Seit Ende 2024 kämpft die Initiative „Friedrichshain gegen Verdrängung“ gegen die Folgen der auslaufenden Sozialbindungen. Das MieterMagazin hat mit Kirsten und Anna* über ihr Anliegen gesprochen.

MieterMagazin: Du hast kürzlich einen Prozess gegen deinen Vermieter gewonnen, Anna! Kannst du kurz erklären, um was es ging und warum du unter einem Pseudonym erscheinen möchtest?
Anna: Ich wohne in einem Haus von Padovicz (ein berlinweit bekannter und umstrittener Immobilieninvestor – Anmerkung der Redaktion). Mit Auslaufen der Förderung Ende Juli 2025 sollte sich meine Miete auf einen Schlag fast verdoppeln. So steht es in meinem Mietvertrag. Aber diese Staffelvereinbarung ist ein klarer Verstoß gegen den Fördervertrag mit dem Land Berlin. Das hat das Amtsgericht bestätigt. Statt 1016 Euro muss ich nun 521 Euro kalt zahlen. Ich möchte anonym bleiben, weil es Einschüchterungsversuche gibt.

Foto: Nils Richter
MieterMagazin: Könnt ihr erzählen, wie es zur Gründung der Initiative gekommen ist und was eure Ziele sind?
Anna: Wir erleben hier seit einigen Jahren eine Welle an auslaufenden Sozialbindungen. Dagegen wollten wir uns als Nachbar:innen zusammenschließen, denn gemeinsam sind wir stärker! Im November 2024 haben wir erstmals zu einer Mieter:innenversammlung eingeladen. Nach dem Vorbild unserer Schwesterinitiative „Pankow gegen Verdrängung“ wollten wir gemeinsam dafür kämpfen, dass wir alle bleiben können. Es ist erschreckend, wie wenig das Thema auf der politischen Agenda steht. Daher suchen wir das Gespräch mit Politiker:innen und tragen den Missstand auch immer wieder in die Bezirksverordnetenversammlung.
Kirsten: Ich selber bin gar nicht direkt betroffen. Ich wohne nicht in einem geförderten Haus. Aber ich erlebe, wie meine Nachbar:innen durch Mieterhöhungen oder Eigenbedarfskündigungen verdrängt werden. Viele haben große Angst und fühlen sich alleine gelassen. Es gibt ein großes Bedürfnis nach Austausch und Unterstützung. Das haben wir deutlich bei unseren Haustürgesprächen gemerkt. Wir haben an insgesamt 27 Häusern geklingelt und mit den Bewohner:innen Gespräche über ihre Mietsituation geführt. Alleine in den Jahren 2024/25 sind rund 2600 Wohnungen aus der Bindung gefallen. Viele können sich die Miete nun nicht mehr leisten.
Anna: Das Schlimme ist, dass viele Menschen gar nicht die Möglichkeit haben, sich zu wehren. Beispielsweise sind von dem Trick mit der Staffelmietvereinbarung etliche Padovicz-Mieter:innen betroffen. Wer klagt, muss bis zur Gerichtsentscheidung die höhere Miete zahlen. Das können viele nicht stemmen. Ich habe mich ein halbes Jahr alleine herumgeschlagen. Von Anwälten habe ich ganz verschiedene Auskünfte bekommen.
MieterMagazin: Wie arbeitet ihr konkret?
Kirsten: Wir begleiten die Prozesse, gehen zu Demos und haben Musterschreiben an die Hausverwaltung zu Mieterhöhungen und Eigenbedarfskündigungen entworfen und verteilt. Außerdem laden wir in regelmäßigen Abständen zu einem Mieter:innencafé ein. Zurzeit kommen 10 bis 15 Leute zu unseren regelmäßigen Treffen. Wir wollen natürlich noch größer werden. Je mehr Aktive mitmachen, desto mehr Druck können wir ausüben. Wir brauchen eine politische Lösung für das Problem der auslaufenden Sozialbindungen!
Interview: Birgit Leiß
*Namen der Redaktion bekannt
Ein Sanierungsmodell mit Folgen
Zwischen 1990 und 2003 wurden in Friedrichshain 3675 Altbauwohnungen im Rahmen des Förderprogramms Soziale Stadterneuerung saniert. Ein Großteil ist bereits aus der Bindung gefallen. Die Auswirkungen sind in Friedrichshain besonders dramatisch, weil dort fast die Hälfte der Häuser nach dem Bauträgermodell saniert und die Wohnungen bereits vor Beginn der Sanierung in Einzeleigentum aufgeteilt worden waren. Die zehnjährige Sperrfrist bei Umwandlung nach einem Verkauf gilt dort daher nicht.
bl
Die monatlichen Treffen sind offen für alle Nachbar:innen.
Kontakt: fhain-verdraengung@riseup.net
Die Gerichte haben die Unrechtmäßigkeit des Padovicz´schen Vorgehensweise bestätigt:
LG Berlin II vom 12. Februar 2024 – 67 S 291/23
AG Kreuzberg vom 2. Dezember 2025 – 15 C 5068/24
LG Berlin II vom 1. Dezember 2025 – 66 S 118/24
Das MieterMagazin stellt an dieser Stelle in lockerer Folge Nachbarschafts- und Quartiersinitiativen vor.
23.01.2026




