Der Bau von „Ocean Berlin“ steht kurz vor der Fertigstellung – doch zentrale Fragen zu Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohl bleiben offen. Der Fall zeigt, wie sich das Land Berlin selbst aus der Steuerung gedrängt hat.
An der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg steht heute der fertige Rohbau eines der umstrittensten Bauprojekte Berlins: „Ocean Berlin“. Sieben Stockwerke, 35.000 Quadratmeter Geschossfläche, ein Becken mit 7,5 Millionen Litern Wasser und ein angeschlossenes Hotel mit rund 160 Zimmern. Im Frühjahr 2027 soll das Riesenaquarium des Investors Coral World Berlin eröffnen.
Doch je näher die Fertigstellung des Megaprojekts rückt, desto deutlicher treten die offenen Fragen in den Vordergrund. Eine parlamentarische Anfrage an den Senat für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen des Grünen-Abgeordneten Dr. Stefan Taschner bringt es auf den Punkt: „Wann startet das vorprogrammierte Tierleid?“
Die Antwort der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz: ernüchternd. Ein Tierschutzkonzept liegt dem Veterinäramt Lichtenberg bis heute nicht vor. Entscheidungen zu Tierarten und Haltungsbedingungen stehen aus. Selbst zur Wirtschaftlichkeit des Projekts hat der Senat keine Kenntnisse – es gebe schlicht keinen Kontakt zum Investor.
Dabei reicht die Geschichte des Projekts weit zurück – und beginnt mit einem gravierenden politischen Fehler.
Öffentliches Land, privat verwertet
2016 verkaufte der damalige rot-schwarze Senat mehr als 14 Hektar landeseigene Industrieflächen an der Rummelsburger Bucht für rund 20 Millionen Euro an verschiedene private Investor:innen, die im Bebauungsplan umgewidmet werden sollten. Zu den Käufern gehörten auch in der Kritik stehende Immobiliengruppen wie Padovicz und Streletzki, die in der Bucht teure Eigentumswohnungen planten. Zudem sicherte sich die Coral World Berlin GmbH (CWB) ein Grundstück für 4,15 Millionen Euro.
Was damals im Kaufvertrag stand, klang zunächst nach Gemeinwohl. Laut Recherchen der taz enthielt das Grobkonzept im Vertrag Formulierungen zu Bildung, Naturschutz und Forschung – jedoch keine Hinweise auf ein kommerzielles Großaquarium für Hunderttausende Besucher mit Eintrittspreisen von weit über 20 Euro. Als diese Pläne Jahre später bekannt wurden, forderten Abgeordnete von Grünen und Linken die Rückabwicklung des Kaufvertrags. Vergeblich: Die SPD verweigerte die Unterstützung.
In der Kritik steht auch das Verfahren selbst. Ein Bebauungsplan kann zwar die Widmung und bestimmte Auflagen festlegen – eine tatsächlich gemeinwohlorientierte Nutzung lässt sich damit jedoch nicht erzwingen. Gleichzeitig dürfen Kaufverträge dem späteren Bebauungsplan nicht vorgreifen. Das bedeutet: Was Investor:innen im Vorfeld zusagen, ist damit rechtlich unverbindlich, solange der Plan nicht beschlossen ist.
Kritiker:innen – darunter die Initiative „Bucht für alle“ – sehen darin einen strukturellen Fehler: Das Verfahren begünstigt Investor:innen, weil es steigende Grundstückswerte privatisiert, während öffentliche Versprechen zu Wohnraum, Bildung oder sozialer Nutzung folgenlos bleiben. Ihre Forderung: Das Verfahren muss grundlegend reformiert werden.
Nach Einschätzung der Initiative hätte der Bezirk durchaus einen Hebel gehabt: Hätte die Bezirksverordetenversammlung Lichtenberg den Bebauungsplan blockiert, wäre Coral World vertraglich berechtigt gewesen, vom Kaufvertrag zurückzutreten – die Flächen wären wieder frei geworden. Damit hätte sich möglicherweise eine zweite Chance eröffnet, das öffentliche Land gemeinwohlorientiert zu nutzen. Dass diese Möglichkeit nicht ernsthaft verfolgt wurde, gehört zu den bleibenden politischen Folgen des Falls.
Wer zahlt den Preis?
Was sich auf den verkauften Flächen befand, bevor die Bagger kamen, geriet schnell in Vergessenheit. An der Rummelsburger Bucht hatten sich über Jahre hinweg Nutzungen etabliert, die in einer zunehmend teurer werdenden Stadt kaum noch Platz finden: ein Technoclub, zwei Wagenplätze, Ateliers, Proberäume – und ein Obdachlosencamp, in dem zeitweise über hundert Menschen lebten.
Auch in der Häuserzeile Hauptstraße 1–5 ging günstiger Wohnraum verloren, als die Gebäude dem Bauvorhaben weichen mussten. Die Bewohner:innen und viele andere aus dem Kiez wehrten sich lange gegen den Abriss ihrer Häuser und die Verdrängung – letztlich ohne Erfolg.
Eine Initiative kämpft
Als 2017 konkret wurde, was auf dem Gelände entstehen sollte, formierte sich Widerstand. Die Initiative „Bucht für alle“, getragen von Kiezbewohner:innen, Stadtplaner:innen und Mieter:innen, entwickelte ein Alternativkonzept mit bezahlbarem Wohnraum, Schulen, Kitas, Grünflächen und dem Erhalt gewachsener Strukturen. Sie sammelte über 35.000 Unterschriften, organisierte drei Großdemonstrationen mit tausenden Teilnehmer:innen und brachte die Initiative erfolgreich ins Abgeordnetenhaus ein; zudem zog sie vor Gericht.
Es nutzte nichts. Am 29. April 2019 stimmte die Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg in einer Sondersitzung unter Polizeipräsenz – begleitet von Protesten vor dem Gebäude – für den Bebauungsplan XVII-4 „Ostkreuz“. Mehrere Fraktionen betonten, durch den Grundstücksverkauf von 2016 vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein. Die Grünen sprachen von einer „Planungssünde, die das Gebiet auf Jahrzehnte prägen wird“.
Nach dem BVV-Beschluss passierte lange nichts. Coral World ließ Fristen verstreichen, das Grundstück lag über Jahre hinweg brach – geräumt, sauber planiert und ohne die Menschen, die es zuvor mit Leben gefüllt hatten. Bereits im Januar 2021 hatte der Bezirk das verbliebene Obdachlosencamp aufgelöst.
Zwischenzeitlich verdichteten sich Gerüchte, Coral World werde gar nicht bauen. Eine RBB-Recherche brachte ans Licht, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung den Kaufvertrag angepasst hatte, als absehbar wurde, dass die vereinbarten Fristen nicht einzuhalten waren – ohne öffentliche Debatte. Zudem wurde 2022 bekannt, dass die CWB Fördermittel in Höhe von 7,3 Millionen Euro beantragt hatte, diese jedoch auch nach einer Klage nicht erhielt.
Der Widerstand endete. Die Initiative „Bucht für alle“ versuchte noch mit einer zweiten Klage das Bauvorhaben zu stoppen – vergeblich. Als Coral World im April 2024 den Grundstein legte, gab es keine Proteste mehr.
Was bleibt
Ocean Berlin wird kommen. Doch der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf. Wie konnte ein öffentliches Grundstück in guter Lage so günstig in private Hände gelangen, ohne eindeutige gemeinwohlorientierte Vorgaben zur Nutzung im Kaufvertrag? Warum konnte ein Projekt dieser Größenordnung ohne verbindliche soziale und ökologische Auflagen entstehen?
Das Verfahren selbst ist das Problem. Würde der B-Plan erst beschlossen und das Grundstück danach verkauft – mit rechtsverbindlichen Nutzungsvorgaben im Kaufvertrag –, hätten Investor:innen von Anfang an klare Grenzen. Stattdessen läuft es umgekehrt: Das Grundstück wird verkauft, der B-Plan passt sich den Investor:innenplänen an, und Versprechen zu Wohnraum oder sozialer Nutzung bleiben folgenlos. Die Initiative „Bucht für alle“ vermutet, dass dieses Verfahren kein Versehen ist – sondern so gestaltet wurde, um Entwicklungswerte erst durch den B-Plan zu schaffen und damit den Investor:innen in die Taschen zu spielen. Dafür sprechen auch andere Verfahren, beispielsweise das in der Urbanen Mitte am Gleisdreieck, für das jüngst ebenfalls der B-Plan zugunsten des Investors beschlossen wurde.
Die gesamte Rummelsburger Bucht steht heute exemplarisch für eine Stadtentwicklung, bei der kommerzielle Interessen dominieren – mit sichtbaren Folgen: Verdrängung gewachsener Strukturen, Verlust günstigen Wohnraums und Neubau weit überwiegend für einkommensstarke Haushalte. Der Handlungsspielraum der öffentlichen Hand wurde früh verspielt – hätte jedoch durch eine Blockadehaltung des Bezirks oder auch den Senat zurückgewonnen werden können.
Eine Sprecherin von Coral World verweist auf Forschung, Bildung und kostenlose Angebote für Schulen und Kitas im künftigen Riesenaquarium. Ob die angekündigten Gemeinwohlbeiträge tatsächlich eingelöst werden – und zu welchem Preis – bleibt offen. Klar ist: der Nutzen für die Stadtgesellschaft ist denkbar gering.
fs
21.04.2026




