MieterMagazin

 März 2003 - aktuell

Sanierung Fraenkelufer 30

Ewiger Jäger und Sammler

Wenn John Stave sein vor zehn Jahren erschienenes Buch "Berlin-Brandenburgische Rekorde" neu auflegt, sollten einige bemerkenswerte Spitzenleistungen der letzten Jahre nicht fehlen. Zum Beispiel der größte innerstädtische Schrottplatz, das am längsten stehende Baugerüst oder das langwierigste Sanierungsvorhaben. Inhaber all dieser Rekorde ist Hermann Gertig, Besitzer des Hauses Fraenkelufer 30 in Kreuzberg.

Alle "Alt-68er", die in Berlin nahezu zwangsläufig "Alt-Kreuzberger" sind, kennen Hermann Gertig. Für Barbara Oesterheld, für Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, ist er ein "Kuriosum". Dr. Franz Schulz, Stadtrat für Stadtplanung, Bauen, Wohnen und Umwelt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, kennt die Situation aus eigener Anschauung seit über zehn Jahren. Auch für seine Amtsvorgänger, allen voran Werner Orlowsky, gehört Hermann Gertig als "Star der Black & Decker-Sanierer" noch immer zur "Kreuzberger Szene". Mitte der 80er Jahre begann er mit der "Sanierung" - die Gerüste stehen noch immer. Michael Ott von der Mieterberatung SO 36 sieht das Grundstück Fraenkelufer 30 als "eine Art Gesamtkunstwerk". In der Tat: Jean Tinguely hätte hier ein reichhaltiges Reservoir für seine Schrottplastiken vorgefunden. Zwei Mal wurde Gertig per Ersatzvornahmeverfahren verpflichtet, den Hof zu beräumen, aber innerhalb weniger Wochen war der Hof wieder zugemüllt. Irgendwie sind auch die beiden von Gertig eigenhändig angebrachten Gipsreliefs im Hausdurchgang schon wieder "hip". Was macht es da, dass sie unterschiedlich groß sind? Irgendwann haben sie wohl die Fassade eines der anderen Gertig-Häuser in der Stadt geziert.

Zu nahezu jedem der unzähligen Steine, verrosteten Eisenteile und sonstigen Uralt-Baumaterialien im Hof seines Hauses kann Hermann Gertig eine Geschichte erzählen - und eine spätere Einsatzmöglichkeit aufzeigen. Dass heute allerdings niemand mehr uralte Heizkörper in der Wohnung akzeptiert und auch all die Rohre, Muffen und Schellen altersbedingt nicht mehr ihren ursprünglichen Bestimmungszweck erfüllen können, will ihm nicht in den Sinn. Vielleicht ist Gertig ein "Messi", ein Mensch, der nichts wegwerfen kann? Oder einfach nur ein "Jäger und Sammler der ersten Stunde", wie Michael Ott vermutet, aufgewachsen in der Nachkriegszeit und noch nicht angekommen in der heutigen Wegwerfgesellschaft? Werner Orlowsky erinnert sich, dass Gertig sogar eine Büroklammer, die er irgendwo fand, in die Tasche steckte.

Die GSW, die im dortigen Quartier eine Zeit lang als Sanierungsbeauftragte fungierte und einen Teil der Fördergelder in Architekten- und Beraterleistungen "investierte", ohne dass irgendwelche Ergebnisse sichtbar wurden, warf irgendwann das Handtuch. Hermann Gertig zog vor Gericht - und verlor. Circa 1,2 Millionen DM soll ihn das Verfahren gekostet haben.

Und die Mieter? Siebrand Rehberg wohnt seit 1969 in dem Haus, Eva Müller, Ärztin am Urban-Krankenhaus, hat unlängst Hermann Gertigs Herzinfarkt behandelt, und auch der Architekt Aznar ist seit Jahrzehnten in die Geschichte des Hauses involviert. Die Mieter haben inzwischen zwei Hausbesetzungen miterlebt. Natürlich würden alle gern im Sommer unter den Platanen im Hof sitzen. Für die Kinder könnte ein Spielplatz eingerichtet werden. In die seit langem unbewohnten Seitenflügel könnte wieder Leben einziehen, und auch für die beiden Remisen fände sich bestimmt eine Nutzung. Wenn nicht Hermann Gertig als Eigentümer alles blockieren würde. Eine Abfalllagerung konnte ihm nicht nachgewiesen werden, schließlich steht seine Firma Hermann Gertig KG Baugeschäft und -handlung noch im Telefonbuch, und eine "langsame Baudurchführung" ist für die Gerichte noch kein Straftatbestand. Noch immer gibt es in Berlin selbst für geförderte Sanierungen keine Fristsetzung. Die Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg beschloss einstimmig, eine Enteignung zu prüfen, aber das Rechtsamt hat Bedenken.

Die Mieter haben sich damit abgefunden, sie werden auch die nächste Mieterhöhung akzeptieren, die wahrscheinlich im Mai kommen wird - Siebrand Rehberg rechnet mit weiteren 30 Prozent. Aber schließlich sind ihre Mieten noch immer moderat. Und etliche, wie Waltraud Both, möchten deshalb am liebsten "nicht in der Geschichte rühren". Den herrlichen Blick auf den Landwehrkanal möchte niemand missen, und auf den Hof geht man eben nur, um den Müll zu entsorgen oder das Fahrrad zu holen. Die Zeit heilt manche Wunden, und vielleicht wird, was lange währt, doch irgendwann noch gut. Spätestens, wenn Hermann Gertigs Kinder ihr Erbe antreten, wird diese Kreuzberger "Idylle" endgültig Geschichte sein.

Rainer Bratfisch

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Star der Black & Decker-Szene: Am Fraenkelufer 30 wird seit 20 Jahren modernisiert
Foto: Kerstin Zillmer

" Bei einem Messi handelt es sich um jemanden, der krankhaft besessen davon ist, jede Art von Müll zu sammeln und aufzubewah-ren. Leider sehen Sie einem Mietinteressenten nicht an, ob es sich bei ihm um einen Messi handelt oder nicht."
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