Das Zuhause soll im Alter vor allem eines sein: sicher. Doch in der Seniorenwohnanlage Herthastraße in Berlin-Wilmersdorf berichten Bewohner:innen von geplatzten Rohren, schwarzem Schimmel sowie defekten Heizungen und Aufzügen – und von jahrelanger Vernachlässigung. Die 97 Wohnungen gehören dem Land Berlin. Wir haben die Anlage besichtigt und mit den Mieter:innen gesprochen.
„Geborgen im Kiez“ steht auf der Webseite der Wilmersdorfer Seniorenstiftung. Für Renate Schmitz und ihre Nachbar:innen klingt das wie blanker Hohn. „Solche Zustände hätten wir in einer Seniorenwohnanlage nicht für möglich gehalten. Mit Geborgenheit hat das nichts zu tun“, sagt sie.
An einem heißen Junitag berichten die Bewohner:innen dem Berliner Mieterverein von ihrer Situation. Sie sind wütend und verzweifelt. Statt Sicherheit und Geborgenheit erleben sie ein Zuhause, in dem ältere Menschen um grundlegende Wohnbedingungen kämpfen müssen.
Dabei hätte die Anlage architektonisch einiges zu bieten: Die zweigeschossigen, wie aufeinandergestapelte Quader wirkenden Gebäude stammen aus den frühen 1980er-Jahren und wurden von dem Architekten Werner Düttmann entworfen. Das Gebäudekonzept eignet sich gut für seniorengerechtes Wohnen. Jedoch schränken jahrelange Vernachlässigung und der massive Instandhaltungsstau das Potenzial der Anlage für seniorengerechtes Wohnen zunehmend ein.
Wenn die Wasserversorgung zum Kraftakt wird
Es geht nicht nur um zahlreiche kleinere Mängel, sondern um strukturelle Probleme bei der Instandhaltung – und damit um menschenwürdiges Wohnen.
Nach einer Havarie im November 2025 durch einen Rohrbruch war die Wasserversorgung der Anlage drei Tage lang unterbrochen. Die Bewohner:innen mussten sich über einen Straßenhydranten versorgen und Wasser eimerweise in ihre Wohnungen tragen – für hochbetagte und mobilitätseingeschränkte Menschen kaum zu bewältigen.
„Wir Senior:innen mussten für unsere hochaltrigen Nachbar:innen das Wasser in die Wohnungen schleppen“, sagt Renate Schmitz. „Viele haben resigniert. Sie wissen, dass sie von der zuständigen Gewobag nicht ernst genommen werden.“ Das landeseigene Wohnungsunternehmen hatte sich nach Angaben der Bewohner:innen nicht gerührt. Schließlich stellten die Berliner Wasserbetriebe auf Initiative einer Mieterin kurzfristig einen Hydranten zur Verfügung.
Weitere Probleme begleiten die Bewohner:innen teilweise seit Jahren: Heizungsausfälle, Unterbrechungen der Warmwasserversorgung, Feuchtigkeitsschäden und Schimmel. Viele Wohnungen wiesen nach Aussagen der Mieter:innen bereits bei der Übergabe erhebliche Mängel auf. Auch Grünanlagen und Parkplätze wirken vernachlässigt; Müll und altes Baumaterial liegen herum, die Grünflächen scheinen ungepflegt.
Eine Bewohnerin dokumentierte nach der Wohnungsübergabe 18 Mängel. Mehrere Senior:innen berichten zudem, bei Besichtigungen unter Druck gesetzt worden zu sein: Wer sich nicht rasch entscheide, bekomme die Wohnung nicht – und das, obwohl es sich um das offizielle Seniorenwohnen im Bezirk handelt. Manche mussten den Mietvertrag zum Ersten des folgenden Monats abschließen, obwohl der Umzug erst zwei oder drei Monate später möglich war. Gleichzeitig stehen in der Anlage aber immer wieder Wohnungen über längere Zeit leer.
„Ich dachte, ich treffe hier meine letzte Wohnentscheidung. Bei der Besichtigung konnte ich die Mängel gar nicht alle erkennen“, sagt Renate Schmitz. Sie bewohnt nach eigener Einschätzung eine der besseren Wohnungen – musste dennoch monatelang um eine neue Toilette und die Reparatur eines Heizkörpers kämpfen.
Auch die Gemeinschaftsräume stehen seit Längerem nicht zur Verfügung, obwohl deren Nutzung im Mietvertrag vorgesehen ist. Der Gebäudetrakt und die Innenräume machten bei der Besichtigung einen stark vernachlässigten Eindruck inklusive Wasserschaden; außen zeigen sich zudem deutliche Verwitterungsspuren. Gerade in Seniorenwohnanlagen sind solche Räume für Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe von großer Bedeutung. Viele Senior:innen entscheiden sich für das Seniorenwohnen, weil es ihnen die Möglichkeit bietet, in einer aktiven Nachbarschaft zu leben.
Defekte Hauseingangstüren erschweren Menschen mit Gehhilfen den Zugang. Der Aufzug ist für Rollstühle kaum geeignet – ein Fahrrad passt nicht einmal hochkant hinein. Weil es draußen keine sichere Abstellmöglichkeit gibt, schleppen Senior:innen ihre Fahrräder drei Treppenabsätze hinab in den feuchten Keller. Verzweiflung und Hilflosigkeit sind die Worte, mit denen die Bewohner:innen ihre Situation beschreiben – Faktoren, die ältere Menschen auf Dauer zermürben und vorhandene Erkrankungen verstärken.
Bei einer Mieter:innenversammlung zeigte sich: Nicht nur die baulichen Mängel belasten die Bewohner:innen, sondern vor allem das Gefühl, mit den Sorgen allein gelassen zu werden.
Viele offene Fragen zur Verantwortung
Nachdem sich Renate Schmitz und zwei weitere Bewohner:innen der Wohnanlage gemeinsam mit einer Vertreterin des Berliner Mietervereins an den bezirklichen Seniorenvertreter Joachim Jetschmann gewandt hatten, erkannte dieser den Handlungsbedarf und informierte die Bezirksstadträtin für Bürgerdienste und Soziales, Astrid Duda. Über sie wurde die Seniorenstiftung Wilmersdorf einbezogen. Anfang Juli fand dann kurzfristig eine Mieter:innenversammlung statt, zu der fast 50 Bewohner:innen kamen. Zunächst berichteten die Mieter:innen eher zaghaft und zurückhaltend, im Verlauf der Versammlung jedoch immer offener über die Probleme. Renate Schmitz und ihre Mitstreiter:innen verlasen eine Mängelliste, die im Anschluss um weitere Mängel der anwesenden Nachbar:innen ergänzt werden konnte. Sorge und Angst vor dem Verlust der Wohnung oder einer weiteren Verschlechterung haben unter den meisten Bewohner:innen zu Resignation geführt.
Neben Astrid Duda nahmen auch die Geschäftsführerin der Wilmersdorfer Seniorenstiftung, Angela Heyroth, sowie die für die Vermietung zuständige Bereichsleiterin Katja Schnoor teil. Die Gewobag, die offenbar mit der operativen Verwaltung beauftragt ist, ließ sich entschuldigen.
Die zentrale Frage des Abends: Wer trägt die Verantwortung für diese Missstände?
Die Anlage befindet sich im Eigentum des Landes Berlin und wird von der Wilmersdorfer Seniorenstiftung im Auftrag des Bezirks verwaltet. Für Reparaturen und die Umsetzung der Instandhaltung ist die Gewobag zuständig. Für viele Bewohner:innen bleibt dennoch unklar, wer über größere Instandsetzungsmaßnahmen und die dafür erforderlichen Budgets entscheidet – und wer die Arbeit der beteiligten Stellen kontrolliert. Die Stiftung sei für die Bewirtschaftung, also die Vermietung und Instandhaltung, zuständig, erklären Angela Heyroth und Katja Schnoor. Die Gewobag übernehme die Verwaltung.
Auch Fragen wie „Wer bekommt denn unsere Mieten?“ und „Wer legt unsere Mieten fest?“ blieben unbeantwortet. Das ist ein wichtiger Punkt, weil die Mieten einiger neuerer Mietverträge über den nach der Mietpreisbremse zulässigen Beträgen liegen. „Hier verstößt das Land Berlin wohl gewissermaßen gegen die eigene Rechtsverordnung zur Mietpreisbremse“, erklärt Sebastian Bartels, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins.
Besondere Verantwortung für ältere Menschen
Die Bewohner:innen sehen in den Zuständen auch eine strukturelle Benachteiligung älterer Menschen. Eine Wohnanlage, die sich gezielt an Senior:innen richtet, muss besonderen Anforderungen genügen: Barrierearme Zugänge, Verlässlichkeit und funktionierende Unterstützung sind keine Extras, sondern Grundvoraussetzungen.
Auffällig ist zudem, dass Mieter:innen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, nach Angaben der Bewohner:innen häufiger schlechter ausgestattete oder stärker sanierungsbedürftige Wohnungen erhalten. In einer der besichtigten Wohnungen fanden wir schwarzen Schimmel und Risse im Außenmauerwerk. Ein ärztliches Attest bescheinigt der dort lebenden Mieterin massive gesundheitliche Beeinträchtigungen.
Wenn Menschen mit eingeschränkter Mobilität dauerhaft mit defekten Zugängen, technischen Ausfällen und schwierigen Kommunikationswegen leben müssen, werden ihre Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt. Auch die Praxis bei Neuvermietungen sollte dringend geprüft werden – insbesondere der Zustand der Wohnungen bei Übergabe, die Höhe der Mieten und der Umgang mit Empfänger:innen von Transferleistungen.
Was die Senior:innen fordern
Von der Wilmersdorfer Seniorenstiftung, der Gewobag und dem Land Berlin fordern die Mieter:innen:
- die zeitnahe Beseitigung aller dokumentierten Mängel,
- eine deutlich verbesserte und respektvolle Kommunikation mit den Bewohner:innen,
- eine klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten zwischen Stiftung, Verwaltung und dem Land Berlin,
- eine Überprüfung der Wohnungsübergaben und Neuvermietungen sowie
- die unverzügliche Wiederherstellung der Gemeinschaftsräume.
Die Bewohner:innen verlangen keine Sonderbehandlung. Sie erwarten lediglich, dass ein Ort, der ausdrücklich für ältere Menschen geschaffen wurde und sich in öffentlicher Verantwortung befindet, tatsächlich das hält, was sein Name verspricht: Geborgenheit.
August 2026 / fs
13.08.2026




