Abreißen, umsiedeln, privatisieren – seit 16 Jahren soll ein Gesetz in Dänemark „Ghettobildung“ bekämpfen und Armutskonzentration verhindern. Europas höchster Gerichtshof hat das zwar missbilligt, aber auch hierzulande wird über die soziale Durchmischung von Quartieren kontrovers diskutiert.

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Im Dezember letzten Jahres fällte der Europäische Gerichtshof (EuGH) ein Urteil, das aufmerken lässt: Das dänische Gesetz gegen Parallelgesellschaften, 2010 als sogenanntes „Ghettogesetz“ erlassen, könnte wegen der Diskriminierung von Einwander:innen gegen EU-Recht verstoßen. Von der damals konservativen Regierung in Dänemark beschlossen und von den folgenden Regierungen auch unter sozialdemokratischer Beteiligung fortgeführt, schafft es die rechtliche Möglichkeit, in Gebieten mit hohem Migrant:innenanteil, hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität, geringer Bildung und vielen einkommensschwachen Familien aktiv in die Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung einzugreifen. Das kann durch den Abriss von Sozialwohnblocks geschehen oder auch durch den Verkauf von Wohnungen an private Vermieter. Die betreffenden Mieter:innen wären so gezwungen, umzuziehen und Besserverdienenden Platz zu machen. Dagegen hatten Bürgerinitiativen beim EuGH geklagt und nun erreicht, dass sich dänische Gerichte mit dem Gesetz beschäftigen müssen. „Diese Anti-Ghetto-Politik findet auch hier ihre Fürsprecher“, erklärt Matthias Bernt, stellvertretender Direktor des deutschen Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung. Der Sozialwissenschaftler verweist damit auf eine Debatte, die hierzulande durchaus kontrovers geführt wird.
Entmischung legt hohes Tempo vor
Als einer der Diskussionsteilnehmer tritt das Kompetenzzentrum Großsiedlungen mit Sitz im Berliner Stadtteil Hellersdorf auf. Die 2001 gegründete Plattform vermittelt im Erfahrungs- und Informationsaustausch zur Zukunft großer Wohngebiete, die bis in die 1980er Jahre überwiegend in Plattenbauweise errichtet worden waren.

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„Berliner Großsiedlungen am Scheideweg?“, fragte 2021 eine Studie des Kompetenzzentrums und wies auf eine problematische Entwicklung hin: Der Anteil von Haushalten mit Transferbezug und in Armut lebender Kinder sei in Großsiedlungen wie Marzahn-Hellersdorf doppelt so hoch wie in anderen Quartieren und würde weiter ansteigen, fasste Bernd Hunger, Stadtsoziologe und Vorstandsvorsitzender des Kompetenzzentrums Ergebnisse der Studie damals zusammen. Die soziale Entmischung schreite in einem hohen Tempo voran. Dazu käme eine gestiegene Zuwanderung, die die Quartiere zusätzlich belaste und Nachbarschaften überfordere: „Drei von vier Kindern und Jugendlichen in den Großsiedlungen im Westteil Berlins haben einen Migrationshintergrund“, beschrieb er die Situation in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Der Stadt- und Regionalsoziologe Matthias Bernt, der sich in seiner Forschungsarbeit mit ostdeutschen Großsiedlungen in Halle, Schwerin und Cottbus beschäftigt hat, gibt ihm in dem Punkt Recht: „Vor allem die Plattenbaugebiete in Ostdeutschland, die in der Vergangenheit gut durchmischt waren, was das Einkommen und den Bildungsgrad betrifft, verarmen massiv.“
Strategie der Durchmischung wirft neue Probleme auf
Allerdings müsse man sich doch fragen, warum gerade Armutshaushalte oder Familien mit Migrationshintergrund dort landen – und dort nicht wieder wegkommen, selbst wenn sie das wollten. Bernt: „Ihnen sind die Wohnungsmärkte der Innenstadt mit ihren hohen Mieten verschlossen.“ Hinzu komme, dass für gerade zugewanderte Menschen klassische Ankunftsquartiere wie etwa Neukölln inzwischen unter starkem Gentrifizierungsdruck ständen.

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Stadtsoziologe Bernt: „Ausländische Haushalte werden von privaten Vermietern bei der Wohnungsvergabe diskriminiert – das ist belegt.“ Die Empfehlung, betroffene Quartiere über eine veränderte Wohnraumvergabe durch kommunale Wohnungsbauunternehmen zu entlasten, hält er für untauglich. Bisher sind diese verpflichtet, 63 Prozent ihrer Neuvermietungen an einkommensschwache Haushalte abzugeben. Die Idee, mit einer niedrigeren Quote mehr Besserverdienende in die Quartiere zu locken, werfe vielmehr ein neues Problem auf: „Diejenigen, denen ich auf diese Weise den Zugang in die landeseigenen Bestände verwehre, müssen dann woanders hin – und werden weiter an den Rand gedrängt, in deutlich schlechtere Wohnbestände etwa bei privaten Vermietern“, so Bernt. Die Idee von der sozialen Mischung findet der Soziologe problematisch: „Das suggeriert, dass alles in Ordnung ist, wenn Armutshaushalte und Besserverdienende nur Tür an Tür wohnten.“

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Dass dies nicht der Fall ist, belegen immer wieder Studien, erklärt die Stadtplanerin Heike Hanhörster. Sie lehrt und forscht an der Technischen Universität Berlin zu den Themen sozialer Zusammenhalt, Diversität und Migration in der räumlichen Planung. „Bloßes Nebeneinanderwohnen ist kein ausschlaggebender Faktor“, so die Wissenschaftlerin. Nachbarn bleiben sich fremd, weil sie aus verschiedenen sozialen Milieus kommen, sich sprachlich kaum verständigen können, ihre Kinder nicht auf die gleichen Schulen schicken und sich in unterschiedlichen Gemeinschaften bewegen. Hanhörster: „Eine solche Mischung bringt wenig, sendet dafür aber negative Signale aus: Wer gehört hierher und wer nicht?“ Statt einer immer polarisierenderen und populistischen Debatte fordert sie sehr viel mehr Akzeptanz und Aufmerksamkeit für Ankunftsquartiere wie Marzahn-Hellersdorf, die durch immer neue Zuwanderung vor zunehmenden Herausforderungen stünden.

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„Ankunftsorte als erster Anker- und Ausgangspunkt sind für die Zuwanderung wichtig – für eine Stadt wie Berlin leisten sie Integrationsarbeit“, so Hanhörster. Sie bedürften deshalb einer langfristigen Strategie und Förderung. Vor allem Investitionen in Bildung seien unerlässlich, um Kindern und Jugendlichen – in den Gemeinschaftsunterkünften immerhin mehr als ein Drittel der Bewohner:innen – Chancen auf eine Zukunft zu geben.
Stadtsoziologe Matthias Bernt gibt ihr Recht: Teilhabe und Mitbestimmung hingen nicht von der Zusammensetzung eines Viertels ab, sondern vom Zusammenspiel persönlicher Verhältnisse und der daraus resultierenden Aufstiegschancen, von vielfältigen Freizeitaktivitäten, Mobilität und guten Wohnverhältnissen. Allerdings sei ein Quartier wie Marzahn-Hellersdorf mit diesen Ansprüchen allein überfordert: „Wenn man an der Konzentration von Armut in den Plattenbaugebieten etwas verändern will, dann ist das eine gesamtstädtische Aufgabe.“
Rosemarie Mieder
Ankunftsquartiere stärken
Beim Ankommen Neuzugewanderter werden die Weichen für eine Integration in die neue Gesellschaft gestellt. „Traditionelle“ Ankunftsquartiere verfügen dafür über erprobte Netzwerke, die etwa bei der Suche nach Sprachkursen, einer Wohnung und einer Arbeit helfen. Stadtgebiete, die erst seit kurzem von internationaler Migration geprägt sind, müssen solche Strukturen erst entwickeln. Ein von der Stiftung Mercator gefördertes Forschungsprojekt verschiedener Institutionen, zu denen auch die TU Berlin gehört, begleitet deutschlandweit zwölf Kommunen über zwei Jahre bei dieser herausfordernden Aufgabe. Das Projekt „Teilhabe in neuen Ankunftsquartieren stärken“ soll lokale Akteur:innen beim Aufbau wichtiger Netzwerke unterstützen, wissenschaftlich begleiten und ihren Austausch fördern.
rm
Mehr dazu unter:
www.ankunftsquartiere-staerken.de/projekt
22.04.2026




