In Lichtenrade haben sich Mieter:innen zur Mietinitiative Nahariyakiez, kurz MiNa, zusammengeschlossen – aus Ärger und Not, weil die Adler Group ihre Wohnanlage seit Jahren vernachlässigt. Die Liste der Mängel ist lang, die Zustände sind für viele Bewohner:innen unerträglich. Die Siedlung zeigt einmal mehr, welche Folgen die Spekulation mit Wohnungen hat. Jetzt machen die Mieter:innen öffentlich Druck: mit einem Brandbrief, den 400 Mieter:innen unterzeichnet haben, und einem Kiezfest zur weiteren Vernetzung.

Die MiNa hat über 200 Mieter:innen aus allen Häusern der Siedlung befragt. Das Ergebnis ist skandalös: Sämtliche Gebäude sind von erheblichen Mängeln betroffen. In ihrem Brandbrief füllt die Aufzählung zwei Seiten. Schimmel in Wohnungen und Treppenhäusern, kaputte Türen und Fenster, Risse im Mauerwerk, Ratten und überquellende Mülltonnen gehören zum Alltag.
Nach Angaben der Mieter:innen läuft die Heizanlage auch außerhalb der Heizperiode weiter. Die Heizkörper in den Treppenhäusern lassen sich nicht regulieren, und die Steigleitungen in den Wohnungen bleiben auch im Sommer heiß. So verschwendet die Anlage Energie und heizt die Wohnungen unerträglich auf – die Kosten tragen die Mieter:innen. Zugleich fällt das Warmwasser immer wieder für mehrere Tage aus. Andernorts können die Bewohner:innen die Wassertemperatur nicht ausreichend herunterregeln.
Auch die Aufzüge sind immer wieder außer Betrieb. In Häusern mit nur einem Fahrstuhl schränkt das alte und mobilitätseingeschränkte Mieter:innen regelmäßig in ihrer Bewegungsfreiheit ein. Doch auch in den funktionierenden Fahrstühlen ist eine Fahrt nicht unbedenklich: Manche halten nicht bündig zur Etage, bei anderen schließen die Türen nicht, sobald sich Personen in der Kabine befinden, oder die Notrufknöpfe sind defekt. „Dann kommen die Mieter:innen aus dem siebten Stock nicht mehr nach Hause, denn niemand trägt sie nach oben – zumindest niemand von der Adler Group“, sagt Mieterin Daniela S.
Weitere Gefahren gehen von undichten Heizkörpern in Treppenhäusern, Schimmel in vielen Wohnungen und offenen Kabelschächten aus. Mehrmals hat die Hausverwaltung eine Untersuchung des Leitungswassers auf Legionellen veranlasst, ohne die Bewohner:innen über das Ergebnis zu informieren. Auf dem Spielplatz berichten Mieter:innen von abgebrochenen Holzteilen, herausragenden Schrauben und fehlendem Sand. Dort möchte man Kinder nicht spielen lassen.
Systematische Verwahrlosung der Adler-Bestände
Die Zustände in der Nahariyasiedlung sind kein Einzelfall – sie sind das Muster eines Konzerns, der seine Bestände systematisch vernachlässigt. In der deutlich größeren Weißen Siedlung in Neukölln kämpfen Mieter:innen schon lange mit ähnlichen Problemen: kaputten Fahrstühlen, Schimmel, Müll, Ratten und Brandschäden, die Adler nicht beseitigt. Über 900 Mieter:innen haben dort einen Brandbrief an die Adler Group unterzeichnet. Der Berliner Mieterverein stärkt der Nachbarschaftsinitiative den Rücken. Die ehemalige Geschäftsführerin Ulrike Hamann-Onnertz brachte es bereits 2025 bei einem Runden Tisch mit Vertreter:innen des Konzerns und Mieter:innen der Weißen Siedlung auf den Punkt: „Wenn der Konzern Adler zu schwach ist, um seine Bestände zu bewirtschaften, sollte er darüber nachdenken, sie an ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen zu übergeben. Eigentum verpflichtet […] zur ordentlichen Bewirtschaftung.“
Hinter diesen Zuständen steht ein Geschäftsmodell, das Wohnungen vor allem als Renditeobjekte behandelt. Die Folgen tragen die Mieter:innen. Doch auch die Adler Group hat nicht gewonnen und steckt tief in der Schuldenkrise. Über Jahre flossen die hohen Mieten in Dividenden, undurchsichtige Netzwerke, Bauvorhaben der Luxusklasse und weitere Ankäufe statt in Instandhaltung und Reparaturen. Bereits 2021 brach der Aktienkurs ein, nachdem Vorwürfe gegen die Bilanzierung laut geworden waren. Die spätere Zinswende verschärfte die Krise: Finanzierungen wurden teurer, Immobilienverkäufe schwieriger und die Bestände verloren zumindest vorübergehend an Wert. Innerhalb von fünf Jahren hat die Aktie mehr als 99 Prozent ihres Werts verloren und notierte Ende August bei rund 13 Cent. Medienberichten zufolge erwägt Adler den Verkauf seines verbliebenen Berliner Wohnungsbestands, der zuletzt rund 17.400 Wohnungen umfasste.
In einer aktuellen Pressemitteilung spricht die Adler Group wiederum von einer „Verbesserung der Kommunikation mit Mieter:innen, Optimierung der Instandhaltungsprozesse und des Immobilienmanagements sowie Umstellung auf klimafreundliche Wärmeversorgung“. Bei den Mieter:innen im Nahariyakiez kommt davon nichts an. Angesichts der anhaltenden Missstände drängt sich der Verdacht auf, dass Adler mit solchen Ankündigungen vor allem das Image und den Wert seiner Bestände stärken will, bevor potenzielle Käufer:innen von der schlechten Presse abgeschreckt werden. Daniela S. fordert den Konzern zum Handeln auf: „Wir möchten Sie erinnern: Eigentum verpflichtet. Bitte kommen Sie dieser Verpflichtung nach.“
Gemeinsam den öffentlichen Druck erhöhen
Mit ihrem Protest wollen die Mieter:innen im Nahariyakiez den öffentlichen Druck erhöhen. 400 Mieter:innen haben den Brandbrief bereits unterzeichnet. Beim Kiezfest im August 2026 auf dem Marktplatz der Siedlung ließ die Initiative ein zehn Meter langes Banner von einem der Häuser herab: „die längste Mängelliste Lichtenrades“.
Die Forderungen der Mieter:innen sind klar:
- Vollständige Beseitigung aller Mängel in allen Häusern
- Sofortige Reparatur aller kaputten Fahrstühle
- Nachhaltige Beseitigung von Schimmel und seinen Ursachen in den Wohnungen
- Ein direktes Gespräch zwischen Adler und den Mieter:innen
- Feste Ansprechpersonen vor Ort
- Transparente und nachvollziehbare Nebenkostenabrechnungen
- Kontinuierliche Reinigung der Häuser und Außenanlagen
Auch in anderen Adler-Beständen haben sich Mieter:innen zusammengeschlossen, etwa in der Weißen Siedlung in Neukölln und in der Angerburger Allee in Charlottenburg. In einer kollektiven Mängelanzeige konnten auch sie erklären, dass sie ihre Miete unter Vorbehalt zahlen: Mieter:innen zahlen zunächst die laufende Miete ohne Minderung weiter, erklären aber im kollektiven Mängelschreiben, später eine angemessene Mietminderung geltend zu machen. In einer gemeinsamen Broschüre mit dem Kiezprojekt erläutert der BMV das kollektive Vorgehen im Detail.
Die Stadtteilgewerkschaft Lichtenrade Solidarisch und das Kiezteam Tempelhof-Schöneberg der Initiative Deutsche Wohnen und Co. enteignen begleiteten die Aktionen und das Kiezfest tatkräftig.
Der Berliner Mieterverein unterstützt den Kampf der Mieter:innen im Nahariyakiez. Wir rufen alle Mitglieder und Leser:innen auf, sich auch in anderen Beständen der Adler Group zu vernetzen und die Initiativen zu stärken.
September 2026 / ml
15.09.2026




