MieterMagazin

 Juni 2003 - aktuell

Baumscheiben

Piraten willkommen

Um dem verantwortungslosen Treiben rücksichtsloser Hundebesitzer etwas entgegenzusetzen, bepflanzen zunehmend mehr Anwohner, Kiezinitiativen und - Gerüchten zufolge - sogar anonyme Pflanzpiraten die Flächen um Straßenbäume herum mit Stiefmütterchen, Radieschen und Veilchen. Sie erhoffen sich davon, dass Hundebesitzer diese Flächen, die so genannten Baumscheiben, von ihren vierbeinigen Freunden dann nicht mehr als Hundeklo missbrauchen lassen. Bepflanzte Baumscheiben steigern im besten Fall nicht nur die Skrupel bei Hundebesitzern, sie verschönern zudem in den meisten Fällen das Erscheinungsbild der Straßen.

"Dem Bepflanzen von Baumscheiben steht von rechtlicher Seite nichts entgegen, solange es die Bäume nicht schädigt", sagt Rita-Marina Karge, Mitarbeiterin bei der Obersten Naturschutzbehörde Berlin und zuständig für die Baumschutzverordnung. Vielmehr sei dies aus ökologischen Gründen sogar begrüßenswert, wenn dabei einige Grundregeln beachtet würden, so Hartmut Balder, stellvertretender Leiter des Berliner Pflanzenschutzamtes. "Durch die Bepflanzung der Baumscheiben können - im weitesten Sinne - waldähnliche Strukturen für den Baum geschaffen werden." Wichtig sei, darauf zu achten, dass die Wurzel des Baumes beim Einpflanzen weiterer Pflanzen nicht verletzt werde, so Balder. "Außerdem sollte dafür Sorge getragen werden, dass bepflanzte Baumscheiben betreut werden und nicht mit Unkraut zuwuchern. Zudem sollte die Bepflanzung keine Geschmacksdiskussionen auslösen, sprich: in die Umgebung passen." Konkurrenz der Bäume und der anderen Pflanzen um das Wasser sei im Normalfall kein bedeutendes Problem, so Balder.

"Manchmal nehmen Mitarbeiter der bezirklichen Tiefbauämter an Einzäunungen oder anderen zusätzlichen Hundebarrieren um die Baumscheiben Anstoß, wenn sie diese als Hindernisse im Straßenland betrachten", sagt Beate Profé, Leiterin des Referats Stadtgestaltung und Stadtgrün bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Bis zu zehn Liter Hunde-Urin pro Jahr und mehr müssen zahlreiche Straßenbäume in der Stadt verkraften. Auf Dauer sind sie damit überfordert. Ihre Stämme und Wurzeln werden durch die großen Mengen des stark salzhaltigen Urins geschädigt. Die Bäume werden dadurch anfälliger für Pilz- und Fäulnisbefall, ihre Lebenserwartung sinkt. Besonders gefährdet durch Hunde-Urin seien Bäume mit dünnen Rinden wie beispielsweise Ahorn und Robinien sowie Jungbäume, erläutert Balder. Er hält bunt bepflanzte Baumscheiben jedoch nur für einen sehr begrenzten Schutz vor der Benutzung durch Hunde.

"Rein rechtlich gesehen ist alles verboten, was den Baum schädigen könnte", sagt Baumschutzexpertin Karge. Also auch, dass Hunde sie als Abort benutzen. Allerdings sei "eine effektive Kontrolle der Hundebesitzer durch die Behörden in der Praxis nicht machbar".

"Hunde-Urin ist aber nur eine von viele Gefährdungen für die Straßenbäume", erläutert Baumexperte Balder. Schwerwiegend seien auch mechanische Beschädigungen, wie sie beispielsweise durch missglückte Einparkversuche entstehen. Undichte Gasleitungen verkürzten die Lebensdauer vieler Straßenbäume ebenfalls, so Balder. "Auch ist durch platt getretene Baumscheiben die Wasserversorgung mancher Bäume gefährdet." Die schwerwiegendste Ursache für die geringe Lebenserwartung der Straßenbäume - nach Balders Auskunft werden sie in Berlin in der Regel lediglich 40 bis 60 Jahre alt - sei jedoch eine "falsche Standortplanung". "In Berlin wird oft zu schnell und falsch gepflanzt", sagt Balder. "Das heißt, in vielen Fällen werden falsche Sorten an ungeeigneten Stellen mit schlechten Böden gepflanzt. Meist sind auch die Pflanzgruben zu klein." Wenn man wie bei normalen Wäldern üblich auch beim Stadtgrün "einmal den Ertrag unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten" betrachten würde, käme man bei den Berliner Straßenbäumen laut Balder zu folgendem Schluss: "Eine mittlere Katastrophe!"

Volker Wartmann

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Ausdrücklich erwünscht: Immer mehr Anwohner bepflanzen die Baumscheiben in Wohnstraßen
Foto: Volker Wartmann

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