Wo früher zwei Mieter:innen 738 Euro Miete zahlten, teilen sich heute sechs Personen dieselbe Wohnung und zahlen mehr als das Dreifache – mit befristeten Verträgen. In der Siegfriedstraße in Neukölln vermietet die Eigentümerseite immer mehr Wohnungen nach einem Modell, das an Mehrbettzimmer in Hostels erinnert. Darunter leiden die Bewohner:innen, die Hausgemeinschaft und das Angebot an bezahlbarem Wohnraum.
Lukas und Anja* stehen im engen Austausch mit ihrer Hausgemeinschaft und den wechselnden Mieter:innen der befristeten „Wohngemeinschaften“. Sie zeigen uns Bilder dieser überbelegten WGs: In einem Zimmer stehen drei Betten, dazu für jede Person ein kleiner Schrank und ein Schreibtisch. „Das sind absolut prekäre Bedingungen zu vollkommen horrenden Preisen“, sagt Anja.
Der Mietvertrag einer ausgezogenen WG liegt ihnen vor: Die Agentur Shree Living GmbH tritt als Hauptmieterin auf und vermietet die Wohnung an sechs Personen unter. Die Warmmiete inklusive Strom beträgt mehr als 2.200 Euro – ganze 34 Euro pro Quadratmeter. Der Vertrag lief zunächst auf ein Jahr, später verlängerte ihn die Agentur auf 18 Monate. Zuvor hatten zwei Bewohner:innen mit einem regulären Mietvertrag für 738 Euro in der Wohnung gelebt.
Ein Geschäftsmodell breitet sich aus
Aktuell vermietet Shree Living fünf Wohnungen in der Siegfriedstraße 6, Ilsestraße 1 – rund 15 Prozent des Hauses. Das Geschäftsmodell wirft rechtliche Fragen auf. Schon die wiederholte Befristung der Mietverträge deutet darauf hin, dass die gesetzlichen Voraussetzungen dafür möglicherweise fehlen.
Hinzu kommt, dass die Vermietung zum vorübergehenden Gebrauch in Milieuschutzgebieten eine genehmigungspflichtige Nutzungsänderung darstellt, die nach den geltenden Verwaltungsvorschriften nicht genehmigungsfähig ist. Seit April 2026 weist der Senat in diesen ausdrücklich auf die Problematik hin. Zuletzt bestätigte ein Gerichtsurteil, dass Bezirke solche Modelle auch nachträglich untersagen dürfen.
Auch im Nachbarhaus werden immer mehr Wohnungen befristet und überbelegt vermietet. Manche Nachbar:innen sind bereits ausgezogen, weil sie die Probleme nicht mehr aushalten, die damit einhergehen. Mitglieder des Berliner Mietervereins in der Nachbarschaft kämpfen gegen die Befristung ihrer Mietverträge. Denn häufig fehlt ein zulässiger Grund für die Befristung – damit ist diese unwirksam.
Wer hier einzieht
Shree Living wirbt gezielt um Menschen, die neu nach Berlin kommen und mit dem deutschen Mietrecht nicht vertraut sind. Als Kernzielgruppe hat die Agentur junge Studierende aus Indien in den Blick genommen.
Videos auf Social Media laden zu indischen Community-Events ein, präsentieren Wohnungen der Agentur und zeigen Mitarbeiter:innen in komödiantischen Kurzfilmen. KI-generierte Beiträge motivieren auf Hindi, nach Deutschland zu kommen. Andere Beiträge erklären die Anforderungen für Visa und Universitätszugang oder stellen Chancen auf dem Arbeitsmarkt vor – immer in Verbindung mit Werbung für die Apartments, die Interessierte unkompliziert mieten könnten.
Shree Living betreibt sogar ein eigenes Jobportal. Dort bietet das Unternehmen Jobs als Schuster:in, Wartungsarbeiter:in oder Maler:in mit einem Stundenlohn von 15 Euro an. Die Bezahlung übernehme Shree Living oder eine Partnerfirma. Zu diesen Partnerfirmen gehört möglicherweise Wide Vision. Das Unternehmen fiel an der Weberwiese bereits mit einem ähnlichen Modell der befristeten Untervermietung auf. Offenbar richten seine Angestellten auch Wohnungen in der Siegfriedstraße ein, wie die Nachbar:innen erfahren haben.
Wer bei Shree Living wohnt, habe Priorität bei der Jobsuche: „Wir bieten euch Unterkunft, wir bieten euch Jobs“, heißt es auf Instagram. Doch diese Verbindung von Wohnen und Arbeit kann gefährlich werden, wie eine Studie der Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt zeigt.
Die genauen Arbeitsverträge von Shree Living kennen wir nicht. Dennoch könnte die Sorge vor den Konsequenzen im jeweils anderen Bereich Beschäftigte und Mieter:innen davon abhalten, ihre Rechte durchzusetzen. Im schlimmsten Fall hängen Einkommen und Unterkunft vom selben Unternehmen ab. Für ausländische Studierende ist der Verlust der Unterkunft und damit auch der offiziellen Meldeadresse besonders fatal, da dies ihren Aufenthaltsstatus gefährdet.
Wie schwer es für die Bewohner:innen sein kann, ihre Rechte wahrzunehmen, zeigt die Erfahrung einer der Wohngemeinschaften im Haus. Anja berichtet von großer Verunsicherung unter den Studierenden. Ein Anwalt hatte ihnen bestätigt, dass sie wegen Verletzung der Mietpreisbremse für das Mietverhältnis von anderhalb Jahren 18.000 Euro zurückfordern könnten.
Auf jede der sechs Personen entfielen damit 3.000 Euro. Doch die Verunsicherung war größer. Nach ihrer Zeit in Berlin waren die einzelnen WG-Mitglieder getrennte Wege gegangen, einige zogen ins Ausland. Obwohl der Anwalt sie kostenlos vor Gericht vertreten hätte, wollten sie keinen Rechtsstreit aus dem Ausland führen. Zudem hatte Shree Living ihre Kaution noch nicht zurückgezahlt.
Wer daran verdient
In ihrem Kampf sieht sich die Hausgemeinschaft einem mächtigen Gegner gegenüber: Das Haus gehört dem Unternehmen Simcha Properties S.à r.l., das sich in Luxemburg eine Adresse mit anderen Tochterfirmen der Pears Group teilt. Das undurchsichtige Firmengeflecht kontrolliert tausende Berliner Wohnungen. Als die Neuköllner Kneipe „Syndikat“ vor einigen Jahren von einer dieser Tochterfirmen geräumt werden sollte, begann das Team mit Recherchen zu den Hintergründen. Die Presse griff das Thema auf und brachte auch durch die Mitarbeit von Mieter:innen das Ausmaß ans Licht.
Seit 2025 verwaltet die POB Verwaltungs GmbH das Haus. Sie teilt sich mit der Pears Global Real Estate Germany GmbH eine Adresse am Ku’damm und ist über Eigentumsstrukturen mit Führungspersonal anderer Pears-Tochterfirmen verbunden.
Auch Shree Living ist Teil eines beachtlichen Firmennetzwerks: Die drei Geschäftsführer Amit Samuel, Ori Kigel und Rafael Uriel Tichauer führen noch weitere Beteiligungsgesellschaften, die Häuser in Berlin erwerben und verwalten, oder sind als Makler tätig.
Wie viel die Agentur der Eigentümerseite zahlt, ist nicht bekannt. Neben der Umgehung der Mietpreisbremse vermutet die Hausgemeinschaft jedoch eine Verkaufsstrategie: Ab 2021 wandelte die Eigentümerseite das Haus in einzelne Eigentumswohnungen um, die ab 2029 an Dritte verkauft werden können. Die befristeten Mietverträge könnten dazu dienen, die Wohnungen später unbewohnt und damit zu höheren Preisen zu verkaufen.
Ein weiteres Indiz sieht die Hausgemeinschaft in der Verwaltung des Gebäudes. Neuerdings verweist die Hausverwaltung bei Anliegen, die das ganze Haus betreffen, auf die Berlin Residential Hausverwaltung. Diese betreue nun die Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) – eine Verwaltungsform für Häuser mit einzelnen Eigentumswohnungen.
„Wir gehen davon aus, dass die Dachgeschossflächen bereits verkauft wurden, denn sie unterliegen nicht der Verbotsfrist für den Verkauf nach der Umwandlung“, sagt Lukas. Die Ankündigung für den Dachgeschossausbau haben die Mieter:innen bereits erhalten.
Für die Hausgemeinschaft ist die Entwicklung besorgniserregend: Mit jeder regulären Wohnung, die künftig als befristet vermietete WG dient, geht ein dauerhaftes Mietverhältnis verloren.
Wer darunter leidet
Das Geschäftsmodell ist nicht nur für die WG-Bewohner:innen ein Problem: Viele Nachbar:innen sind genervt von den Partys in den WGs. Die häufigen Wechsel der Bewohner:innen erschweren es, eine solidarische Hausgemeinschaft zu pflegen.
Hinzu kommen erhebliche Mängel am Gebäude. Anja berichtet von einem undichten Dach, Wasserschäden, bröckelnder Fassade und unsicheren Balkonen, wegen denen bereits die Wohnungsaufsicht vor Ort war. Eine schwangere Mieterin musste ein halbes Jahr warten, bis Handwerker den Schimmel in ihrer Wohnung entfernten. Um deren Koordination musste sie sich selbst kümmern.
„Das letzte Jahr hatten wir hier Schädlings-Bingo“, beschwert sich Lukas. Neben Ameisen und Tauben machten dem Haus auch Kakerlaken zu schaffen. 14 Wohnungen waren betroffen, darunter die Studierenden-WG im Erdgeschoss. Nach Darstellung der Hausgemeinschaft weigerte sich Shree Living allerdings, die Beschwerden an die Hausverwaltung weiterzuleiten, und machte stattdessen die Bewohner:innen verantwortlich.
Die Hausgemeinschaft bringt den Schädlingsbefall allerdings mit den überquellenden Mülltonnen in Zusammenhang. Durch die Überbelegung fällt immer mehr Müll an, doch weitere Mülltonnen werden von der Hausverwaltung nicht bereitgestellt.
Wer sich wehrt
„Es ist manchmal schwer, den Durchblick zu bewahren“, sagt Anja. Dass die Hausgemeinschaft die Geschäftspraktiken überhaupt sichtbar machen und mit den Studierenden in Kontakt treten kann, verdankt sie ihrer zunehmenden Vernetzung.
Begonnen hat alles mit einem Akt der Solidarität: Als ein Nachbar vor zwei Jahren wegen Mietschulden eine Kündigung erhielt, sammelten die Bewohner:innen Unterschriften, begleiteten ihn bei seinem Gerichtstermin und bauten schließlich so viel Druck auf, dass er bleiben konnte. „Seitdem reden wir miteinander und konnten überhöhte Mieten absenken, Mietminderungen wegen der Mängel erreichen und unzulässige Befristungen abwenden.“
Doch die Hausgemeinschaft fordert auch politische Konsequenzen. Selbst wenn Shree Living mit seinen Befristungen gegen geltende Vorschriften verstößt, ändert das ohne eine konsequente Verfolgung solcher Geschäftsmodelle durch den Bezirk wenig. Die Mieter:innen wünschen sich daher eine starke Wohnungsaufsicht. Sie fordern schärfere Gesetze, damit die Behörden auch bei Mietwucher und Zweckentfremdung handeln können.
Für Lukas geht die politische Debatte am Kern des Problems vorbei: „Es wird so getan, als führe Luxusneubau zu bezahlbarem Wohnraum. Gleichzeitig geht vorhandener, bezahlbarer Wohnraum massenweise verloren, weil die Politik nichts gegen die Zweckentfremdung unternimmt.“
Währenddessen ziehen die nächsten Studierenden ein. Wieder muss die Hausgemeinschaft Kontakt aufbauen, über Mietrechte aufklären und Vertrauen gewinnen. Anja ist ernüchtert: „Wir starten wieder bei Null.“
ml
*Namen geändert.
15.10.2026




