aber ihre Augen leuchten dabei.

Einmal pro Woche fährt sie ins Nachbardorf zur Lehrerin und nimmt Ungarisch-Unterricht. Es geht mühsam voran, aber mit der Zeit wird es immer besser.

Einen kleinen Laden gibt es in Varászló für die Dinge des täglichen Bedarfs. Das sind in Ungarn Brot und Bier, auch Butter, Salami, Konserven sind zu haben, und für den Großeinkauf fährt man einmal pro Woche nach Nagykanizsa.

Das Warenangebot hat sich in den letzten Jahren explosionsartig vermehrt, leider sind die Preise genauso explosionsartig gestiegen. In der nahen Kleinstadt Nagykanisza haben Tesco, Spar & Co. Einzug gehalten mit Öffnungszeiten, von denen wir hier zu Lande nur träumen können: Rund um die Uhr, sonn- und feiertags sind die riesigen Märkte geöffnet und wenn man zwischen den Regalen herumschlendert, könnte man sich genauso in München oder Berlin befinden. Die kleinen ungarischen Einzelhändler werden auf Dauer nicht mithalten können und so erfreulich ein breites Warenspektrum auch sein mag, so wenig wünschenswert kann das Verschwinden der vielen kleinen Läden und Märkte sein. Niemand wird es aufhalten können.

Im Sommer trifft man sich etwas außerhalb in den Weinbergen vor den kleinen Weinhäusern, die fast jede Familie besitzt. Man probiert Wein und Selbstgebrannten, isst Brot und Eingelegtes und wenn die Gläser oft genug gefüllt waren, beginnt irgendwann ein Ungar zu singen, ein wunderbar trauriges Lied, und plötzlich sitzt man zwischen lauter glücklich weinenden Männern. Später werden sie dann von ihren Frauen abgeführt.

Brigitte Blaschke

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Ungarn, wie es typisch ist: baufälliges Dorfhaus mit eigenem Charme
alle Fotos: Brigitte Blaschke

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Gefeiert wird in Ungarn gern: Nachwuchs beim Tanz

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Varászlós Bürgermeister sieht den Zuzug gern: Die Deutschen sind Vorbild in Sachen "schönes Dorf"

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Das Gesindehaus des Grafen - vor und nach dem Umbau durch Theresa und Rudi

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Am Dorfrand von Varászló: Der alte Kornspeicher auf einem Hügel ist denkmalgeschützt

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Das Haus von Elfi und Peter - auch hier nach und vor dem Umbau

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