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Vor zwanzig Jahren besetzte Osman Kalin kurzerhand Ost-Berliner Grenzgebiet und baute dort gute, feste türkische Zwiebeln an. Kalin und sein Pflanzenwuchs beschäftigten seinerzeit sogar das Ost-Berliner Zentralkomitee. Heute ist er mit seiner Ökolaube eine Kreuzberger Attraktion im Bezirk Mitte.
Ein hölzernes Gartenhaus in Istanbuler Stil, klassisch, mit Balustrade, Veranda und fruchtbarem Umland mit Kohl, Tomaten und Zwiebeln - undenkbar in Berlins Mitte? Nein. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es die Sommerresidenz Osman Kalins am Bethaniendamm noch immer. Circa 350 Quadratmeter Provisorium. Und das in einem Bezirk, in dem jeder Quadratzentimeter Bauland Gold wert ist. Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, nennt das sorglos idyllische Holzprovisorium orientalischen Stils hinter der Thomaskirche "Ökolaube" und sein Entstehen eine "Kreuzberger Skurrilität um den Mauerbau". Eigentlich, so weiß er zu berichten, lag das besagte Grundstück nördlich des Grenzverlaufs: zwischen Adalbert- und Köpenicker Straße, an der Einmündung der Mariannenstraße zum Bethaniendamm. Um Mauer zu sparen hatten die Ost-Berliner Behörden den Grenzverlauf begradigt. So lag auf West-Berliner Seite DDR-Gebiet, für West-Berliner zugänglich - von der Ost-Berliner Verwaltung mit Argwohn beäugt. Vor nunmehr zwanzig Jahren machte sich Osman Kalin keck daran, das Stück Land zu bewirtschaften. Zunächst baute er dort nur Zwiebeln an. Die DDR-Behörden versuchten zu intervenieren. Aber Kalin beteuerte in tiefer Unschuld, er sei nur ein armer Bauer aus Anatolien, der sich mit dem Anbau von Zwiebeln ein Zubrot verdienen wolle. Der Fall ging seinerzeit bis vor das Zentralkomitee - die Zwiebeln türkischer Herkunft auch. Definiert als "Opfer kapitalistischer Verhältnisse" ließen sie den Mann schließlich gewähren. 1984 hätte Ost-Berlin ihm gestattet, das Dreieck zu nutzen, berichtet Kalin. Und so kam zu Zwiebeln noch allerlei Gemüse, Kohl und schließlich die windschief anmutende Ökolaube hinzu, die allerdings - man möchte es nicht glauben - auf festem Fundament fußt. In der Zwischenzeit ist Kalins Residenz zu einem festen Bestandteil gewachsener Kreuzberger Nachbarschaft geworden. Osman Kalin, der mit seiner Familie eigentlich am Lausitzer Platz wohnt, ist jeder Gast willkommen. Baustadtrat Schulz: "Sie bekommen bei Kalin einen sehr guten Tee." Auch in der Thomasgemeinde betrachtet man Kalin mit Wohlgefallen. Pastor Müller: "Osman Kalin ist eine der Hauptattraktionen Kreuzbergs." Kreuzberg? Mitte? Ja, wie denn nun? Baustadtrat Schulz: "Verwaltungsrechtlich kam die Ökolaube 1989 zum Bezirk Mitte, de facto gehörte sie jedoch unter die Fittiche Kreuzbergs." Dem befremdlich bunten Treiben sind jedoch Grenzen gesetzt. Denn der Bezirk Mitte beabsichtigt die straßenbauliche Anbindung der Mariannenstraße an den Bethaniendamm. Baustadtrat Schulz: "So lange wird Kalin dort geduldet. Problematisch ist zudem, dass er praktisch auf Straßenland sitzt." Definitiv entschieden ist noch nichts. Mittes Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Dorothee Dubrau: "Der Straßenbau ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Wenn ich darüber zu entscheiden hätte - ich würde die Ökolaube einfach stehen lassen." Barbara Keller
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