Am 27. August 2026 luden Mieter:innenorganisationen die Spitzenkandidat:innen von SPD, CDU, Grünen und Linken in die Genezarethkirche am Herrfurthplatz in Neukölln. Moderiert von Lisa Vollmer und Franziska Schulte, stellten sich Elif Eralp (Die Linke), Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD) und Werner Graf (Grüne) den Fragen der Bewegung – im Wechsel zwischen Ja/Nein-Fragen, 30-sekündigen Turbo-Runden und vertiefenden Einzelfragen.

Bevor die Politiker:innen überhaupt zu Wort kamen, holten zwei Praxisberichte sie thematisch ab und öffneten den Blick auf einen Teil der Mietenbewegung selbst. Uwe Mertens von der Union für Obdachlosenrechte (UfO) schilderte die Lage wohnungsloser Menschen und forderte eine ganzjährige, sieben Tage die Woche geöffnete Kälte- und Hitzehilfe sowie mehr Kooperationen mit Hostels. Die Krankenpflegerin Franziska Aurich (Charité, Mitglied der Tarifkommission bei ver.di) machte den Zusammenhang zwischen Wohnen und Gesundheit konkret: Schlechte oder fehlende Wohnverhältnisse wirkten sich direkt auf die Gesundheit aus – zugleich könnten sich viele Pflege-, Reinigungs- und Versorgungskräfte in der Klinik, etwa bei der CFM (Charité Facility Management, zuständig für Reinigung, Service und Patiententransport), keine Wohnung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes mehr leisten. Für den morgendlichen Schichtdienst müssten manche bereits um drei oder vier Uhr aufstehen, weil sie ein bis anderthalb Stunden Anfahrt einplanen müssen.
Tempelhofer Feld – klare Fronten
In der Turbo-Runde positionierten sich drei der vier Kandidat:innen klar gegen eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes: Eralp, Krach und Graf betonten die Bedeutung des Feldes als Frischluftschneise, seinen Beitrag zum Klimaschutz und seinen Wert als „grüne Lunge“. Nur Stefan Evers sprach sich für eine Randbebauung des landeseigenen Grundstücks aus, die – so sein Argument – 50.000 Berliner:innen ein Zuhause geben könne.
Regulierung des Mietmarktes – der inhaltlich dichteste Block
Hier ging es am konkretesten zur Sache. Bei der Frage nach einer verbindlichen Sozialwohnungsquote stimmten Eralp, Krach und Graf zu – Evers lehnte ab. Beim Thema Abriss und Leerstand warf Eralp der CDU vor, „Law and Order“ zu predigen, aber ausgerechnet beim Zweckentfremdungsrecht nicht durchzugreifen. Die Linke forderte ein schärferes Zweckentfremdungsverbot, ein Leerstandsregister und mehr Personal in den Bezirken. Krach verteidigte das beschlossene Wohnraumsicherungsgesetz von CDU und SPD als Antwort auf Problemvermieter wie Adler (Stichwort Weiße Siedlung Neukölln), kündigte höhere Bußgelder, ein Mietenkataster und eine „Mietenpolizei““ an, räumte aber ein, dass ein Mietendeckel derzeit an einer gewissen Partei im Bundestag scheitere. Evers hielt dagegen: Wohnungsknappheit lasse sich nur durch mehr Neubau lösen, Regulierung allein schaffe keine Wohnungen.
Besonders konkret wurde es bei der Frage nach den Bodenpreisen, die Bauen und Mieten maßgeblich verteuern. Werner Graf räumte ein, dass Berlin hier kaum direkte Hebel habe, weil Bodenrecht größtenteils Bundessache ist. Sein Vorschlag: über den Mietspiegel ansetzen. Nach dem Hamburger Modell sollten Bodenwertsteigerungen aus der Mietspiegelberechnung herausgerechnet werden – die Miethöhe würde dadurch sinken, ohne dass man die Bodenpreise selbst regulieren müsse. Zusätzlich forderte er, dass Berlin sich beim Bund stärker für eine Regulierung einsetzt (unter anderem beim möblierten Wohnen, das bisher ohne Mietpreisbremse vermietet werden kann) und dass das Land keinen eigenen Boden mehr verkauft.
Vergesellschaftung
Bei der Ja/Nein-Frage zur Umsetzung des Volksentscheids Deutsche Wohnen & Co enteignen stimmten – wenig überraschend – Eralp und Graf zu, Krach und Evers dagegen. Eralp verwies auf die hohe Zustimmung beim Volksentscheid 2021 und kündigte im Fall einer Regierungsbeteiligung der Linken ein Vergesellschaftungsgesetz im ersten Jahr der Legislatur an. Graf sieht das Gesetz der Initiative als Grundlage, nannte aber offene Fragen, die zunächst zu klären seien. Krach lehnte ab und verwies auf die Bundesebene, unabhängig von der Beschlusslage seiner Partei. Evers warnte unter Berufung auf das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) und den Rechnungshof vor steigenden Mieten als Folge einer Umsetzung der Vergesellschaftung.
Landeseigene Wohnungsunternehmen (LWU)
Eralp kritisierte Mieterhöhungen bei den LWU und forderte sowohl einen Mieten- als auch einen Räumungsstopp. Mit Eigenkapitalzuführungen sollen die LWU ihren Aufgaben künftig gerecht werden. Graf schlug einen „Mietendimmer“ vor – Schutz für Menschen mit niedrigen Einkommen, moderat höhere Mieten für Besserverdienende. Krach räumte ein, mehr Beschwerden über landeseigene als über private Vermieter:innen zu bekommen, und forderte mehr Mitbestimmung für Mieterbeiräte. Evers sieht keinen Reformbedarf im Hinblick auf die LWU. Sie müssten wirtschaftlich arbeiten und einerseits den Neubau und andererseits die zahlreichen Sanierungen im Bestand ohne Gelder aus dem Berliner Haushalt stemmen.
Genossenschaften und Wärmewende
Bei der IBB-Reform zur Förderung von Genossenschaften haben die Kandidat:innen vor allem die Vergabe von Grundstücken als Hauptproblem benannt. Bei der Wärmewende kritisierte Graf, dass Gelder aus dem Dekarbonisierungsprogramm der BEW auch in Holzkraftwerke fließen sollen, was wenig nachhaltig sei und für Mieter:innen kostenintensiv werden könne. Evers machte den Rückerwerb des Fernwärmenetzes zu seinem zentralen Hebel, Krach setzte auf Investitionen von Bund und Ländern gegen steigende Nebenkosten.
Soziokulturelle Räume
Eralp warb für ein Programm zum Schutz kultureller Räume, einen Gewerbemietendeckel auf Bundesebene und Mindesthonorare für Solo-Selbstständige. Eine Taskforce soll zeitnah Vorschläge und Lösungen diskutieren, wie Kulturräume geschützt und neue Räume gewonnen werden können.
Schlussrunde: Wohnungslosigkeit
Graf will eine unabhängige Beschwerdestelle und eine ganzjährige Kältehilfe, Krach setzt auf die Umnutzung leerstehender Büroflächen, Eralp fordert einen Räumungsstopp bei den LWU und eine 10-Prozent-Quote für Wohnungslose, Evers verweist auf Housing First mit begleitender Sozialarbeit.
September 2026 / fs
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15.09.2026




