MieterMagazin

 Januar/Februar 2003 - Ausland

USA

Baustelle der Zukunft

Die Wüste Arizonas ist heiß, 30 Grad im Dezember. Der warme Wind schluckt die von der Klimaanlage gekühlte Luft, bevor das Autofenster ganz heruntergekurbelt ist. Sanft schlängelt sich der Highway Nummer 17 durch die Hügel der Sonora-Wüste Richtung Flagstaff, vorbei an Kakteen, verdorrten Sträuchern und rauhen Felsformationen. Rund 100 Kilometer nördlich von Phoenix kommt die Ausfahrt Cordes Junction: eine kleine Ansammlung schmaler Häuser. Gleich daneben führt eine staubige Schotterpiste ins Nirgendwo, so scheint es. Weit gefehlt. Ein paar Minuten später fällt der Blick auf einige futuristische Kuppelbauten und Baukräne, ein Schild am Pistenrand verkündet: "Welcome to Arcosanti, an urban laboratory." Dort baut der italienische Architekt Paolo Soleri mit seinen Anhängern seit über 30 Jahren die Stadt der Zukunft.

Arcosanti: Urbanes Labor, Kultprojekt aus längst vergangenen Hippie-Zeiten. 80 Menschen arbeiten hier an ihrer Stadt der Zukunft. 1970 zog es den italienischen Architekten Paolo Soleri in die Wüste, um Arcosanti zu bauen - die Verwirklichung seines Traums der Arcology - einer auf Ökologie ausgerichteten Architektur. Hier, mitten in der Prärie, sollten bis zu 7000 Bewohner auf einer Fläche von weniger als einem Viertel Quadratkilometer leben, arbeiten und Kultur genießen, so Soleris Vision - und sein Gegenmodell zu den von ihm verhassten amerikanischen Suburbs. "Nur einige Stockwerke hoch breiten sie sich über etliche Meilen aus", kritisierte Soleri 1977 in dem Buch "Earth's Answer". Für ihn ein "verschwenderischer Konsum" von Land, Energie, Zeit und menschlichen Ressourcen. Soleris Lösung der städtebaulichen Katastrophe: "Die urbane Implosion statt einer Explosion." Mehrlagig solle sich die Stadt in den Himmel schrauben, um die Fläche zu reduzieren, auf der sie gebaut wird. Vertikal bauen statt horizontal, bis zu 25 Stockwerke hoch sollten die Gebäude in Arcosanti werden. Für Autos war kein Platz in Soleris Vision, Garagen, Straßen und Parkplätze überflüssig. Rund 60 Prozent der Fläche einer normalen Stadt wollte der Italiener so einsparen, und stattdessen alle wichtigen Orte zu Fuß erreichbar machen, eingeschlossen die umgebende Natur. Wind- und Solarenergie sollte die nach Süden ausgerichtete Stadt mit Elektrizität versorgen - die Sonne scheint in Arizona 300 Tage im Jahr.

Arcosanti war Soleris "positive Antwort auf die vielen Probleme der urbanen Zivilisation, wie die Überbevölkerung, die Umweltverschmutzung, die Verknappung von Energie, anderen natürlichen Ressourcen und Lebensmitteln", so schrieb der Italiener 1977.

Baustelle auch noch nach 30 Jahren

Mit seiner Vision lockte der gebürtige Turiner in den 70er Jahren etliche Anhänger in die Wüste. Soleri galt unter seinen Fans als Architektur-Guru der Woodstock-Ära, als Genie, wichtigster Architekt unserer Zeit. Soleris Kritiker taten seine Visionen derweil als architektonische Spinnereien ab. Einige beschrieben Arcosanti in der Vergangenheit als das wichtigste Experiment unserer Zeit. Andere belächelten das Projekt als eine in Arbeit befindliche Ruine und potenzielle Geisterstadt, die bald unter der heißen Wüstensonne zu Staub zerfallen wird.

Fest steht, dass Arcosanti es bis heute nicht über den Status einer Baustelle hinaus gebracht hat. Über 30 Jahre nach der Grundsteinlegung sind erst fünf Prozent der Stadt gebaut. Und dennoch: Die wenigen und dann auch oft nur halb vollendeten Gebäude Arcosantis, die sich am Südhang eines tiefen Canyons aufreihen, ähneln den Skizzen aus Soleris Notizbuch. Etliche Treppen verbinden nahezu komplett gläserne Wohnhäuser. Zwei mächtige - in der Horizontale zu beiden Seiten offene - Betonkuppeln wölben sich wie gigantische Insektenflügel, unter denen die Bewohner Arcosantis ihre Baumaterialien anmischen und verarbeiten. Im Sommer, wenn die Sonnenstrahlen im fast vertikalen Winkel auf diese Konstruktionen treffen, spenden die Kuppeln Schatten. Durch die Öffnungen zu beiden Seiten weht ein leichter Wind. Wintersonnenstrahlen, die horizontaler auf die Erde treffen, schaffen es derweil unter die Wölbung und sorgen für ein wenig Wärme, wenn die Temperaturen in den frühen Morgenstunden nur leicht im Plus-Bereich liegen. Dieser Teil Arcosantis entstand in seiner Blütezeit, zwischen 1970 und 1975, als hier 350 Freiwillige arbeiteten.

Der Einfluss der Architekten Antonio Gaudí und Frank Lloyd Wright ist nicht zu übersehen. Auf der Architekturschule des Amerikaners Wright studierte Soleri eineinhalb Jahre, als er 1947 aus Italien nach Arizona kam. Die beiden Männer hatten jedoch unterschiedliche Ziele. Wright ging nach New York und baute sein weltberühmtes "Guggenheim Museum", Soleri zog in die Wüste Arizonas, um mit Arcosanti seine Stadt der Zukunft zu bauen. Daraus wurde zwar ein unvollendetes Projekt, aber dennoch ein traumhafter, friedlicher, ruhiger Ort. Im Sommer finden im Amphitheater unter mächtigen Sonnensegeln Kulturveranstaltungen statt. Falken schweben an den Fenstern vorbei. Vor den Gebäuden biegen sich im seichten Dezemberwind Zypressen und Olivenbäume, eine Erinnerung an die italienische Heimat Soleris. Die Bewohner Arcosantis ernten die dunklen Früchte, verarbeiten sie und verkaufen sie in ihrem kleinen Laden an Besucher. Irgendwann wollen sie so viel Obst und Gemüse wie möglich anbauen.

Die Wiederentdeckung einer Idee

Mittendrin in dieser Oase der Ruhe steht Paolo Soleri: Das hagere Gesicht des 83-Jährigen ist wettergegerbt. Der schmächtige Oberkörper steckt in einem blauen Leinenhemd, die nackten Füße in Sandalen. Mindestens zweimal in der Woche kommt Soleri aus Phoenix nach Arcosanti, "um zu diskutieren und die weiteren Schritte beim Bau zu besprechen", wie er sagt. Seine Stimme ist leise, seine Sätze mitunter verschachtelt, doch der Wille und das Sendungsbewusstsein des Italieners sind so stark wie ehedem. "Wenn wir nicht den Überkonsum der natürlichen Ressourcen stoppen, die urbane Ausbreitung und unsere Abhängigkeit vom Auto reduzieren, steuert unser Planet auf große Schwierigkeiten zu." Sollte der amerikanische Traum zum weltweiten Traum werden und die Bevölkerung weiter rapide wachsen, so Soleri, werden wir bis 2050 rund 40 Planeten brauchen. "Wenn China, Indien und Afrika unseren Stil des Hyperkonsums übernehmen, werden sich die Dinge sehr schnell verschlechtern."

Obwohl Soleri seine Vision der Stadt der Zukunft bislang nicht verwirklichen konnte, wird seine Philosophie in diesen Tagen wiederentdeckt. Immer mehr Stadtplaner und Architekten erinnern sich bei ihrer Suche nach städtebaulichen Lösungen für die großen Probleme wie Energieverknappung und Überbevölkerung an den Italiener.

Das Revival Soleris ist von einer Reihe neuer Bücher begleitet, darunter einer englischen Ausgabe der Monographie "Soleri: Architecture as a Human Ecology" (Monicelli Press). Im Jahr 2000 erhielt der Italiener auf der Venice Biennale für sein Lebenswerk den Golden Lion Award. Soleri sieht es gelassen: "Sie haben mich 40 Jahre zu spät wiederentdeckt."

Derweil sind die meisten der Soleri-Jünger, die in den 70er Jahren mit ihm in die Wüste kamen, lange abgewandert. Weniger als zehn der heute rund 80 Arcosanti-Bewohner leben seit 20 Jahren oder länger in der Wüste Arizonas. Hannelore Kirsch ist eine von ihnen, für ihre amerikanischen Mitbewohner ist die gebürtige Deutsche aus Heiligenhafen an der Ostsee einfach Sue. "Hannelore kann sowieso niemand aussprechen." 1978 kam die 54-Jährige das erste Mal nach Arcosanti, blieb drei Jahre und kochte unter freiem Himmel für die Hippie-Gemeinschaft - "ein irres Leben", sagt Sue. Dann kamen die 80er Jahre, "eine ganz leise Zeit", in der am Bau so gut wie gar nichts passierte. Zwischendurch verließ Sue Arcosanti immer wieder für ein paar Jahre. "Hier wird man schnell zu romantisch." Stattdessen arbeitete sie "in normalen Jobs", wie sie sagt, lebte in "Suburbia, in der Konsummaschine, in einem Lebensstil, der uns kaputtmacht", inmitten von Menschen, "die ihr eigenes Ding machen wollen, komplett voneinander abgeschottet". Immer wieder kehrte Sue nach Arcosanti zurück, das letzte Mal zog sie Anfang 2000 wieder ein. Warum ist das Projekt ihrer Meinung nach ins Stocken geraten? "Hier wird immer endlos diskutiert, bevor man etwas entscheidet", sagt sie da. Und: "Soleri ist auf seine Vision fixiert und macht keine Kompromisse." Das sei toll, aber in einer von finanziellen, politischen Gegebenheiten geprägten Welt auch naiv. "Wir sind nie vorangekommen, weil Soleri sich nicht so einschmusen kann."

Tatsächlich fehlt es in Arcosanti vor allem an Geld. Als Anfang der 80er Jahre die erste Begeisterung abebbte, mochten die vielzähligen Freiwilligen nicht mehr ganz umsonst arbeiten und forderten für ihre Arbeit den gesetzlichen Mindestlohn. Seitdem steckt Arcosanti in einer chronischen Finanzkrise. Staatliche Unterstützung gibt es nicht, private Investoren mochten bislang nicht aushelfen. Zehn Millionen Dollar hat das Projekt bisher gekostet, seine Vollendung würde insgesamt rund drei Milliarden Dollar verschlingen. Rund 200000 Dollar kann Soleri im Jahr für den Bau ausgeben. Mehr bleibt nach Abzug von Steuern, Versicherungszahlungen und den Gehältern der Mitarbeiter nicht von den zwei Millionen Dollar übrig, die Arcosanti im Jahr einnimmt: Neben Eintrittsgeldern der Besucher - jährlich kommen rund 50000 - und Gebühren für Workshops finanziert sich Arcosanti vor allem über den Verkauf von "Soleri-Bells" an Touristen.

Treffpunkt für "Nomaden"

Liz Shiffler ist eine der rund 25 Leute, die in Arcosanti die Soleri-Glocken aus Keramik oder Bronze produzieren. Täglich beginnt sie früh morgens kurz nach dem Sonnenaufgang mit ihrer Arbeit. Eigentlich wollte die 24-Jährige nur fünf Wochen bleiben, als sie im Oktober 2001 für einen Workshop nach Arcosanti kam. Daraus wurde bereits über ein Jahr. "Keine Ahnung, wie lange ich bleibe", sagt Liz. Sie hat Umweltkunde studiert und war an ökologischen Wohnkonzepten interessiert. Bevor sie nach Arcosanti kam, hatte sie immer ein Auto und lebte allein in einer großen Wohnung. "Jetzt habe ich keinen Wagen mehr und teile mir eine kleine Wohnung. Und trotzdem ist der Wert meines Zuhauses gestiegen", sagt sie. Ähnlich wie Liz sind die meisten Arcosanti-Bewohner in der Wüste Arizonas hängen geblieben. Wenige sind Architekten. Sie haben Soziologie studiert oder Geschichte, schreiben normalerweise Drehbücher oder verdienen ihr Geld als Künstler wie der 31-jährige Jay Duffy, der zwei Jahre in Arcosanti lebte und seitdem immer wieder ein paar Tage zu Besuch kommt. "Leute, die hierher kommen, sind Nomaden", sagt er, "wir wollen Erfahrungen sammeln, dann ziehen wir weiter, um etwas anderes kennen zu lernen."

Neugier hat auch die 23-jährige Anitya Maruccia nach Arizona gebracht. Die Italienerin studiert noch Architektur in Rom und ist seit August für ein Semester in Arcosanti. Als sie kam, wusste sie kaum etwas über das Projekt, jetzt ist sie von "dieser großen Idee" begeistert: "Soleris Philosophie wird meine Arbeit in Zukunft beeinflussen."

Soleri hört es gerne. Er hat seit langem verstanden, dass aus Arcosanti in der ursprünglich geplanten Form nichts werden wird. Stattdessen soll das Projekt ihm nunmehr vor allem helfen, seine Idee der Arcology weiter zu verbreiten. Universitäten in Italien und Japan schicken ihre Studenten bereits im Rahmen von Universitäts-Programmen nach Arcosanti. In anderen Ländern, darunter in Deutschland, sucht Soleri noch nach Partneruniversitäten. Neben den Studenten kommen jährlich mehrere hundert Teilnehmer zu fünfwöchigen Workshops, die Arcosanti zwischen Februar und November anbietet. Die Teilnehmer lernen die Prinzipien der Arcology kennen, sowohl theoretisch als auch praktisch durch die Arbeit am Projekt. "So bleiben meine Ideen auch über meinen Tod hinaus am Leben", glaubt Soleri.

Hat der 83-Jährige, der noch vor Energie strotzt, noch Pläne für weitere Städte? "Ja", sagt Soleri und dann kommt wieder der Tagträumer in ihm durch: "Etwas wie das Paradies oder Nirvana." Will er das auf der Erde bauen? "Das verrate ich nicht", sagt Soleri da nur.

Kerstin Friemel

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Gegenmodell, Labor, Utopie: Arcosanti
Foto: Volker Hegemann

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Gegenmodell, Labor, Utopie: Eingangsschild Arcosanti
Foto: Kerstin Friemel

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"Urbane Implosion
statt Explosion":
Arcosanti-Gründer
Paolo Soleri
Foto: Ken Howie

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Oase der Ruhe im Wüstensand: Arcosanti
Foto: Kerstin Friemel

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Vertikal Bauen:
Soleris Vision
ist ein Gegenmodell
zum Flächenfraß
der amerikanischen Großstädte
Foto: Volker Hegemann

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"... ein irres Leben":
die deutsche Arcosanti-Bewohnerin Hannelore
"Sue" Kirsch
Foto: Kerstin Friemel

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Traumhaft, friedlich,
ruhig: Arcosanti
Foto: Volker Hegemann

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Traumhaft, friedlich,
ruhig: Arcosanti
Foto: Kerstin Friemel

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"Soleri"-Bells
Foto: Kerstin Friemel

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