Berlin war mal die Hauptstadt der Leerstellen. Verwilderte Brachen, entstanden durch Kriegszerstörung und Mauerbau, ungeklärte Eigentumsverhältnisse oder Desinteresse derjenigen, denen die Grundstücke gehörten, wurden zu Freiräumen, die sich die Bürger:innen einfach genommen haben. Müllablagerungen wurden beiseite geräumt, Sitzgelegenheiten aufgestellt, vielleicht ein paar hübsche Stauden gepflanzt – und fertig war ein Ort, wo man mit minimalen Mitteln eigene Ideen ausprobieren und sich wohlfühlen konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Vergessene Winkel gibt es kaum noch. Nahezu jeder Quadratzentimeter wird mittlerweile verwertet. Innenhöfe, in denen sich die Mieter:innen zusammensetzen konnten, werden mit Neubauten zugestellt, und selbst auf Friedhöfen rollen die Baufahrzeuge. Und doch gibt es sie noch, die Rückzugsorte in der Stadt, die so wichtig sind für das Miteinander.

Foto: Sabine Mittermeier
Rund um das Ostkreuz hat sich viel verändert. Der Bürgergarten Laskerwiese wirkt inmitten der modernen Büroneubauten wie ein gallisches Dorf. An diesem Samstag ist Arbeitseinsatz. Eine Schar Erwachsene und Kinder sammeln Müll ein, andere sind damit beschäftigt, die Kompostieranlage zu reinigen. Eine Familie ist gerade dabei, Baumabschnitte aufzusammeln und in den Schubkarren zu verfrachten. „Wir haben seit Neuestem ein Beet, damit wollen wir es umranden“, erzählt der Vater. Die Familie wohnt in dem Plattenbau direkt gegenüber. Dass ihr Sohn miterleben kann, wie Gurken und Erdbeeren wachsen, finden sie großartig.
Wo einst Narva seinen Müll verklappte …
„Wir waren einer der ersten Gemeinschaftsgärten in Berlin“, erzählt der Vereinsvorsitzende Thomas Zimmermann stolz. Demnächst wird das 20-jährige Jubiläum gefeiert. Wo der Glühlampenproduzent Narva einst Müll verklappt hat und jahrzehntelang eine verwilderte Brache das Bild bestimmte, ist 2006 ein kleiner Park mit Teich, Bolzplatz und Beeten entstanden. Das ist dem Engagement der damaligen Leiterin einer benachbarten Jugendeinrichtung zu verdanken. Von ihr ging die Initiative aus.

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Das Besondere: Die Laskerwiese wird von einem Verein in Eigenregie gehegt und gepflegt. Ein Nutzungsvertrag mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg regelt die Details. Die Mitglieder mähen Rasen, beschneiden Bäume und kümmern sich um die Ordnung und Sauberkeit. Der Bürgergarten ist jederzeit öffentlich zugänglich, auch nachts. „Das macht den besonderen Charme aus, führt aber zu Vermüllung und Tomatenklau“, seufzt Thomas Zimmermann. Rund 70 Mitglieder hat der Verein „Bürgergarten Laskerwiese e.V.“, zwei Drittel kommen aus der unmittelbaren Umgebung. „Wir sind ein Querschnitt des Kiezes“, sagen Thomas Zimmermann und Sophie Ludewig vom Vorstand. Jung und alt, arm und reich, zugezogen und alteingesessen – bei der Gartenarbeit spielt das keine Rolle. Im dicht besiedelten Altbauquartier ist die Laskerwiese eine der wenigen grünen Oasen. Mitarbeiter:innen der umliegenden Firmen verbringen auf den Bänken ihre Mittagspause, verschiedene Gruppen halten hier ihre Treffen ab, und gelegentlich werden auch Geburtstage gefeiert. Die 38 kleinen Parzellen werden von Wohngemeinschaften, Familien und Freundesgruppen bewirtschaftet.

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Der Verein würde die Laskerwiese gerne erweitern und hat unter dem Motto „Blumenwiese statt Betonwüste“ im letzten Jahr eine Petition eingereicht. Angesichts des Klimawandels und der vielen Baustellen im ohnehin schon dicht besiedelten Quartier sei der Garten ein wichtiger Klimaregulator und Begegnungsort zugleich. Der Bezirk will die angrenzende Bödikerstraße ohnehin teilweise entsiegeln, somit könnte man ein Stück weiter vorrücken.
Ob die Idylle bedroht ist? Als öffentliche Grünfläche sei man relativ sicher, sagen Sophie Ludewig und Thomas Zimmermann. Angesichts des Grünflächendefizits im Bezirk ist ein Verkauf des Grundstücks unwahrscheinlich: „Aber sicher kann sich niemand sein in Berlin.“ Nach dem Filetgrundstück am Ostkreuz würden sich wohl alle Investoren die Finger lecken.
Auch die Stimmen derjenigen, die Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld wichtiger finden als die große Freiheit mit Drachensteigen und Windskating, werden lauter. Doch was passiert, wenn eine Stadt keine Orte mehr hat, an denen sich Menschen unterschiedlicher Milieus begegnen können? Wohin an heißen Tagen, wenn das Geld fürs Schwimmbad oder den Tierpark fehlt? Bekanntlich ist Berlin die Hauptstadt der Singles. Einsamkeit und soziale Isolation sind nicht nur im Alter ein Thema. Treffpunkte im Wohnumfeld sind daher wichtiger denn je.
Wichtig für den sozialen Kitt
„Den öffentlichen Raum mitzugestalten ist wichtig für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagt Kerstin, während sie mit einigen anderen eine Umrahmung des Gartens in der Schliemannstraße erneuert. Diesen Kiezgarten hat sie vor über 20 Jahren mit aufgebaut. Vorne befindet sich ein Spielplatz, im hinteren Bereich ist der 300 Quadratmeter große Gemeinschaftsgarten. Gerade kommt eine Familie mit drei Kindern vorbei und fragt, ob sie mal reinschauen darf. „Natürlich“, sagt Kerstin. „Ihr könnt auch gerne mitmachen!“

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Einst war das Grundstück eine verwahrloste Öde. Die Idee, hier einen Nachbarschaftsgarten anzulegen, kam durch einen Ideenwettbewerb des damaligen Quartiersmanagements Helmholtzplatz ins Rollen. Die Anwohnerin, die das Preisgeld dann gewann, suchte über einen Aushang nach Gleichgesinnten. So stieß Kerstin zur Gruppe: Zwei Jahre lang wurde nach einer Fläche im Kiez gesucht. Dann hat der Bezirk Pankow das Grundstück in der Schliemannstraße 9 erworben, um einen Spielplatz zu bauen. Die Gruppe konnte aushandeln, dass der Kiezgarten als Teil des Spielplatzes angelegt wird. Das war im Jahr 2003. Das Grünflächenamt hat den Mutterboden eingebracht und ein kleines Mäuerchen gebaut, erzählt Kerstin: „Einen Zaun wollten wir nicht, die Fläche sollte für alle offen sein.“ Auch gegen Einzelbeete hat sich die Gruppe entschieden: „Wir planen und bepflanzen alles gemeinsam.“ Die Kinder sind im Frühjahr auch stundenlang mit Begeisterung dabei, Kartoffeln in die Erde zu bringen. Highlight des Gartenjahres ist immer das Ernten und gemeinsame Verspeisen der Kartoffeln.

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Gärtnern hat für Kerstin neben der Bedeutung fürs Stadtklima eine ganz wichtige soziale Komponente. In Zukunft werde das noch zunehmen, sagt sie und erzählt eine Episode. Vor ein paar Jahren hatten Jugendliche Weintrauben abgerissen und die Wand mit Graffiti besprüht: „Wir standen da und haben geweint. Aber dann haben wir uns gesagt: Wir haben nicht mehr Recht auf diese Mauer als die Jugendlichen!“ Sie redeten mit ihnen und fanden eine Lösung: Die Hälfte der Brandmauer durften sie besprühen, auf der anderen wird Wein gepflanzt. Es sind solche Verhandlungsprozesse, die der zunehmenden Spaltung entgegenwirken. „Gemeinschaftsgärten retten schon ein bisschen die Welt“, findet Kerstin.
Rund 200 Gemeinschaftsgärten gibt es in Berlin. Doch viele müssen um ihre Existenz kämpfen. Immerhin: Der Berliner Senat hat unlängst ein Gemeinschaftsgarten-Programm gestartet (www.berlin.de/gaertnern/programme). Darüber hinaus haben zwei Bezirke, Marzahn-Hellersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg, Koordinierungsstellen für gemeinschaftliches Gärtnern eingerichtet. Hier geht es vor allem um die Vernetzung und den Erfahrungsaustausch.
Die „Neue Heimat“ war nicht begeistert
„Wir würden uns wünschen, dass der Funke überspringt“, sagt Klaas-Hinrich Ehlers, während er im grünen Overall und Hut über das Gelände des Ziegenhofs wuselt, im Stall beim Ausmisten hilft und bei den Bienen nach dem Rechten sieht. Die Geschichte des Ziegenhofs unweit des Klausenerplatzes in Charlottenburg zeigt, dass mit Hartnäckigkeit und Gewitztheit sehr viel zu erreichen ist. Alles fing in den Zeiten der Kahlschlagsanierung in den 1980ern an. Zahlreiche Altbauten im Klausener Kiez waren zum Abriss vorgesehen, einige Seitenflügel waren bereits „entkernt“ worden. In die entstandene Abrissfläche im Blockinnenbereich sollten zwei Neubauriegel gebaut werden. Doch die Bewohnerschaft wehrte sich.

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„Es waren die Kinder, die durch eine Lücke im Zaun gekrochen sind und sich Hütten auf der brachliegenden Fläche gebaut haben“, erzählt Elke Betzner, die ebenso wie Ehlers im 1982 gegründeten Verein „Blockinitiative 128 – Ziegenhof – e.V.“ aktiv ist. Die Erwachsenen sind dann hinterher, haben Bauschutt und Müll weggeräumt, Bäume und Sträucher gepflanzt und einen Teich angelegt – alles illegal. Der Bezirk und die „Neue Heimat“ als Grundstückseigentümerin waren von dem „Aneignungsprozess“ der Anwohner:innen nicht begeistert. Sie hielten an den Neubauplänen fest. Doch als dann Gelder aus dem Hofbegrünungsprogramm des Senats flossen, wurde der Ziegenhof – der damals noch nicht so genannt wurde – sozusagen unfreiwillig legalisiert. Nach langem Tauziehen und zähen Verhandlungen wurden die Pläne für den Häuserblock 128 dann 1991 endgültig zu den Akten gelegt. Seit 2006 ist das Terrain eine öffentliche Grünfläche.
Auf Ziegen- und Hühnermist gebaut
Für die Kinder ist der hügelige Platz mitten im dicht besiedelten „Zille-Milljöh“ ein Paradies. Anders als viele Spielplätze ist hier nichts vorgegeben und in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt. Kinderläden aus der Umgebung kommen in Scharen, Familien bepflanzen die Hochbeete und Anwohner:innen genießen das Grün. Die Ziegen und Hühner wurden vor allem wegen des Komposts angeschafft – was den Behörden damals tunlichst verschwiegen wurde. „Der Platz ist sozusagen auf Ziegen- und Hühnermist gewachsen,“ erklärt Klaas-Hinrich Ehlers, Sprachwissenschaftler und zertifizierter Ziegenhüter.

„Wir sind kein Streichelzoo“, betont er. Man versteht sich als sozialpädagogisches, kiezorientiertes Projekt. Die Kinder lernen hier den Unterschied zwischen Schaufel und Harke, und sie können miterleben, wie Honig gewonnen wird. In der sogenannten Bewegungsmulde haben Generationen von Kindern das Fahrradfahren gelernt. Der Platz ist rund um die Uhr offen. Konflikte mit kiffenden Jugendlichen und gelegentliche laute Partys bleiben da nicht aus. „Aber wir sind nun mal in der Großstadt.“ Ein anderes Problem ist die Übernutzung. „Der Platz ist unglaublich voll, und manche konsumieren ihn nur“, so Ehlers. „Weil so viele mithelfen, funktioniert das Ganze trotzdem“, betont Elke Betzner. Und noch eins ist den Aktiven vom Ziegenhof wichtig: dass es ein konsumfreier Ort bleibt. Das Café im Vorderhaus würde gerne ein paar Tische auf den Platz stellen, aber das kommt nicht in Frage. Der Verein hofft, dass andere ihrem Beispiel folgen und damit anfangen, in ihrem Hinterhof ein paar Bänke und Hochbeete aufzustellen: „Klar, es gibt mietrechtliche und institutionelle Hürden, aber solche Orte können zu einem friedlichen sozialen Miteinander auch in heterogenen Nachbarschaften beitragen.“
Alle spielen kostenlos mit
Das beweist auch der Bouleplatz am Paul-Lincke-Ufer. Hier wird nicht nur mit professionellem Anspruch Boule gespielt – etliche spätere Nationalspieler haben hier angefangen – es ist auch ein einzigartiger Freiraum. Auf den umliegenden Bänken sitzen Menschen, beobachten das Spiel, flirten, musizieren oder genießen die Sonne. Auch solche, die vom Leben gezeichnet sind und die sonst nirgendwo willkommen sind, gehören dazu. Klar gebe es Reibereien, sagt Thorsten Beckmann, Präsident des BC Kreuzberg e.V.: „Aber wir kriegen das ziemlich gut hin.“ Den Trinkercliquen wird schon mal gesagt, dass sie ihre Bierflaschen nicht zerdeppern und die Musik leiser machen sollen. Denn bei aller Toleranz gibt es ein paar Regeln. Laute Musik und Lärm nach 22 Uhr sind nicht erwünscht.

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Der Bouleclub betreibt den wohl frequentiertesten Bouleplatz Deutschlands bereits seit den 1980ern. Damals sperrte der Bezirk die Straße für den Verkehr und legte die Spielfelder an. Der Club hat zwar keinen Vertrag mit dem Bezirk, kümmert sich aber ums Saubermachen, Reparieren der Bänke, Gießen und vieles mehr – ganz ohne öffentliche Gelder. Kostenlos mitspielen können, abgesehen von speziellen Turnieren, alle. Thorsten Beckmann erzählt, dass der Platz in der Corona-Zeit eine „Insel der Glückseligen“ war. „Wir durften keine Turniere mehr machen, aber wir haben einfach weitergespielt.“ Im Übrigen macht es einfach Spaß, einen solchen Freiraum zu gestalten.

Ob das auch die nächsten 40 Jahre so bleibt? „Keine Ahnung“, sagt Beckmann. „Vielleicht will der Bezirk eine Fahrradstraße einrichten. Oder ein Hotel bauen – wer weiß das schon.“ Als sich vor ein paar Jahren ein Nachbar wegen Lärm beschwert hat, schlug die Polizei bei einem Vor-Ort-Termin einen Zaun vor. Einlass nur mit Kontrolle. „Das wäre genau das Gegenteil von dem, was wir wollen“, meint Beckmann. „Für uns ist dies das Berlin, welches wir uns wünschen: friedlich, weltoffen und verbunden“, heißt es auf der Website. Viele Berliner Orte seien überlastet und kippen. „Dass es hier anders ist, liegt vor allem daran, dass wir uns in hohem Maße mit dem Bouleplatz identifizieren und ihm eine Seele geben. Von dieser Energie wünschen wir uns noch viel mehr – für unseren Platz, für die ganze Stadt.“
Birgit Leiß
Bürgerverein Laskerwiese e.V.:
www.laskerwiese.de
Netzwerk Urbane Gemeinschaftsgärten (mit Kiezgarten Schliemannstraße):
www.urbane-gaerten.de
Ziegenhof:
www.ziegenhof-berlin.de
Bouleplatz:
www.boule-am-ufer.de
„Die Pioniere werden verdrängt“
MieterMagazin: Welche Lehren können aus der Pandemie gezogen werden?

Foto: privat
Dagmar Haase: Die Corona-Zeit hat gezeigt, wie wichtig wohnungsnahe Grünflächen für das menschliche Wohlbefinden sind. Man trifft hier Leute und kommt miteinander ins Gespräch, auch über Milieu- und Altersunterschiede hinweg. Solche nicht-kommerziellen und inklusiven Orte brechen mit der Anonymität der Stadt. Während des Lockdowns haben sie die Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit gemildert, wie eine europaweite Studie belegt. Friedhöfe mit ihrem alten Baumbestand sind übrigens besonders wertvolle städtische Grünflächen, zum einen als Hort der Biodiversität, aber auch als ruhige, sozusagen langsame Rückzugsorte. Hier können sich die Großstadtbewohner:innen von Alltagsstress, Lärm und Hitze erholen.
MieterMagazin: Immer mehr Flächen werden versiegelt, selbst stillgelegte Friedhöfe als Bauland verkauft – trotz Klimawandel und Hitzesommern. Wie könnte man dem entgegenwirken?
Dagmar Haase: Das ist richtig. Die Städte stehen unter enormem Druck. Wir können aber nicht alles zubauen. Es gibt ein paar Stellschrauben, an denen man drehen kann. Zunächst einmal müssen die Kommunen das Grün viel stärker über Bebauungspläne absichern. Bei konkurrierenden Nutzungen hilft es außerdem, miteinander zu sprechen. Vielleicht findet es der Investor ja gut, dass die Eigentumswohnungen Grünblick haben und räumt dem bisherigen Nachbarschaftsgarten ein Plätzchen ein. Oder es lässt sich auf dem Dach eine Grünfläche anlegen. Wir müssen viel erfinderischer sein. Warum nicht Innenhöfe öffentlich zugänglich machen, wie es Wien gemacht hat? Nahe dem berühmten Naschmarkt wurden dort begrünte Hinterhöfe miteinander verbunden. Oder warum nicht Kitas oder Schulen, die oft schöne Gärten haben, am Wochenende öffnen? Insgesamt braucht es eine aktive Begrünungsstrategie in den Städten, die aber – und das ist entscheidend – ganz verschiedenen Ansprüchen und Bedürfnissen gerecht werden muss.
MieterMagazin: Würden Sie sagen, dass in der Post-Corona-Zeit ein Umdenken stattgefunden hat?
Dagmar Haase: Ich denke schon. Die grüne Infrastruktur hat an Bedeutung gewonnen. Es gibt neu angelegte Parks auf Brachflächen, grüne Zwischennutzungen und Fassadenbegrünungen. Ein Problem ist die ungerechte Verteilung. Denn auch die Investoren haben erkannt, dass sich Wohnungen oder Büros mit einer hochwertigen Begrünung besser verkaufen können. Zugang dazu haben jedoch – und das ist ein weltweites Phänomen – unter den vorhandenen Marktbedingungen meist nur Wohlhabende. Geringverdiener-Haushalte können sich diese Wohnquartiere nicht leisten, ja sie müssen sogar die Verdrängung befürchten.
MieterMagazin: Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „grünen Aufwertung“ und sagen, dass sogar partizipative Gemeinschaftsgärten zur Gentrifizierung beitragen. Wie ist das zu verstehen?
Dagmar Haase: Die Pioniere werden verdrängt. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Etwa die High Line in New York. Diejenigen, von denen die Initiative zur Begrünung der Eisenbahngleise ausging, sind längst weg. Das Viertel ist jetzt hip, die Mieten sind gestiegen. Wenn die grüne Aufwertung nicht mitgedacht wird, haben wir immer mehr qualitativ hochwertige Begrünung – wie etwa am Gleisdreieck-Park – und gleichzeitig weniger Zugang zu diesem Grün für einkommensschwache und benachteiligte Gruppen. Mehr Grün ist also nicht immer gerecht oder sozialverträglich.
Interview: Birgit Leiß
26.06.2026




