MieterMagazin

 Juni 2003 - aktuell

Marheinekeplatz in Kreuzberg

Ehrbar nur mit Tüte

Die Wahrscheinlichkeit für eine Begegnung der weichen Art ist hoch. Und wenn der Schuh plötzlich quwaardscht, tja - dann ist es passiert. Vierbeinige Lieblinge setzen ihre Tretminen nahezu flächendeckend nieder in Berlin. Auf die Bürgersteige natürlich, und auf die Rasenflächen ebenso natürlich. Sicher, es gibt Schlimmeres als ein "Tritt ins Glück", aber der unerbittliche Kreislauf der Natur so unmittelbar, so vor aller Augen und Nasen? Manch einer erkennt sogar ein Zivilisationsproblem, dem aber gottlob aus Zweibeinersicht mit vorhandenen Mitteln beizukommen wäre. Durch einfaches Bücken plus Tüte - doch wer will heute schon noch in die Knie gehen?

"Dieser Tage, da die ersten warmen Sonnenstrahlen auf die Fläche fallen, erhebt sich ein ungeheurer Gestank": Mit einer gleichsam bewusstseinserweiternden Schilderung hebt auch Jan Bocholts* Bericht an, der vom Marheinekeplatz in Kreuzberg handelt. Die Ursache des Miasmas liegt ziemlich nah: Auf der angrenzenden Rasenfläche beträgt nach seinem Augenmaß "der mittlere Abstand der Hundehaufen 40 bis 50 Zentimeter. Viel dichter geht es eigentlich nicht".

Nun gehört Jan Bocholt aber nicht zu den Hundegegnern, die lieber heute als morgen die vierbeinigen Mitbewohner aus Berlin verbannen möchten, und damit auch gleich das leidige Problem. Er bedauert es vielmehr, dass es "eine aggressive Grundstimmung zwischen Eltern und Hundehaltern gibt". Im Zusammenleben aller in der Stadt sollte auch ein selbstverständlicher Platz für den treuesten Begleiter des Menschen sein. Allerdings stört ihn, dass die tierischen Lieblinge es bislang über Jahrtausende vermocht haben, sich Aufklärung und Fortschritt unauffällig zu entziehen. Günstiger geartet scheinen in dieser Hinsicht doch deren Besitzer zu sein, an die er deshalb seine Erwartung richtet: Dass diese nämlich, so wie er auch, "die Ausscheidungen der im Haushalt lebenden Wesen entsorgen". Was als allgemeine Regel der Hygiene so theoretisch kalt daherkommt, hieße für den Gassigeher: eine Plastiktüte mitzunehmen, in der die Hinterlassenschaft, hilfsweise unterstützt durch ein Stück Pappe, verschwinden kann, um im nächsten Abfalleimer zu landen.

Nun, vereinzelt soll dieser Sieg einer städtischen Hygienekultur inzwischen in Spandau am Lindenufer und in Neukölln in der Schillerpromenade errungen worden sein. Auch wenn diese Anfangserfolge noch nicht ganz gesichert scheinen: Für den Marheinekeplatz wäre die Tütenlösung die einzig mögliche Rettung. Denn Michael Schmicke vom Grünflächenamt in Kreuzberg lässt unmissverständlich wissen: "Wir kommen mit der Reinigung nicht nach. Jeder einzelne Mitarbeiter ist heute auf einer dreimal so großen Fläche eingesetzt wie früher. Und der Abfall nimmt zu."

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zerbricht man sich seit geraumer Zeit die Köpfe über das Dauerproblem Nummer eins, den Hundekot. Eine Projektgruppe "Saubere Stadt Berlin" wurde eigens ins Leben gerufen. Es gab viele Workshops, Informationskampagnen, Appelle an den Lokalpatriotismus. In Quartiersmanagementgebieten wurden fehlbare Hundehalter am Ort der Tat in aufklärerische Gespräche verwickelt, bekamen ein Tütchen gereicht, mussten unter Aufsicht ihrer Pflicht nachkommen, eine abschließende Ermahnung inklusive. Die freundliche Variante, mit einer Belohnung für die pflichtbewussten Hundehalter, wurde ebenso auf ihre Wirksamkeit hin getestet.

Kurz vor Ostern 2003 war es Zeit für eine Bilanz. Das Fazit von Christina Hermenau, der Leiterin des Projekts, lässt wenig Interpretationsspielraum: "Alle erprobten Dinge ergeben nur Sinn, wenn man auch Geldstrafen verhängen kann." Das Problem sei jetzt die Feststellung der Übeltäter. Justiz- und Innenverwaltung überlegen aktuell, wie man für Umweltstreifen die entsprechende Rechtssicherheit schaffen kann. Im Jahr 2002 wurde das Bußgeld, das zwischen 10 und 30 Euro schwankt, nur 23 Mal kassiert. Erhöhte Bußgelder werden trotzdem in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorbereitet. "Aber uns ist auch klar, das wir damit nicht an das wirkliche Problem rankommen", sagt Sprecherin Petra Reetz, "ein Hundehaufen gilt in Berlin immer noch als Kavaliersdelikt und wird nicht geächtet. Verhängt ein Polizist ein Bußgeld, erntete er bisher wenig Sympathien."

Sabine Schuster

* Name geändert

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Kreuzberger Marheinekeplatz: mittlerer Hundehaufenabstand 40 bis 50 Zentimeter
Foto: Sabine Schuster

" In New York ist es selbstverständlich, dass man seinen Handschuh herauszieht und damit die Hinterlassenschaft seines Hundes in der Tüte entsorgt."
Petra Reetz, Pressesprecherin Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

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