MieterMagazin

 Januar/Februar 2004 - aktuell

"Vivantes"

Seniorin unter Druck gesetzt

Man müsste Hanne Wirtz gratulieren, so vorbildlich hat sie sich um den rechtzeitigen Umzug in eine altersgerechte Wohnung gekümmert. Dass gerade ihr neuer Vermieter dann alles ins Wanken zu bringen drohte, war eine große Belastung für die ältere Dame - wirbt gerade dieser doch mit dem Zusatz "Forum für Senioren".

Schon seit längerem hatte Hanne Wirtz* eine Wohnung in der Pulsstraße in Charlottenburg ins Auge gefasst. "Wenn ich nochmal umziehe, sollte es gleich in ein seniorengerechtes Wohnhaus sein", erklärt die agile ältere Dame selbstbewusst. Die "Vivantes - Forum für Senioren" betreibt am Rande des weitläufigen Schlossparks mehrere Häuser, deren Wohnungen begehrt sind - liegen sie doch mitten in der Stadt und gleich auch im Grünen. Dementsprechend lang ist die Warteliste mit Bewerbern. Hanne Wirtz freute sich im September vergangenen Jahres deshalb sehr, endlich einen Vorvertrag unterschreiben zu können. Und da die Seniorin keine halben Sachen machen wollte, drängte sie auf den zügigen Umbau des Bades noch vor ihrem Einzug. "Ich bin mit meinen 1,72 Meter ja nicht gerade klein", so Frau Wirtz, "aber als ich probeweise in die Badewanne steigen wollte, kam ich über den 57 Zentimeter hohen Wannenrand nicht mehr rüber." Seniorengerecht im strengen Sinne war die Wohnung demnach nicht. Im Vorvertrag wurden daraufhin die "gewünschten Umbauarbeiten" als noch zu klärender Extrapunkt festgehalten, die "betriebsintern einer Genehmigung" bedurften.

Fünf Wochen später hatte Hanne Wirtz einen unterschriebenen regulären Mietvertrag in der Hand, in dem auch die Kosten für den Badumbau abschließend geregelt waren: "Die Mieterin verpflichtet sich bei Einbau einer behindertengerechten Dusche und den damit verbundenen Maurer-, Fliesenleger- und Sanitärarbeiten einen Eigenanteil von 1900 Euro an den Vermieter zu entrichten." Frau Wirtz war sofort einverstanden, und ihr Einzug zum 1. Januar 2004 schien sicher.

Mitte November, kaum zwei Wochen nach Vertragsabschluss, klingelte bei Hanne Wirtz das Telefon. Ein Vertreter der Vivantes teilte ihr mit, dass sie den Restbetrag von 3000 Euro des insgesamt 4900 Euro teuren Badumbaus auch übernehmen müsse. "Ich war völlig überrumpelt", erzählt sie. Monatlich sollte sich ihre Miete um 25,10 Euro erhöhen, einen neuen Mietvertrag sollte sie deshalb gleich auch unterzeichnen. Frau Wirtz lehnte ab, schließlich war alles einvernehmlich unterschrieben worden. Ein paar Tage später klingelte es trotzdem erneut. Die Vivantes ließ Frau Wirtz nun wissen, dass der Einzugstermin nicht mehr eingehalten werden könne, da die Ausbauarbeiten wegen der Verzögerungen nicht fristgerecht abzuschließen seien. "Und ich hatte die alte Wohnung schon zum 31. Januar gekündigt", sorgte sich Seniorin Wirtz. Auch schriftlich versuchte die Vivantes ihre eigene Position zu verbessern. "Um jetzt mit dem Badumbau zu beginnen, fehlt nur noch die Anpassung ihres Mietvertrages", hieß es, vermeintlich um Klärung besorgt, vier Wochen vor dem vereinbarten Einzugstermin.

"Die Vivantes hat die Mieterin unter enormen Druck gesetzt", sagt Rechtsberaterin Marlies Lau vom Berliner Mieterverein, an den sich die Seniorin schließlich Rat suchend gewandt hatte. Dass eine Gesellschaft, die sich mit dem Zusatz "Forum für Senioren" schmückt, in dieser Weise mit ihrer Klientel umspringt, erscheine in keinem besonders guten Licht, so Marlis Lau. "Der unterschriebene Mietvertrag ist selbstverständlich gültig", stellt die Rechtsberaterin klar. Frau Wirtz habe sich zum Glück nicht durch die persönlichen Anrufe der Vivantes verunsichern lassen. Zusätzlich hat sie der Mieterin empfohlen, sich unabhängig zu erkundigen, wie teuer solch ein Badumbau üblicherweise ist. Diese ist inzwischen bestens informiert: "Nach Urteil meines eigenen Installateurs kann man mit 4900 Euro sogar drei Bäder in der gewünschten Weise umgestalten."

Inzwischen aber hat sich die Vivantes eines Besseren besonnen und verlangt keinen neuen Mietvertrag mehr. "Sie haben gemerkt, dass sie damit nicht durchkommen", resümiert Hanne Wirtz. "Zunächst aber musste ich mich mit vereinten Kräften dagegen wehren." Im Januar konnte die Seniorin in ihre neue Wohnung einziehen. Und auch ihr Bad ist noch rechtzeitig fertig geworden. Die gewünschte Dusche mit Eckeinstieg hat ihr die Vivantes allerdings nicht mehr gegönnt.

Sabine Schuster

* Name geändert

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In ungutem Licht durch eigen-willige Nachverhandlungen: Vivantes (hier: Seniorenhaus in der Charlottenburger Pulsstraße)
Foto: Sabine Schuster

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