MieterMagazin

 März 2002 - Ausland

Afghanistan

Aufbruch ins 20. Jahrhundert

Könnten Häuser sprechen, würden sie sich sicher darüber beklagen, in der Fünften Universitätsstraße zur Welt gekommen zu sein. Gewiss, vor einem Jahrzehnt zählte die Straße im Westen Kabuls zu den ersten Lagen der Stadt. Da strahlten die zweistöckigen Heime der Professoren, Anwälte und hohen Offiziere mit ihren weißen Fassaden um die Wette. Heute kann ein Haus von Glück sagen, wenn ihm nur einige Maschinengewehrgarben die Veranda zersiebt haben. Das Ansehen der meisten Häuser hat weitaus stärker gelitten. Hier hat eine Rakete das Dach zertrümmert, dort ein ganzes Stockwerk weggesprengt.

Auch das Haus von Hasir Mohammed hat seinen Teil vom Bürgerkrieg abbekommen, der Anfang der 90er Jahre durch das Viertel tobte. 20 Granateinschläge haben die zwölf Wohnungen im ersten Stock zerstört. Im Erdgeschoss sind alle Ladenlokale ausgebrannt. Nur im rechten Hausteil zieht ein renoviertes Geschäft die Blicke an: Hasir Mohammeds Immobilienagentur "Beg". "Ich verkaufe mindestens ein Haus im Monat", sagt Mohammed, ein freundlicher 35-Jähriger mit einer blauen Weste über dem hellen Leinenanzug. Und das, obwohl fast alle der 300 Häuser, die der Makler anbietet, in mehr als beklagenswertem Zustand sind. "Das da", sagt Mohammed und zeigt auf eine Ruine, von der nur noch eine Außenmauer steht, "kostet 70000 Dollar".

Doch wer kauft Ruinen in einer Gegend, in der auf Kilometer im Umkreis nur weitere Ruinen zu finden sind? "Meine Kunden sitzen im Ausland. Es sind Afghanen, die vor dem Krieg nach Pakistan, Deutschland oder in die USA geflohen sind", erklärt Mohammed. "Sie kaufen nicht das ruinierte Haus, sondern den Grund und Boden, auf dem es steht. Meine Kunden glauben, dass es mit Kabul wieder aufwärts geht. Ihr Kauf ist eine Investition in die Zukunft."

Bis die in Kabul eingetroffen ist, schlagen sich die Menschen mit dem Erbe der Vergangenheit herum. Eine der bittersten Ironien des mehr als zwei Jahrzehnte langen Konflikts in Afghanistan ist, dass Kabul den neun Jahre langen Krieg gegen die Sowjets unbeschadet überstand, nur um anschließend im jahrelangen Bruderkrieg zerbombt zu werden. Und dies mit einer Gründlichkeit, die Kabul anderen berühmten Trümmerwüsten wie Beirut oder Mogadischu nicht nachstehen lässt.

Bei der Familie Ghais schlug der Krieg 1992 in Gestalt von fünf Raketen ein. Diese zerstörten die Küche und einige Wände. Fünf Jahre verbrachte die Familie in ihrem Heimatdorf, 1996 kehrte sie nach Kabul zurück. Drei Jahre überwinterten sie im verlassenen Haus eines Nachbarn. Dann hatten sie genug Baumaterial zusammen, um ihr eigenes Haus notdürftig zu flicken.

Fließendes Wasser ist für die Ghais eine ebenso ferne Erinnerung wie Strom und Heizung. Im Hausbrunnen fanden sie bei ihrer Rückkehr zwei Leichen. "Vielen Nachbarn ging es ähnlich", sagt Mohammed Ghais, ein schmaler 20-Jähriger mit dünnem Schnurrbart, lakonisch. "Im Bürgerkrieg war das der einfachste Weg, um seine Gegner zu beseitigen."

Fünf Bulldozer und zwei Leichenwagen

Da die meisten Hausbrunnen verseucht sind, holen die Ghais ihr Wasser vom Brunnen am Ende der Straße. Die einzige Energiequelle ist eine Autobatterie: An die schließt Mohammed sein Kofferradio an und rezitiert Koranverse nach den Vorbildern auf seinen Tonkassetten. Zum Heizen gibt es nichts als Holz. "Das Beste wäre", sagt Ghais, "unseren Stadtteil mit vielen Bulldozern platt zu machen und anschließend wieder aufzubauen."

Doch Ghulam Muhaiddin Bahwi, der nach der Flucht der Taliban ins Büro des Bürgermeisters eingezogen ist, hat noch nicht einmal die Bulldozer. Jedenfalls nicht genug. Für ganz Kabul mit schätzungsweise eineinhalb Millionen Einwohnern stehen dem amtierenden Bürgermeister "fünf Bulldozer, ein Asphaltmixer und zwei Leichenwagen zur Verfügung". Dazu ein Masterplan zur Stadtentwicklung. Der hängt in leuchtenden Farben über dem Besuchersofa, hat aber den Nachteil, dass er von 1978 ist und eine blühende Zukunft für ein unzerstörtes Kabul ausmalt.

Heute schätzt "Habitat", die Stadtentwicklungsbehörde der Vereinten Nationen, dass 40 Prozent aller Häuser zerstört sind. Interims-Bürgermeister Bahwi sagt, es könnten auch 70 Prozent sein. "Wir wissen nicht, wie viele Einwohner wir haben, wie viele Häuser, Geschäfte oder Steuerzahler", sagt Bahwi, ein vornehmer Mann im blauen Anzug, mit grauen Haaren und wohlgestutztem Bart. Der Bürgermeister möchte seine Stadt in einer kurzfristigen Phase der Nothilfe und einer langfristigen echter Stadtentwicklung wieder aufbauen. "Allerdings", schränkt Bahwi ein, "haben wir weder Geld für die erste noch für die zweite Phase." Bei ihrer überstürzten Flucht nahmen die Taliban nicht nur vier Kisten Gold und die letzten fünf Millionen Dollar der Zentralbank mit, sondern auch die Reste der Stadtkasse. "Unsere einzige Hoffnung ruht auf unseren ausländischen Freunden", sagt Bahwi.

Die trafen sich Anfang Dezember in Berlin und wollten auf einer weiteren Konferenz im Januar in Tokio Geld für den Wiederaufbau Afghanistans sammeln. Von 5, 10, auch 25 Milliarden Euro ist die Rede, die nötig seien, um eines der ärmsten Länder der Welt wieder herzurichten und nicht, wie nach dem Abzug der Sowjetunion, seinem Schicksal zu überlassen.

Dass sich auch nach der Bonner Einigung über eine Übergangsregierung verschiedene Gruppen um Ministerposten zanken, liegt mit am bevorstehenden Geldsegen aus dem Westen: Niemand ist besser postiert als ein Minister, um einen Teil des Dollarregens in die eigene Tasche umzuleiten.

Mieten haben sich verzehntfacht

Kabuls Hausbesitzer haben sich bereits auf die kommende Bonanza eingestellt. "Im August wollte ein Besitzer für die Vermietung eines Hauses 3000 Dollar. Jetzt, da immer mehr Hilfsorganisationen nach Kabul drängen, verlangt er 30000", berichtet Richard Ragland von Habitat. "In Kabul ist ein regelrechtes Goldgräberfieber ausgebrochen."

Geld geben ist eine Sache. Zu wissen, wie man es ausgeben soll, eine andere. Habitat arbeitet seit 14 Jahren in Kabul, doch selbst Bürochef Tagland hat keinen Plan für den Wiederaufbau in der Schublade. "Die Taliban haben nicht nur konkrete Projekte, sondern auch das Sammeln von Daten blockiert", erklärt er. "Wir konnten unsere Mitarbeiter nicht losschicken, um in einem Stadtviertel Daten zu sammeln, weil die Taliban sie verdächtigt hätten, ausländische Spione zu sein."

Doch auch ohne einen neuen Masterplan haben Ingenieure und Arbeiter genug Gelegenheit, die Ärmel hochzukrempeln. Je nach Schätzung sind nur 15 bis 40 Prozent der Haushalte an das zentrale Wassernetz angeschlossen. Viele Brunnen sind versiegt oder verseucht. Giorgio Nembrini vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes weiß, was zu tun ist: tiefere Brunnen bohren, zerborstene Leitungen flicken, durch die die Hälfte des Wassers versickert und endlich die große Pumpstation in Betrieb nehmen. 1998 baute die Hilfsorganisation "Oxfam" mit Weltbank-Geld eine Benzin betriebene Pumpstation, die mehr Wasser in das zentrale Leitungsnetz pumpen kann als alle anderen Stationen zusammen. Der Haken: Wegen hoher Benzinpreise wurden die Generatoren der Pumpe nie angeworfen. Jetzt will das Rote Kreuz eine Stromleitung legen - und mit einem Schlag genug Wasser für Hunderttausende Kabulis ins Netz einspeisen. Die Verwirklichung des Projekts hängt freilich davon ab, ob die Stromwerke genug Energie liefern. Daran hapert es. Nur in Krankenhäusern, Ministerien und ähnlichen Einrichtungen brennt das Licht rund um die Uhr.

Privathäuser bekommen von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens Strom - und auch das nur, wenn sie nicht in einem der Viertel liegen, in dem Transformatoren oder Stromkabel zerstört sind. Mehr als die Hälfte der Einwohner kennt Strom nur noch vom Hörensagen.

Auch das Kabuler Telefonnetz könnte mit gerade 20000 funktionierenden Anschlüssen einen reichen Onkel aus dem Ausland gebrauchen. Ghulam Mutschtaba Nassiry hofft vor allem auf die Deutschen. "Deutsche Technik ist unverwüstlich", sagt der Ingenieur, der einst in Bremen Elektrotechnik studiert hat. Den Beweis tritt die Telefonzentrale an, die Siemens im Zentrum Kabuls installiert hat - vor einem halben Jahrhundert. Die mächtigen grauen Telefonschränke mit ihren gelb, grün und rot blinkenden Lämpchen klingeln und rasseln immer noch wie am Schnürchen. Teure Ersatzteile können Kabuls Telefonwerker nicht bezahlen, weshalb drei Mann in einem Nebenraum frisches Kupfer auf die alten Spulen wickeln.

Anrufe ins Ausland sind nicht möglich. Nur im Zentralen Postamt funktionieren zwei von einem afghanisch-britischen Joint Venture eingerichtete Auslandsleitungen. Said Abdul Samad, ein 40 Jahre alter Kaufmann, steht bereits seit sechs Uhr morgens an, um seinen Vetter in Dänemark anzurufen. Einen Tag Wartezeit hat Samad schon hinter sich "und mindestens einen noch vor mir". Gerade wird die Nummer 60 aufgerufen, doch Samad ist Nummer 106. "Wenn meine Mutter stirbt und ich meinen Bruder anrufen will, ist sie schon beerdigt, bevor ich auf der Warteliste stehe", witzelt er.

Amerikanische Bombenopfer wollen Entschädigung

Eines fällt bei der Aufnahme in den großen Mängelkatalog "Kabuler Ruinen" ins Auge: Die jüngsten US-Bomben haben trotz wochenlanger Bombardierung Kabuls vergleichsweise wenig Schaden angerichtet. "Neben unserem Kraftwerk haben die Amerikaner wochenlang Kasernen und Bunker der Taliban bombardiert", berichtet Stromdirektor Wakil. "Eine Bombe ist hundert Meter neben uns eingeschlagen, doch alle Anlagen blieben unversehrt."

Doch aller Präzision zum Trotz haben die US-Bomben viele Existenzen zerstört. Als die Amerikaner am 7. Oktober mit den Angriffen begannen, gehörte der Flughafen von Kabul zu ihren ersten Zielen. Die Bomben trafen mehrere Hangars und schossen die letzten russischen Jagdbomber der Taliban in Stücke. Nachdem sie die Präzision der US-Angriffe gesehen hatten, blieben der Handwerker Abdul Samea und seine Nachbarn in ihren Lehmhäusern einen Kilometer südlich des Flughafens. "Eine Woche nach dem Beginn der Angriffe blieb es abends zum ersten Mal ruhig. Wir dachten: Prima, endlich können wir einmal ruhig schlafen." Doch um drei Uhr riss eine gewaltige Explosion Samea aus dem Bett. Als er aus der Tür stürzte, waren sechs Nachbarhäuser in Schutthaufen verwandelt. Sameas 14 Jahre alte Nichte Rakiba war auf der Stelle tot. Wie durch ein Wunder kamen in den zerstörten Häusern neun Verwundete mit dem Leben davon. "Wir erwarten, dass die Vereinigten Staaten unsere Häuser wieder aufbauen", sagt Samea.

Mancher Bürgermeister würde vor dem Projekt "Kabul ersteht aus den Ruinen" verzagen. Doch Ghulam Muhaiddin Bahwi hat nicht nur immer gute Laune, sondern träumt von einer neuen Stadt. Eines Tages, wenn aller Schutt weggeräumt und alle Häuser wieder aufgebaut sind, wird Kabul rasant weiterwachsen, glaubt er. "Dann wird Kabul zwei, drei, fünf Millionen Einwohner haben. Dann wird es Zeit für eine neue Stadt."

Den Platz für das neue Kabul hat Bahwi schon im Blick: eine wüstenähnliche Ebene nördlich der Stadt. Im Schrank des Bürgermeisters steht einsam ein Buch: "Creating Cities for the 21st Century" - Städte schaffen für das 21. Jahrhundert. Doch zunächst, gibt der Bürgermeister zu, "müssen wir im 21. erst einmal wieder eine Stadt des 20. Jahrhunderts aufbauen."

Florian Hassel

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Wiederaufbau in Afghanistan:
Esel tranportieren Baumaterial
Foto: Eastway.de

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Fließendes Wasser ist seltener Luxus: viele Brunnen sind versiegt oder verseucht
Foto: Eastway

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"Goldgräberstimmung": Exilafghanen interessieren nicht die Ruinen, sondern der Grund und Boden
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