Der LiMa Wohnhof in Kreuzberg ist ein demokratisches Experiment, das eng verknüpft ist mit der Suche nach neuen, selbstbestimmten Wohnformen im West-Berlin der 1980er Jahre. Was ist aus dem Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen geworden?

Foto: Christian Muhrbeck
In der Wohnanlage in der Lindenstraße/Markgrafenstraße („LiMa“)gibt es keine abgeschlossenen Zugänge. Die sehenswerte Hofanlage mit Brunnenskulptur und Pergola ist jederzeit und für jeden zugänglich. Auch die Aufgänge haben keine abgeschlossenen Haustüren. „Wir verbarrikadieren uns nicht, die soziale Kontrolle schafft hier Sicherheit“, erklärt Gabriella Sarges, die seit 2003 Mieterin einer Maisonette-Wohnung ist. Wenn sie in ihrer Küche steht, kann sie sehen, wer beim Nachbarn klingelt. Ein gläserner Vorflur dient als Windfang und bietet gleichzeitig die Möglichkeit der Kontaktaufnahme.

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„Wir sollten keine Architektur schaffen, die die Menschen zur Kommunikation zwingt, also sollten wir genug Schutz voreinander schaffen“, so beschreibt der Architekt des LiMa Wohnhofs, Hermann Hertzberger, sein Konzept. Gebaut wurden die 48 im Halbkreis um einen Hof gruppierten Wohnungen 1984 bis 1986 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA). Mit Mitteln des Sozialen Wohnungsbaus sollten hier in der Südlichen Friedrichstadt preisgünstige familiengerechte Wohnungen entstehen. Partizipation war bei der IBA ein großes Thema, und so wurde bereits in der Ausschreibung gefordert, dass die Mieter:innen an Planung, Ausbau und Verwaltung der Wohnanlage beteiligt werden. Geregelt wurde das in einem recht komplizierten Konstrukt: das landeseigene Grundstück wurde im Erbbaurecht an die gemeinnützige Wohnbau Nord GmbH vergeben. Die dafür eigens gegründete Selbstbaugenossenschaft Berlin eG übernahm die Organisation und Koordination mit der Mieterschaft und wurde später Generalmieterin, nicht jedoch Eigentümerin.

Foto: Christian Muhrbeck
Nachdem die Mietergruppe zusammengestellt war, ging es an die Ableistung der „Muskelhypothek“: 550 Stunden Eigenleistung waren von den künftigen Mieter:innen pro Wohnung zu erbringen. Das bedeutete: Tapezieren, Treppenhaus streichen, Küche einbauen und Kacheln anbringen. Materialien wurden gestellt. „Das Haus, in dem Berliner mit ihrer Muskelkraft die Miete senken“ titelte die Berliner Morgenpost im Dezember 1984. Die Beteiligung am Ausbau vergünstigte die Miete um 1 Mark pro Quadratmeter. Auch die Gartenanlage entstand gemeinsam mit den Bewohner:innen. Die Selbstbeteiligung senkte nicht nur die Kosten, sondern erhöhte auch die Identifikation mit dem Projekt und schweißte die Bewohnerschaft zusammen.
Eine Idee aus den Niederlanden
Hertzberger, der mit seinem Entwurf den Bauherrenwettbewerb gewonnen hatte, brachte die Ideen des Reformwohnungsbaus aus seiner niederländischen Heimat mit. „In den meisten anderen Wohnungen lebt man isoliert. Hier ist der Kontakt miteingeplant“, sagt Gabriella Sarges, die sich viel mit der Geschichte des LiMa Wohnhofs beschäftigt hat. Die von ihr mitgegründete Nachbarschaftsinitiative hat sich dafür eingesetzt, dass die Wohnanlage 2020 unter Denkmalschutz gestellt wurde. So erfolgt die Erschließung der gläsernen Treppenhäuser sehr kleinteilig über sogenannte Ein- oder Zweispänner. Dadurch werden die einzelnen Treppenhäuser teilweise nur von drei Mietparteien geteilt. „Das ergibt eine intimere Zone, als es gewöhnlich in einem Treppenhaus der Fall ist“, schreibt Harald Bodenschatz in seinem Aufsatz „Learning from IBA“. Die Wohnungen, so der Architektursoziologe, haben einfallsreiche Grundrisslösungen, in denen es beispielsweise möglich ist, im Treppenhaus spielende Kinder von der Küche aus im Blick zu behalten.
Dörflicher Charakter durch unterschiedliche Vorgärten
Schon von außen wirkt der drei- bis fünfgeschossig gestaffelte Gebäudekomplex freundlich und verspielt. Das liegt an den tiefgezogenen großen Fensterfronten, aber auch an den unterschiedlich gestalteten Vorgärten. Durch die Hofsituation entsteht ein fast dörflicher Charakter. „Wenn ich das Tor passiere, bin ich daheim“, beschreibt es Gabriella Sarges. Sie schwärmt für die „menschliche, nachhaltige Architektur“ und führt gern Studierende und Architekturfans durch den Wohnhof. Nicht allen im Haus gefällt das. Als sie beim Tag des offenen Denkmals im letzten September einer Gruppe den Hof zeigte, fühlten sich einige gestört und protestierten lautstark aus den Fenstern: „Das ist hier privat, wir wollen nicht ständig Besucher haben!“ Gabriella Sarges nahm’s gelassen: „Was Privatbereich ist und was nicht, wird hier ständig neu ausgehandelt.“ Der Hof sei „intim wie ein Wohnzimmer“, aber auch als offener Ort konzipiert.

Foto: Christian Muhrbeck
Der LiMa Wohnhof ist mittlerweile nicht mehr in genossenschaftlicher Verwaltung. Ende 2011 endete planmäßig der Generalmietvertrag mit der Selbstbaugenossenschaft Berlin. Die Wohnungen wurden ein paar Jahre lang von der Eigentümerin, der Wohnbau Nord (WBN), verwaltet und schließlich 2018 im Rahmen des Vorkaufsrechts an die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) verkauft. Das städtische Wohnungsunternehmen verwaltet das einstige Selbstbauprojekt wie ein x-beliebiges Haus. Mitspracherechte bei der Belegung freiwerdender Wohnungen oder die Mitgestaltung bei der Gartenpflege – all dies gehört nun der Vergangenheit an. Kritik gibt es am schlechten Instandhaltungszustand. Überall an der Fassade sind Risse und Putzschäden zu sehen. Die WBM verweist darauf, dass sich die Wohnanlage im baulichen Zustand der 1980er Jahre befinde. Eine Sanierung sei vorgesehen. Noch bis Ende 2030 gilt eine Mietpreis- und Belegungsbindung.
Es besteht kein Zweifel: Der mehrfach mit Architekturauszeichnungen bedachte LiMa Wohnhof bietet eine hohe Wohnqualität. Bodenschatz hält ihn insgesamt für ein gelungenes Experiment. Die Selbstbeteiligung laufe sehr erfolgreich, und der Hof werde sehr gut angenommen, auch von der Nachbarschaft. Lediglich die Wohnungsgrößen von maximal drei Zimmern seien wenig familiengerecht. Lange Zeit seien viele nach dem zweiten Kind ausgezogen. Die Identifikation mit dem Projekt habe dadurch abgenommen. Auch Gabriella Sarges sagt, dass das Gruppengefühl ein Stück weit verloren gegangen sei, was auch am Verlust der genossenschaftlichen Verwaltung läge: „Ich bin aber optimistisch, dass wir dieses demokratische Experiment gemeinsam retten können.“
Birgit Leiß
„Albern und provinziell“
Die Südliche Friedrichstadt war das Herzstück jenes Teils der Internationalen Bauausstellung, der sich auf den Neubau konzentrierte. Das einstige Zeitungsviertel nördlich des Mehringplatzes war im Krieg fast vollständig zerstört worden und befand sich in den 1980er Jahren in einer Randlage, direkt an der Mauer. Unter dem Leitbild der kritischen Rekonstruktion der Stadt wurden hier eine ganze Reihe von innovativen Neubauprojekten umgesetzt. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte für diese „albernen“ Neubauten indes nur Spott übrig. Die IBA habe Provinz nach Berlin gebracht. Über den LiMa Wohnhof hieß es 1987: „Der offene Rundbau ist rundum gelungen für Leute, die gern friedlich, traulich, demokratisch wohnen, mit Schwangeren-Treff und gemeinsamer Gartenarbeit. Wo einer dem anderen in die gardinenlosen Wohnzimmer und voll auf die Balkone blickt.“
bl
lima-wohnhof-berlin-initiative.de
26.05.2026




