Der Chemiekonzern Bayer hat die Räumungsklagen gegen die Mieter:innen der Häuser Tegeler Straße 6 und 7 kurz vor Prozessbeginn überraschend zurückgenommen. Eine Entwarnung für die abrissbedrohten Häuser ist das aber nicht.

Foto: Christian Muhrbeck
Im Januar 2025 hatte der Konzern gegenüber allen Mietparteien Verwertungskündigungen ausgesprochen. Zur Erweiterung des Weddinger Betriebsgeländes möchte Bayer die gesamte Häuserzeile Tegeler Straße 1-7 und Fennstraße 33/34 abreißen und beruft sich darauf, dass die Fläche im Baunutzungsplan von 1960 als „Arbeitsgebiet“ ausgewiesen ist, womit die dort seit über 100 Jahren stehenden Wohnhäuser planungsrechtlich unzulässig seien. Trotz eines gegenteiligen Rechtsgutachtens teilt das Bezirksamt Mitte die Ansicht Bayers. Auch nach Rückzug der Räumungsklagen hält das Unternehmen am Ziel fest, die Häuser abzureißen. „Bayer bekräftigt die Notwendigkeit der ausgesprochenen Kündigungen, um die Entwicklung des Campus voranzutreiben, setzt jedoch gleichzeitig auch künftig auf einvernehmliche Lösungen“, erklärt Sprecherin Simone Kannapinn. Die bisher angebotenen Ersatzwohnungen waren für die verbliebenen Mieter:innen aber teils zu weit entfernt und vor allem deutlich zu teuer.
Für sie ist mit dem Klagerückzug nicht viel gewonnen. „Die Kündigungen hängen wie ein Damoklesschwert über ihnen“, sagt Sebastian Bartels, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Der Eigentümer könnte jederzeit erneut Klage einreichen. „Bayer sollte auch die Kündigungen für nichtig erklären“, fordert Bartels.
Bayers bisherigen Verlautbarungen zufolge soll die Tegeler Straße 6/7 dem Neubau der Werksfeuerwehr weichen. Der Bezirk würde Bayer aber auch das bisher von der Werksfeuerwehr genutzte bezirkseigene Grundstück an der Sellerstraße weiterhin zur Verfügung stellen. Dem MieterMagazin gegenüber erklärt Sprecherin Kannapinn hingegen, es sollten „zentrale Produktionsbereiche gezielt auf dem westlichen Areal gebündelt“ werden.
Bayers wechselnde Abrissbegründungen wirken nicht gerade seriös. Schon 2016 hat das Unternehmen an der Fennstraße/Ecke Am Nordhafen ein Wohnhaus abgerissen, um dort angeblich eine neue Verwaltungszentrale zu errichten. Von der ist bis heute nichts zu sehen. „Bayer will sich augenscheinlich schlichtweg Beinfreiheit schaffen – auf Kosten der Mieter:innen“, vermutet die Linken-Bezirksverordnete Martha Kleedörfer.
Jens Sethmann
21.04.2026




