Die gute Nachricht: Im Juli hat das erste kommunale Wohnheim für Auszubildende in Berlin eröffnet. Die schlechte: Auf jeden der 154 Plätze gab es acht Bewerbungen. Obwohl auch die landeseigene Gesobau neue Kapazitäten schafft, bleibt die wichtigste strukturelle Forderung offen – die Gründung eines „Azubiwerks Berlin“.
Für Studierende gibt es schon lange eine Institution, die günstigen Wohnraum bereitstellt. Laut Geschäftsbericht 2025 verfügt das Studierendenwerk Berlin über 9.124 Wohnheimplätze – das reicht für etwa 5 Prozent der rund 180.000 Studierenden. Auch hier ist das Angebot knapp. Azubis sind von der Vergabe grundsätzlich ausgeschlossen.
Wie drängend die Lage ist, belegt eine Anfang des Jahres veröffentlichte Machbarkeitsstudie. Im Auftrag der Senatsverwaltung untersuchte die Forschungseinrichtung Minor – Wissenschaft Gesellschaft mbH für die Jahre 2024 und 2025 die Wohn- und Lebenssituation Berliner Auszubildender. Gleichzeitig prüfte sie, unter welchen Bedingungen ein „Azubiwerk“ nach dem Vorbild des Studierendenwerks sinnvoll und umsetzbar wäre.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass eine solche Interessensvertretung und Unterstützung bitter nötig ist. 83,2 Prozent der rund 3.000 Befragten berichten von den negativen Auswirkungen der Wohnsituation auf ihre Ausbildung. Damit lässt sich die Forderung nach einem Azubiwerk nicht nur sozialpolitisch, sondern auch mit Fachkräftesicherung und Ausbildungserfolg begründen. Die Studie bezeichnet die Wohnungsknappheit als eine zentrale Zugangshürde zur beruflichen Bildung:
„Berliner Auszubildende stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie verfügen bundesweit über die geringsten Chancen auf einen Ausbildungsplatz und müssen zugleich auf einem der teuersten und dynamischsten Wohnungsmärkte Deutschlands um bezahlbaren Wohnraum mit anderen Gruppen konkurrieren.“
Hohe Mieten gefährden den Ausbildungserfolg
Die Rechnung geht für viele junge Menschen längst nicht mehr auf. Das mittlere Nettoentgelt eines Azubis liegt bei 908 Euro. Nach der gängigen Faustregel dürfte davon höchstens ein Drittel für Miete aufgewendet werden – also etwa 300 Euro.
Dem steht eine Realität auf dem Berliner Wohnungsmarkt gegenüber, die Auszubildenden keinen Spielraum lässt:
- Die durchschnittliche Angebotsmiete lag 2025 bei 15,78 Euro pro Quadratmeter nettokalt – ein Anstieg von 91 Prozent seit 2014.
- Für 2023 erfasste die Studie lediglich 261 WG-Zimmer und 987 Wohnungen, die unter der Leistbarkeitsgrenze von 303 Euro lagen. Um solche Angebote konkurrieren Auszubildende zudem mit anderen Wohnungssuchenden.
- Für die mehr als 50.000 sozialversicherungspflichtigen Auszubildenden in Berlin ist das Angebot damit äußerst knapp – nur 0,5 Prozent hätten überhaupt Zugang zu bezahlbaren WG-Zimmern.
Mehr als 60 Prozent der Azubis müssen deutlich mehr als ein Drittel ihres Gehalts für die Miete aufwenden. Eine Stimme aus der Befragung bringt die Folgen auf den Punkt: „Drei Viertel des Ausbildungsgehalts gehen in die Miete. Kaum genug Geld für Essen.“ Hinzu kommen lange Pendelwege von durchschnittlich 51 Minuten pro Strecke. Fehlende Rückzugsorte zum Lernen erhöhen den Stresspegel massiv.
Die Folgen sind fatal: Berlin hat mit 36,6 Prozent eine extrem hohe Vertragslösungsquote – mehr als jeder dritte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gelöst. In einer von der IHK Berlin angeführten Unternehmensbefragung gaben 42 Prozent an, dass die Wohnraumsituation die Besetzung ihrer Ausbildungsplätze erschwert. In ihrem Positionspapier zur Bundestagswahl 2025 warnt die Kammer deutlich: „Die Wohnraumsituation stellt eine wachsende Hürde für die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte dar.“
Das Konzept: Ein Azubiwerk für Berlin
Die Machbarkeitsstudie empfiehlt daher die Gründung eines „Azubiwerks Berlin“. Als Vorbild dient München, wo das Azubiwerk selbst als Bauherr auftritt und mit spezifischen Fördermitteln voll möblierte Zimmer für rund 300 Euro warm anbietet.
Für Berlin schlägt die Studie einen Aufbau nach dem Baukasten-Prinzip vor:
- Kurzfristig soll auf Verwaltungsebene eine Koordinierungsstelle mit digitaler Wohnraumbörse entstehen.
- Mittelfristig müsse – wie in München – eine dauerhafte Institution selbst als Bauherrin Wohnraum schaffen oder als Generalmieterin anmieten und an Auszubildende weitervermieten.
- Als ergänzende Säule zum Neubau nennt die Studie die ökologisch und ökonomisch nachhaltige Umwandlung leerstehender Schulen, Hotels oder Apartmenthäuser.
- Zusätzlich könnten modulare und temporäre Wohnlösungen, sogenannte „Pop-up-Dorms“, als Brückenlösung zur kurzfristigen Entlastung das Angebot ergänzen.
Das Azubiwerk soll jedoch mehr leisten als die Vermittlung eines Zimmers. Wie in München versteht die Studie das Azubiwerk als „Doppelaufgabe“ aus Wohnen und Beratung. Vorgesehen sind sozialpädagogische Begleitung bei Krisen und Alltagsproblemen, Unterstützung in Finanzfragen sowie Rechtsberatung, insbesondere im Bereich des Arbeitsrechts. Auszubildende erhielten damit eine feste Anlaufstelle für Probleme, die ihren Ausbildungserfolg gefährden können.
Was jetzt passieren muss
Bislang war die Idee eines Azubiwerks in Berlin politisch nicht mehrheitsfähig. Ein Antrag von Grünen und Linken wurde 2025 noch mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD abgelehnt. Die Debatte verlief kontrovers, blieb jedoch ohne konkrete Folgen. Dabei zeigt das Beispiel München: Solche Strukturen funktionieren – wenn der politische Wille vorhanden ist.
Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie bringen das Thema erneut auf die Agenda. Auf ihrer Website greift die zuständige Senatsverwaltung die zentrale Schlussfolgerung auf: „Ohne ein Azubiwerk wird Berlin seine Attraktivität und Leistungsfähigkeit als Ausbildungs- und Wirtschaftsstandort langfristig nicht sichern können.“ Die neuen Wohnheime sind ein wichtiger Anfang. Sie beantworten aber noch nicht die Frage, wer dauerhaft zusätzlichen Wohnraum für Auszubildende schafft und Wohnen mit Beratung verbindet.
Für DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell ist die Aufgabe eindeutig: „Wenn unsere Gesellschaft mehr Fachkräfte braucht, dann muss sie auch dafür sorgen, dass Auszubildende sich in der Nähe des Ausbildungsbetriebs die Miete leisten können.“
Der Senat sollte deshalb einen verbindlichen Zeitplan vorlegen und klären, mit welchen Mitteln und Aufgaben das Azubiwerk ausgestattet werden soll. Auszubildende sind die Fachkräfte von morgen, vielfach in systemrelevanten Berufen. Sie dürfen nicht länger die Verlierer eines angespannten Wohnungsmarktes sein.
September 2026 / fs, ml
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