MieterMagazin

 April 2002 - Ausland

China

Aufbau nach der Jahrhundertkatastrophe

"Wir haben gedacht: Das muss der Weltuntergang sein." Wang Xing An, Bürgermeister der kleinen Stadt Zi Lai Jing im Kreis ArongQi, steht noch heute das Grauen ins Gesicht geschrieben, wenn er an den 27. Juli 1998 denkt. Nach der Flutwelle, die alles mitriss, was sich ihr in den Weg stellte, war die Stadt in den Fluten verschwunden. Nur die größeren Häuser ragten noch mit ihren oberen Stockwerken und Dächern aus den Fluten heraus. Fast noch schlimmer hatte es das kleine Dorf ZhangTaEr erwischt. So lange die Menschen dieses Dorfes denken konnten, hatte ein Deich sie vor dem Alun-Fluss geschützt. Sie hatten sich sicher gefühlt hinter dem Deich, hatten ihn auch regelmäßig kontrolliert und gepflegt. Doch am 25. Juli 1998 war es mit der Sicherheit vorbei. Es begann ganz langsam. Kleine Rinnsale flossen aus dem Deich, erst schmal und langsam, dann wurden sie stärker. Die Männer versuchten mit Erde und Sand das Wasser zu stoppen. Als sie der Sache nicht mehr Herr wurden, kamen die Frauen und Kinder hinzu, bis schließlich das ganze Dorf verzweifelt versuchte, die immer größer werdenden Löcher zu stopfen. Doch alle Mühe war vergebens.

"Ich hatte das Gefühl, der Deich sackt einfach weg", erinnert sich ZhaoLanLan, "plötzlich brach das Wasser über uns herein. Ich klammerte mich an einen Baumstamm, den wir vorher zur Stützung des Deiches eingegraben hatten. Aber neben mir wurden Nachbarn von den Fluten weggerissen."

317 Familien leben in ZhangTaEr, und keine wurde von der Katastrophe verschont. ZhangTaEr ist ein armes Dorf. Die meisten Familien haben gerade genug zum Überleben. Die Dorfbewohner leben fast ausschließlich von der Landwirtschaft. Allerdings sind die Böden von schlechter Qualität, so dass in der Regel keine guten Ernten erzielt werden können. Jahr für Jahr fallen sie schlechter aus, weil eine ausreichende Düngung fehlt. Ein Drittel der Dorfbewohner geht neben der Landwirtschaft noch einer anderen Arbeit nach. Dabei handelt es sich um Gelegenheitsarbeiten im Straßenbau, als Lastenträger, Wächter oder Lumpen- und Altmaterialsammler.

Die Flut zerstörte das letzte Bisschen, das die Familien besaßen: 156 Häuser wurden von der Flutwelle einfach weggerissen, kein Haus blieb unbeschädigt. Das gesamte Ackerland des Dorfes wurde zerstört, die gerade eingefahrene Ernte vernichtet. 325 Schafe und 140 Schweine ertranken. "Auch wenn wir vor dem Nichts standen", tröstet sich WangWei, "so können wir doch glücklich sein, dass niemand in den Fluten umgekommen ist."

Doch die Freude über dieses Glück wich schnell der Angst vor der Zukunft. Natürlich hatten die Dorfbewohner erwartet, dass die Regierung den Damm schnell wieder herrichten würde. Doch als sich die Bewohner an die Provinzregierung wandten, sahen sie sich einer langen Schlange anderer Hilfesuchender und einem Provinzgouverneur gegenüber, der angesichts leerer Kassen nur bedauernd mit den Schultern zuckte. Die Flutkatastrophe von 1998 gilt in China als "Jahrhundertkatastrophe", die Schäden in Milliardenhöhe angerichtet hat. Das kleine und unbedeutende Dorf ZhangTaEr rangierte in der langen Reihe der Geschädigten unter "ferner liefen".

Schnelle Hilfe durch die DESWOS

Unmittelbar nach der Flutkatastrophe hatte das deutsche Entwicklungshilfeinstitut DESWOS mit Hilfe von Spenden aus Deutschland 88 durch die Flutkatastrophe obdachlos gewordenen Familien in ZiLaiJing zu einer neuen Bleibe verholfen. Diese Hilfsaktion drang auch zu den Bewohnern in ZhanTaEr durch, die sich prompt an den Leiter der DESWOS-Partnerorganisation in ArongQi, Herrn Miao An, wandten und ihn baten, die DESWOS auch für sie um Hilfe zu bitten.

Es folgten Dutzende von langen Gesprächen, in denen die Situation erörtert und Vorschläge für den Wiederanfang gemacht wurden. Schließlich stand fest: Die Wiederherstellung des Deiches war viel zu teuer; er hätte nicht nur geflickt, sondern von Grund auf neu aufgebaut werden müssen. So blieb als Ausweg aus dieser prekären Situation nur die Umsiedlung des Dorfes an eine höher gelegene Stelle. Das wiederum bedeutete den Bau von 305 Häusern, die Gründung neuer Existenzen, den Bau einer Schule und und und ...

Zunächst einmal musste jedoch ein Grundstück für das neue Dorf gefunden werden. Dazu bedurfte es langwieriger Verhandlungen mit der Regierung. Die erhielt allerdings im Jahre 2000 ungewollten Druck, als im Sommer der Alun-Fluss wieder über die Ufer trat und jetzt ungehindert in das Dorf eindrang. In Panik flohen die Bewohner aus dem Dorf. Doch diesmal beließ es der Fluss dabei, das Dorf weniger als einen halben Meter zu überfluten. Nach wenigen Tagen konnten die Bewohner in das Dorf zurückkehren. Doch ihre Forderungen an die Regierung wurden lauter und dringlicher. Schließlich stellte die Regierung ein Grundstück an höher gelegener Stelle zur Verfügung. Der Projektantrag konnte gestellt werden. Im Frühjahr 2001 wurden die Zuschüsse des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bewilligt und unmittelbar anschließend konnten die Arbeiten in ZhangTaEr beginnen.

... hätten beginnen können. Denn die Provinzregierung hatte es sich anders überlegt. In einem knappen Telefonanruf wurde dem Projektleiter Miao An mitgeteilt, dass das Grundstück leider nicht mehr zur Verfügung stehe. Die Kreisverwaltung hatte sich entschlossen, im Zuge der regionalen Wirtschaftsförderung dieses Grundstück für einen Industrie- und Gewerbepark vorzusehen. Da halfen weder Proteste noch der Hinweis, dass in dieser landwirtschaftlich strukturierten Region, die weder einen Eisenbahn-, noch einen vernünftigen Straßenanschluss hat, die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe mehr erfordert als die Bereitstellung eines Grundstücks.

Die Kreisverwaltung ließ sich zwar nicht umstimmen, aber sie stellte ein anderes Grundstück bereit, nur ein paar hundert Meter von dem bisher geplanten entfernt. Und so konnten die Arbeiten, zwar um ein paar Monate verspätet, doch noch beginnen.

Mit der Schule wurde begonnen

Zuerst wurde die Schule gebaut. Bei aller Angst vor dem Fluss, bei aller Behelfsmäßigkeit, mit der Notunterkünfte gezimmert worden waren - für alle Familien stand die Schulsituation ganz oben auf der Prioritätenliste. Die Dorfschule war durch die Flutkatastrophe völlig zerstört worden und die Kinder mussten fast sieben Kilometer bis zur nächsten Schule laufen, was gerade den Erst- und Zweitklässlern schwer fiel. Sie ließen den Unterricht, insbesondere im Winter, wenn das Thermometer unter minus 30 Grad fällt, häufiger ausfallen, als dass sie daran teilnahmen.

Ganz allgemein ist der Bildungsstand der Dorfbevölkerung niedrig. Die meisten verfügen lediglich über eine Grundschulbildung von allenfalls vier bis fünf Jahren. Dadurch sind der Arbeitssuche enge Grenzen gesetzt. Für die meisten Dorfbewohner kommen allenfalls Tagelöhnertätigkeiten als Träger oder Landarbeiter in Frage. Die sind jedoch in der näheren Umgebung so gut wie nicht vorhanden.

Rechtzeitig zum Schulbeginn am 1.September 2001 konnte die neue Schule fertig gestellt und bezogen werden, ein erster Schritt in eine gute Zukunft. Und es ist eine schöne Schule geworden. Kinder, Eltern und Lehrer sind begeistert. LiangYanYan, Schülerin der 5. Klasse, meinte denn auch: "Als wir in die neue Schule einzogen, war mein erster Gedanke, dass wir im Winter nie wieder unter der Kälte und dem Ofenrauch zu leiden haben, da die Schule jetzt eine Heizung hat."

Nach dem Bau der Schule folgte der zweite Schritt, der Bau von 205 Häusern. Lange ist in der Planungsphase des Projektes über die Zahl der Häuser diskutiert worden, für die bei der DESWOS ein Antrag auf Förderung gestellt werden sollte. Nach der Flutkatastrophe brauchten alle 317 Familien ein neues Haus. Doch man einigte sich nach vielen, oft hitzigen Debatten, dass nur die ärmsten Familien, die nachweislich den Bau eines neuen Hauses nicht aus eigener Kraft finanzieren konnten, eine Förderung durch die DESWOS erhalten sollten. Da in einem so kleinen Dorf nicht nur jeder jeden kennt, sondern auch jeder über die Einkommensverhältnisse des anderen Bescheid weiß, war die Grenze bald gezogen: 205 Familien mit 922 Personen wurden letztendlich von allen Bewohnern übereinstimmend als förderungswürdig benannt. Ihr jährliches Pro-Kopf-Einkommen liegt bei unter 50 Euro. Damit leben sie unter der Armutsgrenze, die in dieser Region Chinas bei einem Familieneinkommen von circa 300 Euro liegt.

Im Herbst 2001 konnten noch die vorbereitenden Arbeiten abgeschlossen werden. Die Grundstücke wurden vermessen, planiert, die Fundamente ausgehoben. Der Winter unterbrach die Arbeiten, im Frühjahr geht es weiter. Bis zum Winter 2002 sollen alle Häuser soweit fertig gestellt werden, dass die Familien einziehen können.

Je nach Anzahl der Familienmitglieder werden unterschiedlich große Häuser gebaut. Sie sind bei Familienzuwachs erweiterbar. Die Häuser werden in der ortsüblichen Ziegelsteinbauweise errichtet. Ziegelsteine, Dachziegel und das notwendige Bauholz sind lokal und in ausreichendem Maße verfügbar. Die Gebäude werden mit einem zentralen Ofen beheizt, dessen Rauchabzugsrohr unter dem Bett entlang geführt wird und so als zusätzliche Heizung im Winter dient.

Die Familien tragen etwa ein Drittel der Baukosten selbst: Sie fördern die benötigten Steine und den Sand aus dem Fluss oder bauen sie im Gebirge ab, außerdem beteiligen sie sich am Bau der Häuser. Je nach Größe (40 bis 75 Quadratmeter) wird ein Haus zwischen 2500 Euro und 5000 Euro kosten.

Ein Traum wird wahr

Wichtig sind jedoch nicht nur flutsichere Häuser. Wenn 205 Familien es sich nicht leisten können, ein bescheidenes Haus zu bauen, dann muss auch auf der Einkommensseite etwas getan werden. Das Projekt sieht den Aufbau einer Rinderfarm vor, die insbesondere bei den ärmsten Familien die Einkommen aus der Landwirtschaft ergänzen soll. 100 Rinder sollen auf der Farm gemästet werden. Da eine Mastperiode drei Monate dauert, können jährlich etwa 300 Rinder verkauft werden, im Winter können wegen der Kälte keine Rinder gemästet werden.

Einkommen erzielen die Familien nicht nur durch Arbeit auf der Farm. Hier finden nur etwa 25 Familien Arbeit. Aber die Tiere brauchen Futter, das wiederum von anderen Familien angebaut und geliefert wird. So wird für das gesamte Dorf ein nachhaltiger Entwicklungsprozess eingeleitet, der die Familien auf ein sicheres Fundament stellt.

Fast vier Jahre ist es her, dass das Dorf ZhangTaEr durch den Alun-Fluss vernichtet wurde und die so schon kümmerliche Existenz der Dorfbewohner völlig ruinierte. Als die eigene Regierung nicht helfen konnte, wuchs die Verzweiflung, weil allen klar war, dass absolut keine Chance bestand, die Situation aus eigener Kraft zu meistern. Mit Hilfe aus dem fernen Deutschland hatte niemand gerechnet. Und der Projektleiter Miao An sagt deshalb: "Wir danken dem deutschen Volk, dass es selbst Opfer gebracht und uns in der Not geholfen hat. Wir werden diese Hilfe nie vergessen."

Brita Rösler

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Jeder packt kräftig mit an, damit es vorangeht
alle Fotos: DESWOS

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

"Nie wieder unter Kälte
und Rauch leiden":
Schülerin LiangYanYan,
Brief an DESWOS (oben)

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Die neue Schule stand als Erstes: Sie hat acht Klassenräume, eine Turnhalle, zwei Lehrerzimmer, einen Computer-, Lager-, Wasser-, Heiz- und Waschraum sowie Toiletten

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Im Frühjahr konnte mit dem Weiterbau begonnen werden, bis Herbst sollen alle Häuser fertig sein

Bei Klick: Vergrößerung des Fotos

Besonders alte Menschen freuen sich, jetzt ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben

  Spendenkonto:
DESWOS,
Konto 6602221,
Stadtsparkasse Köln,
BLZ 37050198,
Stichwort: Zukunft

nach oben auf dieser Seite    zurück zur letzten Seite    diese Seite drucken    diesen Artikel versenden als E-Mail    zur Startseite Berliner Mieterverein online

Copyright: Berliner Mieterverein e.V., Wilhelmstraße 74, 10117 Berlin