Nach Hochhausvisionen, Dialogwerkstatt und Ideenwettbewerb folgt der nächste Anlauf für eine Bebauung des Tempelhofer Feldes. Doch bezahlbarer Wohnraum spielt in den ambitionierten Plänen nur eine Nebenrolle – und der Volksentscheid von 2014 wird zunehmend zum politischen Hindernis erklärt.
Eine Gruppe um den Unternehmer Hamid Djadda und den Architekten Hans Kollhoff hat im Mai ihre Pläne für das Tempelhofer Feld vorgestellt: Auf einer Fläche von 100 Hektar sollen demnach 21.400 Wohnungen entstehen, dazu zehn Prozent Gewerbe und 15 Prozent öffentliche Einrichtungen. Eine rund 200 Hektar große Fläche in der Mitte des Feldes soll frei bleiben. Etliche Grünflächen, Gemeinschaftsgärten und Sportanlagen müssten allerdings weichen.
Gebaut werden soll im beschleunigten Verfahren: ohne Wettbewerbe, seriell, mit abgesenkten Standards und einer ähnlich hohen Dichte wie in den umliegenden Kiezen. Ausgerechnet die Stadtstruktur des 19. Jahrhunderts wird damit zum Vorbild für eines der größten Berliner Stadtentwicklungsprojekte des 21. Jahrhunderts.
Der von der Gruppe in Aussicht gestellte Zeitplan wirkt dabei wie ein schlechter Scherz: In zwei Jahren könne man mit dem Bau beginnen und bereits in sechs Jahren mit dem gesamten Projekt fertig sein. Dabei reißen deutschlandweit Projekte dieser Größenordnung selbst deutlich großzügiger bemessene Zeitpläne. Angesichts der notwendigen Erschließung des gesamten Geländes wirkt die Prognose daher weniger wie eine ernstzunehmende Einschätzung als ein billiges Verkaufsargument.
Viel Neubau, wenig bezahlbarer Wohnraum
Besonders viel bezahlbarer Wohnraum soll nicht entstehen: Würden alle Wohnungen vermietet und davon 30 Prozent preisgebunden an Mieter:innen mit Wohnberechtigungsschein (WBS) vergeben, müsste das Land knapp 1,8 Milliarden Euro an eine landeseigene Entwicklungsgesellschaft zuschießen, rechnet Architekt Tobias Nöfer vor. Für den nicht preisgebundenen Teil stellen die Investor:innen Mieten von 16 Euro pro Quadratmeter in Aussicht – für viele Berliner:innen kaum bezahlbar.
Schmackhaft machen will man jedoch die Privatisierung: Mit dem Verkauf von 50 Prozent der Wohnungen könne ein Gewinn in Höhe von vier Milliarden Euro erzielt werden. Nach Berechnungen der Investitionsbank Berlin (IBB) wäre insgesamt mit einem Investitionsvolumen von rund acht Milliarden Euro zu rechnen. Darin enthalten sind allerdings weder die Kosten für eine neue S-Bahnstation und andere infrastrukturelle Erschließung noch größere Puffer für Preissteigerungen und Verzögerungen. Angesichts geopolitischer Instabilität und der Erfahrungen mit Großprojekten wie dem Flughafen BER sind deutlich höhere tatsächliche Kosten jedenfalls nicht ausgeschlossen.
Eine zeitgleich veröffentlichte Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) kommt zu dem Ergebnis, dass inzwischen eine Mehrheit der Berliner:innen eine Bebauung befürwortet. Auffällig ist auch, wie schnell die IBB das Vorhaben finanziell untersuchte. Anders als bei den Gewinnerentwürfen des vom Senat initiierten Ideenwettbewerbs aus dem Vorjahr lag für das Investorenkonzept umgehend ein Finanzierungsgutachten vor.
Dass die Immobilienwirtschaft Interesse an einer Bebauung hat, ist kein Geheimnis. Auf einer Veranstaltung der Immobilien Zeitung im Jahr 2024 hatte Staatssekretär Alexander Slotty (SPD) privaten Investor:innen in Aussicht gestellt, sie beim möglichen Bauen auf dem Tempelhofer Feld am „Kuchen zu beteiligen“.
Der Volksentscheid als Hindernis?
Den Plänen steht vor allem eine Entscheidung entgegen: Beim Volksentscheid 2014 stimmten mehr als eine Million Berliner:innen für den Gesetzentwurf „100 % Tempelhofer Feld“ und damit für den weitgehenden Erhalt der Freifläche.
Die Investorengruppe bezeichnet die Gegner:innen einer Bebauung heute dennoch als eine „lautstarke Minderheit“. Auch die Berliner CDU will sich über das Votum hinwegsetzen, ohne die Berliner:innen erneut über das Feld abstimmen zu lassen: Sie will in jedem Fall bauen und die Bebauung zur Bedingung für einen künftigen Koalitionsvertrag machen. Die Abgeordnetenhauswahl im September soll aus ihrer Sicht als demokratische Legitimation für eine Änderung des Tempelhofer-Feld-Gesetzes ausreichen. Dabei liegt die Partei in aktuellen Umfragen deutlich unter einer eigenen Mehrheit. In den Wahlprüfsteinen des Mietervereins macht ausgerechnet die AfD eine erneute Bebauungsentscheidung von einem weiteren Volksentscheid abhängig.
Im Wahlkampf eignet sich das Tempelhofer Feld damit hervorragend für ein einfaches Versprechen: Wer die Wohnungskrise lösen will, muss nur endlich bauen. Die seit Jahren verfehlten Neubauziele und die mangelhafte Regulierung geraten schnell aus dem Blick. Denn Berlin leidet nicht nur unter einem Mangel an Wohnungen, sondern vor allem unter einer Bezahlbarkeitskrise. Wohnungen mit hohen Quadratmetermieten lösen dieses Problem nicht automatisch – unabhängig davon, wie viele entstehen.
Gleichzeitig dient das Tempelhofer Feld dazu, politischen Gegnern eine angebliche Blockadehaltung vorzuwerfen: Diese wollten lieber teuer Immobilienkonzerne vergesellschaften, anstatt zu bauen. Die Veröffentlichung reiht sich ein in eine breite Kampagne gegen den mit Stimmen von mehr als einer Million Berliner:innen getragenen Volksentscheid für die Vergesellschaftung von großen Wohnungskonzernen.
Der neue CDU-Bürgermeisterkandidat und amtierende Finanzsenator Stefan Evers hat die Prüfung des Vorschlags durch die IBB angestoßen. Zugleich warb er bei der Bundesregierung dafür, die Vergesellschaftung mithilfe von Bundesgesetzen zu sabotieren – obwohl dies nicht in seinem Zuständigkeitsbereich liegt. Sowohl Bundeskanzler Friedrich Merz als auch sein Vorgänger Olaf Scholz sprachen sich bereits für eine Bebauung der wohl umkämpftesten Freifläche Deutschlands aus. Auch die Berliner Wirtschaft plant eine große Imagekampagne gegen die Vergesellschaftung, die unentschiedene Berliner:innen auf ihre Seite ziehen soll.
Neubaupotenziale gibt es auch ohne das Feld
Dabei entsteht leicht der Eindruck, Berlin habe ohne das Tempelhofer Feld kaum noch Möglichkeiten für zusätzlichen Wohnungsbau. Das stimmt nicht. Riesige Potenziale schlummern unter anderem in leerstehenden oder ungenutzten Bürogebäuden, in Dachaufstockungen sowie in der Überbauung von Supermärkten und Parkplätzen. Selbst der vom Senat erstellte Stadtentwicklungsplan Wohnen 2040 weist Potenziale für rund 220.000 zusätzliche Wohnungen auf – ohne eine Bebauung des Tempelhofer Feldes.
Die aktuellen Pläne sind keineswegs der erste Anlauf, das Ergebnis von 2014 zur Disposition zu stellen. Seit dem erfolgreichen Volksentscheid gab es immer wieder neue Bebauungsvorschläge. Lange ging es dabei vor allem um etwa 5.000 Wohnungen auf weniger intensiv genutzten Flächen im Süden und Westen des Feldes.
2023 stieß der Bausenat unter Christian Gaebler einen insgesamt rund drei Millionen Euro teuren Beteiligungs- und Planungsprozess an: Zunächst fand eine „Dialogwerkstatt“ zur Zukunft des Feldes statt, deren Teilnehmer:innen sich deutlich gegen eine Bebauung aussprachen. Ende 2024 folgte ein internationaler „Ideenwettbewerb“ für Architekturbüros. Doch auch dort fiel das Ergebnis keineswegs eindeutig zugunsten einer Bebauung aus: Vier der sechs ausgezeichneten Entwürfe sahen keine Randbebauung vor.
Schritt für Schritt am Volksentscheid vorbei?
Seit dem Volksentscheid hat es schon mehrmals Änderungen am Tempelhofer-Feld-Gesetz gegeben. Eine erste Anpassung gab es bereits 2016, um eine auf drei Jahre befristete Bebauung mit Unterkünften für Geflüchtete zu ermöglichen. Die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ warnte schon damals, dass dieses gesellschaftliche Anliegen als Türöffner für eine längerfristige Nutzung des Feldes dienen könnte.
Und tatsächlich sind die Unterkünfte geblieben. Ein Gesetzesvorschlag soll nun dreistöckige Containerbauten anstelle einer Minigolfanlage bis über das Jahr 2038 hinaus zulassen. Dabei wäre auf dem Vorplatz des Hangars eine Bebauung möglich, ohne dafür die durch den Volksentscheid geschützten Flächen in Anspruch zu nehmen.
Egal wie man grundsätzlich zu einer Bebauung des Tempelhofer Feldes steht: Der Senat missachtet demokratische Prozesse, wenn er Volksentscheide oder Beteiligungsverfahren ignoriert, sobald sie nicht das gewünschte Ergebnis liefern.
Und auch wohnungspolitisch überzeugt der neue Vorschlag nicht: 21.400 Wohnungen klingen beeindruckend. Doch wenn lediglich 30 Prozent davon preisgebunden sein sollen und für einen großen Teil des übrigen Mietwohnungsbestands 16 Euro pro Quadratmeter angesetzt werden, ist es fraglich, welchen Beitrag das Projekt zur eigentlichen Berliner Wohnungsfrage leistet: Wie entsteht dauerhaft bezahlbarer Wohnraum für diejenigen, die ihn am dringendsten brauchen?
August 2026 / ml
12.08.2026




