Wie viel Wohnraum können sich Menschen mit systemrelevanten Berufen in europäischen Großstädten noch leisten? Eine aktuelle Untersuchung zeigt: wenig – und oft nur noch in den Randbezirken.

Foto: BSR
„Müllwerker, Krankenpflegekräfte, Polizisten arbeiten im Zentrum (…) und werden als Mieter an die Peripherie gedrängt“, schreibt das Nachrichten-Magazin Spiegel in einem aktuellen Beitrag. Der Frage, ob für die Menschen, die die Stadt am Laufen halten, Wohnraum ebendort noch bezahlbar ist, ging auch das „Urban Journalism Network“ nach, ein Netzwerk aus europäischen Journalist:innen. „Wie viel Berlin“ können sich Lehrkräfte, Busfahrer:innen, Feuerwehrleute oder Pflegekräfte noch leisten, ohne die empfohlene Wohnkostenbelastung von maximal 30 Prozent ihres Nettogehalts zu überschreiten?

Foto: pa/SIPA
Das Ergebnis ist frappierend, wenn auch nicht überraschend: Für viele Menschen in Berufen, die zum Beispiel während der Pandemie als „systemrelevant“ eingestuft wurden, sind gerade die Innenstadtbezirke kaum noch bezahlbar. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund misslich, dass viele von ihnen im Schichtbetrieb arbeiten und weite Wege quer durch die Stadt ihre Lebensqualität stark beeinträchtigen. Die Folge: Sie ziehen weg – was den Fachkräftemangel verstärkt und die Verkehrssituation in den Städten durch mehr Pendler:innen zusätzlich belastet. „Es besteht das Risiko, nicht nur die Menschen zu verlieren, die bereits in unseren Städten leben und zusätzlich auch potenzielle neue Bewohner:innen am Zuzug zu hindern“, so das Urban Journalism Network. Deutlich wird, dass Arbeits- und Mietmarkt unmittelbar zusammenhängen.
Arbeits- und Mietmarkt hängen zusammen
Für Berlin hat das Netzwerk eine interaktive Grafik programmiert, anhand derer sich mit wenigen Klicks erkennen lässt, wo sich die Polizistin oder der Kindergärtner mit Durchschnittsgehalt noch eine Wohnung leisten können. Ist ein Bezirk nicht mehr bezahlbar, färbt er sich auf der Karte rot. Während sich Ärztinnen und Lehrer noch die allermeisten Gegenden leisten können, sieht es für Sozialarbeiterinnen oder Rettungssanitäter düster aus. Sie finden nur noch in 50 respektive 41 Prozent der Kieze eine bezahlbare 50-Quadratmeter-Wohnung. Zum Vergleich: Jemand mit dem Berliner Medianeinkommen kann sich in 70 Prozent der Berliner Kieze noch eine Wohnung dieser Größe leisten.

Foto: pa/Vit Simanek
Untersucht wurden neben Berlin auch andere europäische Großstädte. Auch in Prag, Warschau und Rom können sich viele Berufsgruppen in der Innenstadt kaum noch eine Wohnung leisten. Insbesondere Berufseinsteiger:innen mit niedrigem Einkommen haben es überall schwer. In Wien, wo der soziale Wohnungsbau immer noch recht verbreitet ist, ist das Bild etwas nuancierter. In Brüssel hat sich die Lage durch die in den letzten Jahren stark gestiegenen Mietpreise weiter verschärft – dort wird nun das Londoner Key-Worker-Modell (siehe unten) diskutiert. Eine andere Möglichkeit ist die Schaffung von Betriebswohnungen. In Berlin plant beispielsweise das Wohnungsunternehmen Berlinovo weitere Wohnungen für Beschäftigte des Landes und seiner Unternehmen – bis 2029 sollen es 6800 werden. Auch Unternehmen und Kliniken, etwa Vivantes und Sana, stellen oder vermitteln Wohnungen – um Fachkräfte zu gewinnen oder zu halten.
Katharina Buri
Das Londoner Key-Worker-Modell
In London, wo die Mieten zu den weltweit höchsten gehören, hat man Anfang 2026 ein neues Modell vorgestellt, um bezahlbaren Wohnraum für Krankenschwestern, Polizisten und Co. vorzuhalten. Neue Wohnungen sollen demnach zu Mieten vergeben werden, die bei 40 Prozent der durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommen der jeweiligen systemrelevanten Berufsgruppen gedeckelt sind. Bei einer Zwei-Zimmer-Wohnung ließen sich auf diese Weise jährlich 7000 Pfund (gut 8000 Euro) an Kosten sparen, so die Londoner Stadtverwaltung. 6000 solcher Wohnungen sollen bis 2030 entstehen.
kb
Weitere Details zur Untersuchung finden sich – leider nur auf Englisch – unter:
urbanjournalism.org/the-housing-games
Menschen in systemrelevanten Berufen können an der Befragung teilnehmen und so Teil der Untersuchung werden.
28.03.2026




