Nur etwa ein Drittel der Mieter:innen kann sich die Miete nach eigener Einschätzung gut leisten. Einkommen, Migrationsgeschichte, Geschlecht und Wohnort entscheiden mit, wann Wohnkosten zur Überbelastung werden – oft mit lebenslangen Konsequenzen. Ein Blick auf aktuelle Studien zur Mietbelastung.
„Miete für viele schwer bezahlbar: Was hält vom Kauf ab?“ So lautete kürzlich eine Überschrift der Süddeutschen Zeitung zu einer YouGov-Umfrage zu Mietbelastung und Immobilienkauf. Der Titel trägt eine bittere Ironie in sich: Nur ein Drittel der Befragten gibt an, sich die Miete gut leisten zu können, die Hälfte schafft es gerade so und jede:r Achte zahlt mehr, als eigentlich finanziell tragbar ist.
Angesichts dieser Ergebnisse erscheint die Fragestellung fast zynisch. Die Antwort der Befragten selbst ist eindeutig: Es fehlt am Eigenkapital. Die Mehrheit der Mieter:innen gibt laut der Umfrage mindestens 30 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens für die Miete und Nebenkosten aus, bei einem Drittel sind es sogar mindestens 40 Prozent.
Dass eine so hohe Mietbelastung Wohneigentum für viele Menschen mit durchschnittlichem Einkommen unerreichbar macht, liegt nahe. Für die große Mehrheit der Berliner:innen – rund 85 Prozent leben zur Miete – bedeutet das zugleich eine dauerhaft höhere Wohnkostenbelastung bis ins Alter.
Welche Faktoren die Belastung strukturell erhöhen, ist regelmäßig Thema wissenschaftlicher Studien. Sie liefern wichtige Erkenntnisse für eine lebenslauforientierte Wohnungspolitik. Hier ein Überblick.
Miete ist im Alter belastender
Eine aktuelle Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) begleitete rund 98.000 Personen über den Zeitraum von 1992 bis 2022. Die Daten zeigen, wie sich die Wohnkostenbelastung über den gesamten Lebensverlauf entwickelt.
Bei Mieter:innen liegt die durchschnittliche Wohnkostenbelastung zwischen dem 30. und 55. Lebensjahr relativ konstant bei rund 22 Prozent. In den Ruhestandsjahren steigt sie auf etwas mehr als 25 Prozent.
Bei Eigentümer:innen liegt die Wohnkostenbelastung über den gesamten Lebensverlauf niedriger. Sie erreicht bis Mitte dreißig ihren Höchststand von rund 22 Prozent und sinkt anschließend auf teilweise deutlich unter 20 Prozent. Die Autor:innen führen dies unter anderem darauf zurück, dass bei vielen Eigentümer:innen im späteren Lebensverlauf keine Darlehenszinsen mehr anfallen.
Das macht deutlich, wie die soziale Herkunft strukturell die finanziellen Aussichten über das ganze Leben hinweg prägt: Wer nicht erbt, hat es deutlich schwerer, Vermögen aufzubauen. Während Eigentümer:innen langfristig von ihrem Wohneigentum profitieren, tragen Mieter:innen ihre Wohnkosten dauerhaft weiter – und befinden sich dadurch auch im Rentenalter häufig in einer finanziell schlechteren Lage.
Einkommensentwicklung hält nicht mit
Doch auch unter den Mieter:innen ist die Belastung stark ungleich verteilt. Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) aus dem Jahr 2025 illustriert, wie weit sich die Schere geöffnet hat: In Westdeutschland stieg für Menschen im untersten Einkommensfünftel die Mietbelastung von 1990 bis 2020 um bis zu 20 Prozentpunkte auf über 44 Prozent. Damit überschreitet diese Gruppe die von der EU definierte Schwelle für eine Wohnkostenüberbelastung von 40 Prozent deutlich.
Bei Menschen im obersten Einkommensfünftel erhöhte sich die Belastung im selben Zeitraum nur moderat auf bis zu 18 Prozent. Besserverdienende konnten Mietsteigerungen über die Jahre meist durch Einkommenszuwächse ausgleichen. Haushalte mit niedrigen Einkommen gelang dies deutlich seltener.
Auch bei Eigentümer:innen unterscheidet sich die Belastung nach dem Einkommen, allerdings deutlich weniger stark als bei Mieter:innen: Nur fünf Prozent verfügen über ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des Medians.
Migrationsgeschichte verstärkt finanzielle Belastungen
Für Zugewanderte mit niedrigem Einkommen entwickelte sich die Lage besonders ungünstig: Die BiB-Studie zeigt, dass ihre Mieten zwischen 1990 und 2020 real um 50 Prozent stiegen. Damit fiel der Anstieg sogar höher aus als bei in Deutschland Geborenen mit hohen Einkommen, deren Mietkosten um rund 40 Prozent zunahmen.
Gleichzeitig verbuchten Zugewanderte mit niedrigem Einkommen einen Reallohnverlust von rund 20 Prozent. Auch in Deutschland geborene Menschen mit niedrigen Einkommen mussten Reallohnverluste hinnehmen – wenn auch mit rund neun Prozent deutlich geringer. Unabhängig vom Geburtsort konnten Menschen mit hohen Einkommen einen Reallohnzuwachs von etwa einem Drittel erzielen.
Die Unterschiede zeigen sich auch im höheren Alter. Ab 60 Jahren liegt die durchschnittliche Mietbelastung von Menschen mit Migrationsgeschichte laut WSI-Analyse bei rund 30 Prozent; bei Mieter:innen ohne Migrationshintergrund dagegen mehr als fünf Prozentpunkte niedriger.
Als mögliche Ursache nennen die Autor:innen unter anderem die kürzere Wohndauer vieler Zugewanderter. Wer öfter umzieht, zahlt häufiger hohe Angebotsmieten. Hinzu kommt, dass sich die Zusammensetzung der Zuwanderung verändert hat und Geflüchtete im Durchschnitt geringere Einkommen erzielen als viele EU-Zugewanderte.
Mehrere Studien deuten zudem darauf hin, dass Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt eine Rolle spielt: Eine Auswertung des DIW aus dem Jahr 2016 zeigt: Menschen mit Migrationshintergrund zahlten trotz einer geringeren durchschnittlichen Zimmerzahl eine um 11 Euro höhere Miete. Ein Großteil dieser Mietdifferenz ließ sich statistisch nicht durch Faktoren wie Einkommen, Wohnlage oder Wohndauer erklären.
Andere Studien belegen zudem, dass Menschen mit ausländisch klingenden Nachnamen bei gleichen Voraussetzungen seltener zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen werden.
Geschlecht, Haushaltstyp und Wohnort haben großen Einfluss
Auch nach Haushaltstypen zeigt die WSI-Studie deutliche Unterschiede. Alleinstehende Mieter:innen tragen über den gesamten Lebensverlauf eine überdurchschnittlich hohe Wohnkostenbelastung.
Besonders betroffen sind alleinlebende Frauen, deren Belastung auch während der Jahre im Berufsleben konstant überdurchschnittlich bleibt. Dies dürfte unter anderem mit den im Durchschnitt niedrigeren Erwerbseinkommen von Frauen zusammenhängen. Im Alter verstärkt sich dieser Effekt: Ab 60 Jahren erreicht ihre Belastung 30 Prozent, während sie bei Männern etwa 27 Prozent beträgt.
Auch der Wohnort spielt eine Rolle. In städtischen Gebieten liegt die Mietbelastung laut WSI-Analyse über den gesamten Lebensverlauf hinweg drei bis vier Prozentpunkte höher als im ländlichen Raum. Besonders groß sind die Unterschiede bei jungen Erwachsenen sowie ab dem 60. Lebensjahr.
Wohnungspolitik für kritische Lebensabschnitte
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Menschen besonders gefährdet sind, wenn sich mehrere dieser Faktoren überlagern. Niedrige Einkommen, eine Migrationsgeschichte, das Leben als Alleinstehende:r oder das Wohnen in einer Großstadt können die Mietbelastung gemeinsam deutlich erhöhen. Fließen dauerhaft 30, 40 oder gar 45 Prozent des Einkommens in die Miete, bleibt entsprechend weniger Geld für Ernährung, Gesundheit, Bildung, Freizeit und Altersvorsorge übrig. Wohnkosten sind damit ein entscheidender Faktor für gesellschaftliche Teilhabe und Armutsrisiko – und sollten in der Armutsberichterstattung stärker Berücksichtigung finden.
Die Autor:innen der Studien plädieren für eine lebenslaufsensible Wohnungspolitik. Diese müsse an kritischen biografischen Punkten wie Trennung, Arbeitsplatzverlust oder Renteneintritt ansetzen. Genannt werden unter anderem eine gezieltere Ausrichtung des Wohngelds für besonders belastete Gruppen, eine Begrenzung übermäßiger Mieterhöhungen sowie stärkere Investitionen in den sozialen und gemeinwohlorientierten Wohnungsbau durch Staat und Genossenschaften. Zugleich ordnen die Autor:innen die Entwicklung in eine Wohnungspolitik ein, die in vielen Industrienationen durch Deregulierung, Privatisierung und Marktorientierung geprägt worden sei.
Die eingangs zitierte Frage, was Mieter:innen vom Wohnungskauf abhält, greift deshalb zu kurz. Wer dauerhaft einen erheblichen Teil seines Einkommens für die Miete aufbringen muss, kann oft weder Eigenkapital bilden noch fürs Alter vorsorgen. Die entscheidende wohnungspolitische Frage lautet daher nicht, warum so wenige kaufen – sondern warum so viele selbst mit durchschnittlichem Einkommen dauerhaft überlastet sind.
August 2026 / ml
12.08.2026




