MieterMagazin

 Januar/Februar 2002 - aktuell

Buch-Tipp

Berlin und der Osten

Der Alexanderplatz ist eine sibirische Steppe und dahinter fängt die Mongolei an. So ähnlich haben West-Berliner Stadtplaner, Feuilletonisten und Politiker ihre Sicht auf den Osten ausgedrückt - nicht etwa zu Zeiten des Kalten Krieges, sondern Ende der 90er Jahre.

London, Paris, New York sind immer noch die gebetsmühlenartig genannten Vorbilder und Orientierungspunkte. Berlin blickt stur Richtung Westen und hat nicht begriffen, dass es mitten im Osten liegt. Im krassen Gegensatz zur offiziellen Beschwörung der "Drehscheibenfunktion" für den Ost-West-Handel steht Berlins Abschottung nach Osten. Es herrscht eine regelrechte Angst vor den "Barbaren aus dem Osten", vor denen die "westliche Zivilisation" geschützt werden muss.

"Berliner Barbaren - Wie der Osten in den Westen kommt" heißt das neue Buch des taz-Redakteurs Uwe Rada, in dem er das widersprüchliche Verhältnis Berlins zu seinen osteuropäischen Nachbarn beschreibt. Anstatt die Chancen einer Grenzstadt zum Osten zu nutzen, empfindet man polnische Kleinhändler, rumänische Glücksritter und ukrainische Wanderarbeiter - Menschen, die so flexibel und mobil sind, wie es die globalisierte Wirtschaft ständig fordert - als Bedrohung. Auf dieser untersten Ebene ist die Osterweiterung der EU schon längst vollzogen. In Berlin, 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, ist das so deutlich sichtbar wie in kaum einer anderen großen Stadt, sei es im russlanddeutschen Marzahn, im vietnamesischen Lichtenberg oder in der russischen Kantstraße.

"Heutige Berliner Zukunftsindizien wird man nicht mehr nur innerhalb der zur alten Größe zurückvereinigten Stadt sammeln, sondern, wie in diesem Buch gezeigt, auch auf dem Bahnhof von Kostrzyn, auf dem Chinesenmarkt in Budapest, am Routentableau des Busdepots von Przemysl oder bei den erschöpften Wachpatrouillen in den Wäldern rund um Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze", schreibt der Architekturkritiker Wolfgang Kil im Nachwort zu Uwe Radas Buch. Und während man in Berlin immer noch glaubt, die vom Osten anstürmenden "Barbaren" - Zuwanderer, die die Stadt eigentlich dringend braucht - abwehren zu müssen, haben sich längst Städte wie Warschau und Wien zu echten Ost-West-Drehscheiben entwickelt.

Jens Sethmann

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Uwe Rada, Berliner Barbaren. Wie der Osten in den Westen kommt.
Mit einem Fotoessay von Claudia C. Lorenz und einem Nachwort von Wolfgang Kil, Basisdruck Verlag, Berlin 2001, 245 Seiten, 19,40 Euro

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