
Seit einem Brand im Januar stehen drei Gebäude in Prenzlauer Berg ohne Strom, Wasser und Heizung leer. Über 120 Menschen mussten sich eigenständig um Unterkünfte kümmern, während die Hausverwaltung die Schuld an dem Brand zurückweist. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Ein Mieter berichtet über den möglichen Plan hinter dem Vorfall und die Mobilisierung im Haus.
Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, als am 24. Januar 2026 die Feuerwehr in der Stargarder Straße 73 in Prenzlauer Berg anrückt. Im Keller des Vorderhauses brennt es. Als das Feuer gelöscht ist, wird das Ausmaß deutlich: Der Brand hat die gesamte Haustechnik lahmgelegt. Strom, Wasser, Gas, Heizung fallen in allen drei Flügeln des Hauses aus. Es ist mitten im Winter, die Temperaturen liegen unter null Grad. Über 120 Menschen, darunter viele Kinder, müssen ihre Wohnungen verlassen.
Zwei Monate später sind die meisten der rund 40 Wohnungen noch immer von der Versorgung abgeschnitten.
Wochenlange Hinhaltetaktik
Wir treffen Denis Esakov, Mieter im Hinterhaus. Er ist inzwischen in seine Wohnung zurückgekehrt – ohne Wasser und mit provisorischem Baustrom, der über einen Transformator vom regulären Netz abgezweigt wird. Immerhin ließ die Hausverwaltung, Secura Grundstücksverwaltungsgesellschaft, in den Wohnungen Heizgeräte aufstellen, wenn auch wohl eher aus Sorge vor Frostschäden an der Fußbodenheizung.
„Erst sollten die Arbeiten innerhalb einer Woche beginnen“, erinnert sich Denis. „Mittlerweile ist mit einer Wiederherstellung der Versorgung wohl nicht vor Ende März zu rechnen.“ Warum zunächst Reinigungsarbeiten im Dachboden vorgenommen wurden – einem Bereich, der vom Brand kaum betroffen war –, erschließt sich ihm nicht.
Doch das ist nicht die einzige offene Frage.
Wer übernimmt die Kosten für die Unterbringung?
Auch die Verantwortung für die Folgen des Brandes ist umstritten. Bei der Suche nach Ersatzwohnraum erhielten die Mieter:innen keine Unterstützung von der Hausverwaltung. Viele kamen bei Freunden unter, andere mussten teure Ferienwohnungen oder Hotels bezahlen, manche wichen sogar in andere Städte aus.
In Schreiben an die Bewohner:innen verweist die Hausverwaltung darauf, dass die Kosten für Notunterkünfte nicht von der Gebäudeversicherung übernommen würden; die Mieter:innen sollten sich deshalb an ihre Hausratversicherung wenden.
Ob diese Darstellung zutrifft, ist jedoch umstritten. Sollte sich herausstellen, dass eine mangelhafte Gebäudeinfrastruktur den Brand verursacht hat, müssen auch Eigentümer:innen oder deren Versicherungen für Folgekosten haften. Genau diese Frage ist bislang ungeklärt – ebenso wie die Ursache des Feuers selbst.
Während die Hausverwaltung davon ausgeht, dass ein obdachloser Mensch den Brand im Keller gelegt habe, widersprechen einige Mieter:innen dieser Darstellung. Der betreffende Kellerraum sei verschlossen gewesen.
Mittlerweile hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.
Ein Netzwerk kassiert ab
Die Eigentümer:innen sind kein unbeschriebenes Blatt: Seit Investor:innen das Haus 2022 übernommen haben, hat sich im Gebäude einiges verändert. Der zuvor gemeinschaftlich genutzte Innenhof wurde durch Holzzäune in Parzellen aufgeteilt und einzelnen Wohnungen zugeschlagen. Leerstehende Wohnungen wurden saniert, mit Balkonen versehen und danach oftmals nur noch möbliert und mit Kurzzeitverträgen neu vermietet – zu Preisen von 25 Euro und mehr pro Quadratmeter – deutlich über dem Berliner Mietspiegel.
Ein in die Verwaltung des Hauses involvierter Anwalt und Immobilieneigentümer war bereits zuvor in einem anderen Haus derselben Straße aufgefallen. Dort standen Vorwürfe im Raum, Wohnungen gezielt leer stehen zu lassen und kostspielige Modernisierungen anzustoßen, die für bestehende Mieter:innen kaum bezahlbar waren und sie zum Auszug bewegen sollten. In diesem Zusammenhang trat auch ein Architekt auf, der der Fassade des Hauses den für eine Modernisierungsumlage erforderlichen Schadensgrad attestierte. Der Architekt ist Geschäftsführer mehrerer Immobiliengesellschaften. Laut einem Aushang in der Stargarder Straße 73 soll er auch für die Aufteilung des Innenhofs verantwortlich sein.
Es ergibt sich daraus das Bild eines Netzwerks von professionellen Immobilienakteur:innen, die in mehreren Häusern der Nachbarschaft aktiv sind und systematisch auf Profitmaximierung setzen.
Das ist auch deshalb brisant, weil die Stargarder Straße seit 2014 in einem Milieuschutzgebiet liegt. Ziel dieser Regelung ist es, die Aufwertung und Verdrängung der angestammten Bevölkerung zu begrenzen. Während viele Mieter:innen weiterhin nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, werden andere Wohnungen im Haus bereits wieder auf Vermietungsportalen angeboten. Auch eine seit Dezember leerstehende Wohnung im Hinterhaus, in dem Denis lebt, steht zur Besichtigung.
Der Vermieter zieht aber noch weitere Register: Befristete Mietverträge sollen für hohe Fluktuation sorgen und damit höhere Neuvermietungspreise ermöglichen – ohne gesetzliche Befristungsgründe ein illegales Vorgehen. Auch Denis Esakov hatte zunächst einen solchen Vertrag: „Ohne den Berliner Mieterverein gäbe es noch eine möbliert-befristete Wohnung mehr im Haus.”
Nachdem er sich gegen die Befristung gewehrt habe, seien Anfragen an die Hausverwaltung und notwendige Reparaturen häufig unbeantwortet geblieben.
Der Vermieter hat sich verschätzt
Was die Eigentümer:innen offenbar nicht einkalkuliert haben: Die Mieter:innen der Stargarder Straße 73 wissen sich zu organisieren. Innerhalb weniger Wochen bauten sie eine Webseite auf, wandten sich an Medien und Politiker:innen, knüpften Kontakte zum Bündnis „Pankow gegen Verdrängung“ und organisierten am 6. März 2026 eine Demonstration vor dem Haus, zu der über 100 Menschen kamen.
Ein von der Hausgemeinschaft beauftragtes Gutachten kommt zudem zu dem Schluss, dass der Brand keinen Totalschaden verursacht habe. Die Reparaturen könnten demnach innerhalb einer Woche abgeschlossen sein.
Auch politisch wächst der Druck: Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow hat beschlossen, dass das Bezirksamt den Eigentümer zur zügigen Reparatur drängen und zugleich prüfen soll, ob eine Zweckentfremdung der Wohnungen vorliegt.
Das Muster hinter dem Einzelfall
Der Brand könnte ein besonders drastisches Beispiel für ein verbreitetes Problem sein. Das Hinausdrängen bestehender Mieter:innen ist für Vermieter:innen oft der lukrativste Weg zu höheren Mieteinnahmen: In laufenden Mietverhältnissen lassen sich Mieten nur begrenzt erhöhen, nach einem Auszug dagegen deutlich.

Die Methoden, die Mieter:innen zum Aufgeben bewegen sollen, sind vielfältig. Mal wird ohne Beachtung von Fristen oder Kündigungsschutz zur Räumung gedrängt, mal werden Häuser dem Verfall überlassen. In anderen Fällen werden vorsätzlich Schäden verursacht oder gar Wände durchbrochen. Besonders verbreitet sind angekündigte aufwendige Modernisierungen, deren Umlage auf die Miete sich viele nicht leisten können. Auch verzögerte Bauarbeiten oder monatelang abgestellte Versorgungsleitungen gehören zu den immer wieder berichteten Praktiken.
Im Extremfall zerstören Vermietende Häuser gezielt oder machen sie unbewohnbar. Überregional bekannt wurde der Fall der Habersaathstraße in Berlin-Mitte: Dort kämpfen die verbliebenen fünf Mietparteien seit Jahren gegen eine teils brutale Entmietungstaktik des Vermieters. 120 bewohnbare und bezahlbare Wohnungen sollen abgerissen werden und einem Luxusneubau weichen. Bei Investor:innen sind die Innenstadtlagen begehrt – Ortsansässige und Alt-Mieter:innen gilt es, zugunsten hoher Renditen loszuwerden. Das Mietenwahnsinn-Bündnis Berlin, die Berliner Initiative Zwangsräumungen verhindern, der Berliner Mieterverein und die aktive Hausgemeinschaft mobilisieren für den 28. März zu einer großen Soli-Demo. Sie alle brauchen die Solidarität aller Mieter:innen in Berlin.
Ob das Feuer in der Stargarder Straße tatsächlich Teil einer Entmietungsstrategie war, diese Frage wird die Staatsanwaltschaft klären müssen. Für die Bewohner:innen bleibt das Ergebnis dasselbe: Mehr als 120 Menschen wurden aus ihren Wohnungen gedrängt, viele ohne Unterstützung, einige ohne Aussicht auf Rückkehr.
Die Mieter:innen kämpfen weiter: für eine vollständige Reparatur, einen verbindlichen Zeitplan, Transparenz – und für ihr Zuhause.
ml
19.03.2026




