Immer wieder werden Gründerzeitaltbauten mit Aufzügen nachgerüstet. Während die einen neue Bequemlichkeit begrüßen, hadern die anderen mit den anfallenden Kosten. Für die in ihrer Beweglichkeit Eingeschränkten ist ein Aufzug oftmals die Tür, die wieder gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.

Selbstständigkeit und Teilhabe

Ein Aufzug im Mietshaus? Für manche ist das vor allem bequem. Für andere kann er darüber entscheiden, ob sie in ihrer Wohnung bleiben können oder irgendwann umziehen müssen. Denn wer schlecht zu Fuß ist, im Rollstuhl sitzt, einen Kinderwagen schiebt oder sich nach einer Operation nur mühsam über Treppen bewegt, erlebt die Stufen vor der eigenen Wohnung nicht als kleines Hindernis, sondern als echte Barriere. Gerade in älteren Berliner Mietshäusern ist der Weg von der Straße bis zur Wohnungstür oft alles andere als barrierefrei. Ein nachträglich eingebauter Aufzug kann das ändern. Er macht Wohnungen zugänglicher und ermöglicht Menschen, länger selbstständig in ihrem vertrauten Zuhause zu leben. Das ist besonders wichtig in einer Stadt, in der bezahlbare Wohnungen knapp sind und ein Umzug in eine geeignete, barrierefreie Wohnung keineswegs selbstverständlich ist. Ein Aufzug kann damit auch vor unfreiwilligem Wohnungsverlust schützen. Und Barrierefreiheit betrifft längst nicht nur eine kleine Gruppe. Die eigene Mobilität kann sich durch Alter, Krankheit oder Unfall jederzeit verändern. Auch Besucher:innen mit eingeschränkter Beweglichkeit profitieren davon, wenn die Treppe nicht mehr die einzige Verbindung zwischen Wohnung und Straße ist. Ein Aufzug schafft also mehr Selbstständigkeit und Teilhabe. Natürlich muss ein solcher Einbau gut geplant werden, vor allem die Kosten müssen fair geregelt sein. Aber wenn ein Aufzug sinnvoll eingebaut werden kann, sollte die Frage nicht nur lauten, ob er heute gebraucht wird. Sie sollte auch lauten: Wie wollen wir in unseren Häusern in 10, 20 oder 30 Jahren wohnen? Ein barrierearmes Mietshaus ist für alle eine gute Vorsorge. Denn niemand weiß, wann aus den drei Etagen plötzlich drei Hürden werden.
Oft nur aus Bequemlichkeit

Als Studentin habe ich in einer Mitwohnzentrale gejobbt. Damals hatten wir es häufig mit jungen, fit wirkenden Menschen zu tun, deren wichtigstes Suchkriterium ein Aufzug im Gebäude war – jedenfalls bei Wohnungen oberhalb der 2. Etage. Seitdem weiß ich, dass es manchmal schlicht um Bequemlichkeit geht, ganz so, als sei es gesunden Menschen nicht zuzumuten, ihre Einkäufe in den dritten Stock zu schleppen. Kleiner Tipp: Ein Stuhl auf jeder Etage kann hilfreich sein und wird von vielen Hausverwaltungen geduldet. Dabei ist Treppensteigen aus gesundheitlicher Sicht regelrecht ein Wundermittel. Es stärkt das Herz-Kreislauf-System, trainiert die Muskulatur und lässt Fettdepots schmelzen, wie eine Genfer Studie herausgefunden hat. Regelmäßiges Treppensteigen kann das Leben um zwei Jahre verlängern, lautet das Ergebnis einer großen US-Studie.
Menschen, die mobilitätseingeschränkt sind oder im Rollstuhl sitzen, hilft das natürlich nicht weiter. Sie haben ein Recht auf Barrierefreiheit. Doch die Altbauten flächendeckend mit Aufzügen nachzurüsten, würde das Wohnen erheblich und zwar für alle verteuern. Zum einen durch den Modernisierungszuschlag, zum anderen durch die monatlichen Betriebskosten. Zu beachten auch: An der Gebäudeaußenseite angebrachte Aufzüge sorgen in der Regel nicht für wirkliche Barrierefreiheit, weil sie jeweils auf halber Treppe halten – für Rollstuhlfahrende sind sie nutzlos.
Welche Alternativen sind denkbar? Man könnte Mobilitätseingeschränkten das Recht auf den Tausch mit einer Wohnung im Erdgeschoss einräumen. Wird dann tatsächlich ein Aufzug eingebaut, könnte man es zur Pflicht machen, dass Gebäudeeigentümer:innen Fördermittel in Anspruch nehmen müssen – das senkt für die Mietenden den Modernisierungszuschlag. Und es lassen sich durch Vorschrift auch die Kosten für den Aufzugseinbau deckeln. Denn was hilft es, wenn man zwar seine Wohnung barrierefrei erreichen kann, sich aber die Miete nicht mehr leisten kann?
Unterschiedlicher Meinung: MieterMagazin-Autor Stefan Klein, MieterMagazin-Autorin Birgit Leiß
28.08.2026




