MieterMagazin

 April 2002 - aktuell

Denkmalschutz

Im Visier: die 20er Jahre

Der Internationale Denkmalrat ICOMOS veranstaltet in diesem Jahr zum zehnten Mal den Internationalen Denkmaltag - am 18. April 2002 informieren Denkmalpfleger weltweit und grenzüberschreitend über Denkmäler und historische Stätten sowie über Probleme ihrer Erhaltung. Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr das "Kulturerbe des 20. Jahrhunderts" - auch in Berlin ein Problemfeld.

Das Landesdenkmalamt Berlin wird zum diesjährigen Internationalen Denkmaltag die Siedlungen der 20er Jahre thematisieren. Unter der Regie des Stadtbaurats Martin Wagner haben damals namhafte Architekten wie Bruno Taut, Walter Gropius, Hans Scharoun und andere die Forderungen des Neuen Bauens in Bezug auf Licht und Luft verwirklicht. Serienfertigung und Typisierung sollten eine schnelle und ökonomische Bauweise garan-tieren und freundlichen, funktionsgerechten und bezahlbaren Wohnraum schaffen. Durch teilweise farblich akzentuierte Putzfassaden sowie differen-zierte Gebäude- und Wohnungsgrundrisse entstand eine Architektur, die noch heute Vorbildcharakter hat.

1999 hat die Kultusministerkonferenz auf Initiative des Landes Berlin sechs Berliner Wohnsiedlungen in die Vorschlagsliste für das Welterbe bei der UNESCO eingebracht. In der gerade wieder hergestellten Kleinhauskolonie Falkenberg (erbaut 1913 bis 1915), auch "Tuschkastensiedlung" genannt, wird Bruno Tauts neues Konzept der Farbe als Element architektonischer Gestaltung sichtbar. In der Hufeisensiedlung in Britz (1925 bis 1931) wurden Einfamilienhausbau und städtischer Geschossbau erstmals in großem Maßstab in einem Ensemble realisiert. Auch in der Siedlung am Schillerpark in Wedding (1924 bis 1930) und später in den Großsiedlungen der Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg (1929 bis 1930), der "Weißen Stadt" in Reinickendorf (1929 bis 1931) und der "Ringsiedlung" in Siemensstadt (1929 bis 1931) wurden Sonne und Grün als Gestaltungsmittel eingesetzt. Die Siedlungen sind inzwischen von den Mietern akzeptierte Alternativen zum Umzug ins Reihenhaus am Stadtrand.

Jetzt liegt es an den Berliner Denkmalschützern, den Fragenkatalog der UNESCO zu beantworten, der helfen soll, die denkmalgerechte Erhaltung dieser Siedlungen zu garantieren. Auf einen Zeitpunkt hierfür will sich das Landesdenkmalamt im Moment nicht festlegen. Eine Aufnahme in die Weltkulturerbeliste bedeutet schließlich nicht nur Anerkennung, sondern auch Verpflichtung, sie hat nicht nur planungsrechtliche Konsequenzen, sondern auch Auswirkungen für die Eigentümer der Objekte.

Personelle Unterbesetzung und finanzielle Engpässe bewirken, dass viele Denkmäler überhaupt nicht mehr erfasst und damit nicht in die Denkmalliste der Stadt aufgenommen werden. Das Landesdenkmalamt hat im Januar - in Zusammenarbeit mit einem namhaften Immobilienberatungsunternehmen - die "Denkmalschutzstudie Berlin" vorgelegt. Sie kommt zu dem Schluss, dass "eine substanzielle, gezielte und breite Nachfrage nach Denkmalen durch Investoren in Berlin noch nicht feststellbar" sei. Die Fördermittel für den Altbau wurden seit 1995 halbiert. Die Verfasser der Studie fordern: Berlin muss mehr aus seinen Denkmalen machen! Die unzureichenden politischen Rahmenbedingungen sind auch nicht durch einen Internationalen Denkmaltag zu kompensieren.

Rainer Bratfisch

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Licht, Luft und Sonne: Der diesjährige Denkmaltag hat den Reformwohnungsbau des letzten Jahrhunderts im Blick (hier: Hufeisensiedlung in Britz)
Foto: Paul Glaser

  Die erweiterte "Denkmal-
schutzstudie Berlin" erscheint im 2. Quartal 2002 im Buch-
verlag der "Immobilien Zeitung". Der Subskriptionspreis beträgt 39 Euro

  Weitere Termine:
30. August 2002: 16. Berliner Denkmaltag, Thema: Bürger-schaftliche Denkmalpflege,
6. bis 8. September 2002:
Tag des offenen Denkmals, Motto: "Ein Denkmal steht selten allein"

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