Berlin sucht händeringend nach Fachkräften, doch der Nachwuchs steht buchstäblich auf der Straße. Eine neue Machbarkeitsstudie der „Minor – Wissenschaft Gesellschaft“ zeigt alarmierende Zahlen: Für Auszubildende ist der Berliner Wohnungsmarkt faktisch verschlossen. Die Lösung könnte ein „Berliner Azubiwerk“ nach Münchner Vorbild sein.
Wer heute in Berlin eine Ausbildung beginnt, braucht nicht nur einen langen Atem bei der Lehrstellensuche, sondern vor allem Glück bei der Wohnungssuche. Die am 10. Dezember 2025 präsentierte Studie macht deutlich: Ohne ein spezielles Azubiwerk wird Berlin seine Leistungsfähigkeit als Ausbildungsstandort langfristig nicht sichern können.
Die Zahlen des Mangels
Die Rechnung geht für viele junge Menschen längst nicht mehr auf. Das mittlere Nettoentgelt eines Azubis liegt bei rund 908 Euro. Nach der gängigen Faustregel dürfte davon höchstens ein Drittel – also 303 Euro – für Miete aufgewendet werden.
Die Realität auf dem Berliner Wohnungsmarkt sieht jedoch komplett anders aus:
- Die durchschnittliche Angebotsmiete lag 2024 bei 15,74 Euro pro Quadratmeter nettokalt – ein Anstieg von 91 Prozent seit 2014.
- Im Jahr 2023 gab es stadtweit theoretisch nur 261 WG-Zimmer und 987 Wohnungen, die unter der Leistbarkeitsgrenze von 303 Euro lagen.
- Für über 50.000 sozialversicherungspflichtige Auszubildende bedeutet das: Ein Wohnungsmarkt für Azubis ist praktisch nicht existent – nur 0,5 Prozent hätten überhaupt Zugang zu bezahlbaren WG-Zimmern.
Hohe Mieten gefährden den Ausbildungserfolg
Die Wohnsituation wirkt sich längst auf weite Bereiche des Lebens aus und gefährdet damit auch den Ausbildungserfolg. Über 60 Prozent der Azubis müssen mehr als ein Drittel ihres Gehalts für die Miete aufwenden. Viele berichten von existenziellen Nöten: „Drei Viertel des Ausbildungsgehalts geht in die Miete. Kaum genug Geld für Essen“, so eine Stimme aus der Befragung.
Die Folgen sind fatal: Berlin hat mit 36,6 Prozent eine extrem hohe Quote an Vertragslösungen – mehr als jeder dritte Ausbildungsvertrag wird vorzeitig gelöst. Lange Pendelwege von durchschnittlich 51 Minuten pro Strecke und fehlende Rückzugsorte zum Lernen erhöhen den Stresspegel massiv.
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin warnt in ihrem Positionspapier zur Bundestagswahl 2025 deutlich: „Die Wohnraumsituation stellt eine wachsende Hürde für die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte dar“. Eine aktuelle Umfrage unter Ausbildungsbetrieben untermauert dies mit drastischen Zahlen: 42 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass die Wohnraumsituation ein Problem bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze ist.
Das Konzept: Ein Azubiwerk für Berlin
Studierende haben seit Jahrzehnten das Studierendenwerk, Auszubildende hingegen bislang kaum institutionelle Unterstützung. In Berlin existieren lediglich rund 1.625 Wohnheimplätze für Azubis – bei weitem zu wenig, um den Bedarf zu decken. Die Studie empfiehlt daher die Gründung eines „Azubiwerks Berlin“, orientiert am erfolgreichen Münchner Modell, das voll möblierte Zimmer für etwa 300 Euro warm anbietet.
Die Umsetzung soll nach Baukasten-Prinzip erfolgen:
- Kurzfristig soll auf Verwaltungsebene eine Koordinierungsstelle mit digitaler Wohnraumbörse entstehen.
- Mittelfristig müsse – wie in München – eine dauerhafte Institution entstehen, die selbst als Bauherr:in oder Generalmieterin gegenüber öffentlichen Bauträger:innen auftritt und strukturell neuen Wohnraum für Auszubildende schafft.
- Als ergänzende Säule zum Neubau nennt die Studie die ökologisch und ökonomisch nachhaltige Umwandlung leerstehender Gebäude – etwa Schulen, Hotels oder Apartmenthäuser.
- Zusätzlich sind sogenannte „Pop-up-Dorms“, modulare und temporäre Wohnlösungen, als Brückenlösung zur kurzfristigen Entlastung beziehungsweise Ergänzung vorgesehen.
Wie in München versteht die Studie das Azubiwerk als „Doppelaufgabe“ aus Wohnen und Beratung. Vorgesehen sind sozialpädagogische Begleitung (Krisenhilfe, Alltagsbewältigung), Finanzberatung (Schuldenprävention, Vertragsfragen) sowie Rechtsberatung, insbesondere im Bereich des Arbeitsrechts.
Was jetzt passieren muss
Bislang war die Idee eines Azubiwerks in Berlin politisch nicht mehrheitsfähig. Ein entsprechender Antrag von Grünen und Linken wurde 2025 mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD abgelehnt. Die Debatte verlief kontrovers, blieb jedoch ohne konkrete Folgen. Dabei zeigt das Beispiel München: Solche Strukturen funktionieren – wenn der politische Wille vorhanden ist.
Für Stefan Körzell, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist die Lage eindeutig: „Wenn unsere Gesellschaft mehr Fachkräfte braucht, dann muss sie auch dafür sorgen, dass Auszubildende sich in der Nähe des Ausbildungsbetriebs eine Miete leisten können.“
Auszubildende sind die Fachkräfte von morgen. Sie dürfen nicht länger die Verlierer:innen eines angespannten Wohnungsmarktes sein.
fs, sk
23.01.2026




