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Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, birgt die Gegend nördlich der Gleimstraße in Prenzlauer Berg durchaus Wohnqualitäten: kein Durchgangsverkehr und trotzdem zentral gelegen. Familien schätzen den nahe gelegenen Kinderbauernhof, der vierte Abschnitt des Mauerparks wird demnächst weiteres Grün bringen. Eine ruhige Ecke bislang. Doch mit dem Bau eines Aldi-Marktes im hintersten Winkel dieses Viertels scheint ohne großes Nachdenken dieses sensible Zusammenspiel geopfert zu werden: Für die bislang funktionierende, wenn auch ungeplante "verkehrsberuhigte Zone" prognostizieren die Anwohner wachsenden Autoverkehr.
Nach Frostende wird laut "Aldi" mit dem Bau des Lebensmittelmarktes auf der Grundstücksbrache Schwedter Straße 83/84 unmittelbar am S-Bahngraben begonnen. Die Baugenehmigung für den 700 Quadratmeter großen Discountmarkt inklusive 54 Stellplätzen wurde im Oktober 2002 erteilt. Für den Kunden- und Lieferverkehr will Aldi auf eigene Kosten die seit dem Mauerbau brachliegende Schwedter Straße zwischen der Gleimstraße und der Fußgängerbrücke Schwedter Steg erneuern und auf 5,50 Meter verbreitern. Hinzu kommen nochmals 5 Meter Breite zum Querparken für weitere 55 Autos. Gleichzeitig sollen die Gehwege neu gestaltet werden. "Wir möchten die unmittelbare Kiezversorgung sicherstellen", begründet der Aldi-Vertreter auf Nachfrage die Auswahl des Standortes mit der üppig bemessenen Parkfläche. Lediglich einmal pro Tag liefere ein 40-Tonnen-Lkw neue Waren an. Der Investor hatte einen rechtlichen Anspruch auf die Baugenehmigung, wie Martin Federlein (CDU), Pankower Stadtrat für Stadtentwicklung, betont. Zugleich entsprach man damit einem seit 2001 bestehenden Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung, den nördlichen Teil der Schwedter Straße auszubauen - und spart noch öffentliche Gelder. Michail Nelken vom Bürgerverein Gleimviertel sieht die Rechtslage nicht so eindeutig: "Das Stadtplanungsamt hätte dies nicht genehmigen dürfen, da die neue Nutzung eine breitere Straße verlangt als bislang im Kiez üblich." Das bezirkliche Tiefbauamt räumte ein, dass weder der bisherige Verkehr im Gebiet gezählt wurde, noch ein Prognosegutachten über denkbare Verkehrsfolgen existiert. Nur zufällig erfuhren die Leute vom Kinderbauernhof im Herbst von ihrer neuen Straße, als ein Vermesser vor ihrem Grundstück in der Schwedter Straße auftauchte und über den geplanten SB-Markt berichtete. Einer eilends gegründeten Bürgerinitiative "Keine-Aldi-Straße" (KAS) gelang es, die Planungen in die öffentliche Diskussion zu bringen. Bislang waren die Anwohner in dem Glauben gelassen worden, dass dieser Teil der Schwedter Straße dauerhaft verkehrsberuhigt bleibt. Mehr als 300 Anwohner von insgesamt rund 4000 Kiezbewohnern kamen Mitte November schließlich zu einer ersten Informationsveranstaltung. Die Anwohner verwiesen unter anderem auf die Kinder, die zukünftig eine befahrene Schwedter Straße überqueren müssten, um zum Kinderbauernhof, Park und Kletterfelsen zu gelangen. Die Initiative KAS kritisierte zudem, dass die Korsörer- und die Kopenhagener Straße nicht länger Sackgassen bleiben, sondern wieder an die Schwedter Straße angebunden werden sollen. Ohne Not entstehe hier Durchgangsverkehr. Einige Anwesende werteten das Treffen trotz aller Diskussion als reine "Alibi-Veranstaltung", da längst alles in Sack und Tüten sei. Um so bemerkenswerter, dass auf Grund der Infoveranstaltung eine neue große Planungsrunde - wenn auch ohne Investor - Mitte Dezember zusammentrat. Die Anwohner konnten dem Tiefbauamt ihre Alternativen vorschlagen. Als sich im Verlauf dieses Treffens herausstellte, dass der Bezirk der Lebensmittelkette keinesfalls per Vertrag zugesichert hatte, die beiden Sackgassen aufzuheben, ergab sich neuer Planungsspielraum. Bislang hatte das Tiefbauamt an deren Öffnung zur "Wiederherstellung des historischen Straßennetzes" festgehalten. Inzwischen ist über das Quartiersmanagement Falkplatz Geld aus dem Programm "Soziale Stadt" beantragt worden, um die Gehwege erneuern zu können. Falls die Gelder bewilligt werden, ist an sie per Gesetz eine weitere Bürgerbeteiligung gekoppelt. Vor überraschenden Planungen wären die Anwohner dann sicher.
Sabine Schuster
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