Schon im Mai zeigte die Kurzfassung des Monitorings Soziale Stadtentwicklung 2025: Berlins sozialräumliche Spaltung nimmt zu. Jetzt liegen die Langfassung und die Kontext-Indikatoren im Geoportal vor. Wir fassen die wichtigsten Ergebnisse aus Mieter:innensicht zusammen und zeigen, wie Sie nachsehen können, wo Ihr Kiez steht.
Alle zwei Jahre nimmt die Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung die sozialen Lagen in Berlin unter die Lupe. Das Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) untersucht dafür die soziale Lage in 535 von 542 Planungsräumen. Diese kleinen statistischen Gebiete bilden gewissermaßen die Kiezebene Berlins ab. So werden soziale Unterschiede auch innerhalb einzelner Stadtteile sichtbar, die bei einer Betrachtung ganzer Bezirke verborgen bleiben. Berücksichtigt werden Arbeitslosigkeit, Kinder und Jugendliche in alleinerziehenden Haushalten, Transferbezug und Kinderarmut. Daraus entsteht für jeden untersuchten Planungsraum ein sozialer Status und eine Bewertung seiner Entwicklung.
Das Monitoring ist kein Armutsbericht. Es untersucht auch nicht, wie steigende Mieten oder Wohnkosten die soziale Zusammensetzung einzelner Quartiere verändern. Es zeigt aber sehr genau, wo sich soziale Benachteiligung innerhalb Berlins konzentriert und wie sich diese Verteilung räumlich verschiebt. Für eine Stadt, in der die Wohnkosten wesentlich darüber mitentscheiden, wo Menschen leben können, sind das wichtige Informationen.
1. Soziale Benachteiligung verlagert sich an den Stadtrand
Im längerfristigen Vergleich zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiebung: In der Inneren Stadt hat die soziale Benachteiligung seit 2020 im Verhältnis zum Berliner Durchschnitt abgenommen. 2024 liegt sie erstmals unter dem gesamtstädtischen Vergleichswert. In der Äußeren Stadt verläuft die Entwicklung umgekehrt: Dort liegt die soziale Benachteiligung erstmals über dem Berliner Durchschnitt.
Das bedeutet nicht, dass die bekannten sozialen Problemlagen in der Innenstadt verschwunden wären. In Gesundbrunnen, Kreuzberg und Neukölln gibt es weiterhin Gebiete mit hoher sozialer Benachteiligung. Zugleich weisen mehrere dieser Planungsräume eine positive Dynamik auf – ihre soziale Lage entwickelte sich also günstiger als im Berliner Durchschnitt. Besonders negative Entwicklungen finden sich dagegen verstärkt in der Äußeren Stadt, unter anderem in Spandau und Treptow-Köpenick. Insgesamt entwickeln sich rund drei Viertel der untersuchten Planungsräume weitgehend stabil.
Für die Stadt- und Wohnungspolitik ist die Verschiebung an den Stadtrand ein wichtiges Warnsignal. Soziale Problemlagen sind längst nicht mehr vor allem eine Herausforderung der bekannten innerstädtischen Quartiere. Zunehmend geraten auch Gebiete in der Äußeren Stadt in den Blick. Die Verschiebung könnte zudem ein Hinweis auf die Verdrängung von Menschen aus den Innenstadtlagen sein. Ziemlich sicher ist, dass bezahlbarer Wohnraum inzwischen fast nur noch in den Berliner Randlagen zu finden ist.
2. Rund 440.000 Menschen leben in Gebieten mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf
57 der 535 untersuchten Planungsräume stuft das Monitoring als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ ein. Als solche gelten Planungsräume mit sehr niedrigem sozialen Status sowie Gebiete mit niedrigem Status und zugleich negativer Dynamik.
2024 lebten dort rund 441.000 Menschen – 11,3 Prozent der Bevölkerung in den untersuchten Planungsräumen. Beim Monitoring 2023 waren es rund 380.000 Menschen beziehungsweise 9,8 Prozent.
Zwölf Planungsräume sind im Vergleich zum Monitoring 2023 neu hinzugekommen, fünf fallen nicht mehr in diese Kategorie. Unter den neuen Gebieten liegen allein vier in Spandau sowie jeweils zwei in Neukölln und Reinickendorf.
Für Mieter:innen ist dieser kleinräumige Blick entscheidend: Berliner Durchschnittswerte sagen wenig darüber, wie es im eigenen Kiez aussieht. Dort aber entscheidet sich, ob sich Menschen ihre Wohnung und ihr Umfeld weiter leisten können.
3. Kinderarmut geht zurück – bleibt aber auf hohem Niveau
Laut dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung gibt es auch positive Entwicklungen. Der Anteil der unter 15-Jährigen, deren Familien Grundsicherung beziehen, ist weiter gesunken und lag 2024 bei 23,3 Prozent – 1,2 Prozentpunkte weniger als 2022.
Auch andere Indikatoren entwickeln sich demnach im Berliner Durchschnitt positiv. Der Anteil der nicht arbeitslosen Menschen, die Transferleistungen nach SGB II oder XII beziehen, sank von 11,3 auf 10,7 Prozent.
Von Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Noch immer lebt fast jedes vierte Kind unter 15 Jahren in einer SGB-II-Bedarfsgemeinschaft.
Für Mieter:innenhaushalte erzählen diese Sozialindikatoren allerdings nicht die ganze Geschichte. Gerade bei niedrigen Einkommen entscheidet die Höhe der Wohnkosten wesentlich darüber, wieviel Geld nach Zahlung der Miete noch zum Leben bleibt. Diese Belastung bildet das Monitoring nicht ab.
4. Die Arbeitslosigkeit entwickelt sich gegen den Trend
Während drei der vier zentralen Indikatoren rückläufig sind, steigt die Arbeitslosigkeit wieder. Der Anteil der Arbeitslosen nach SGB II nahm berlinweit von 4,6 Prozent im Jahr 2022 auf 5,1 Prozent im Jahr 2024 zu. In jedem der zwölf Bezirke gibt es mehr Planungsräume mit steigender als mit sinkender Arbeitslosigkeit.
Besonders auffällig ist der Zusammenhang mit den Gebieten, die neu als Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf eingestuft werden: Bei zehn der zwölf Planungsräume ist zugleich der Anteil der Arbeitslosen nach SGB II gestiegen.
Auch das mahnt zur Vorsicht bei einfachen Erklärungen. Die soziale Entwicklung eines Kiezes hängt von vielen Faktoren ab – vom Arbeitsmarkt über Einkommen und Transferbezug bis zur Bevölkerungs- und Wohnungsmarktentwicklung.
Die Langfassung und die seit dem 29. September 2026 im Geoportal verfügbaren Kontext-Indikatoren ermöglichen einen detaillierten Blick auf einzelne Quartiere. Öffnen Sie dazu zunächst die Website des Geoportals.1. Karte öffnen und aktivieren
Wählen Sie unter „Karten“ den Bereich „Fachkarten“ und klicken Sie das Pluszeichen neben „Indizes (Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) 2025)“. Setzen Sie anschließend das Häkchen bei „Gesamtindex Soziale Ungleichheit (Status/Dynamik-Index) (Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) 2025)“. Ohne dieses Häkchen bleibt die Karte leer.
2. Den eigenen Kiez anklicken
Zoomen Sie zum gewünschten Kiez und klicken Sie auf die farbige Fläche. Das eingeblendete Fenster nennt den Planungsraum und die Einwohnerzahl und zeigt die Bewertung direkt im Klartext an – zum Beispiel „Status niedrig, Dynamik positiv“.
Der Status beschreibt, wie stark die soziale Benachteiligung im Vergleich zu anderen Berliner Planungsräumen ausgeprägt ist. Die Dynamik zeigt, wie sich der Planungsraum im Verhältnis zur gesamtstädtischen Entwicklung verändert hat. Eine „positive Dynamik“ bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass sich dort alle Werte absolut verbessert haben.
3. Genauer hinschauen
Im Ordner „Monitoring Soziale Stadtentwicklung (MSS) 2025“ können Sie weitere Karten einblenden – darunter die Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und die 20 Kontext-Indikatoren. Sie liefern zusätzliche Informationen etwa zu Altersarmut, Wohnsituation sowie Zu- und Fortzügen und helfen so, die Entwicklung des eigenen Kiezes genauer einzuordnen.
Die soziale Frage verschiebt sich
Das Monitoring ist ausdrücklich als Hinweis- und Frühwarnsystem gedacht. Darin liegen seine Stärken, aber auch seine Grenzen. Es zeigt sehr kleinräumig, wo soziale Benachteiligung besonders ausgeprägt ist oder sich ungünstig entwickelt. Es erklärt nicht automatisch, warum das geschieht.
Die Ergebnisse zeigen aber eine langfristige Verschiebung innerhalb der Stadt: Die soziale Frage Berlins hat sich schwerpunktmäßig längst auf die Berliner Randlagen verlagert.
Der Berliner Mieterverein fordert den künftigen Senat deshalb auf, die Warnsignale ernst zu nehmen:
Wohnkosten mitmessen. Ob steigende Mieten und Verdrängung zur Verschiebung an den Stadtrand beitragen, lässt sich aus dem Monitoring nicht ablesen. Das Land sollte Daten zu Mietentwicklung, Wohnkostenbelastung und Umzügen erheben und mit dem Monitoring zusammenführen.
Bezahlbaren Wohnraum am Stadtrand sichern. In den Großsiedlungen der Äußeren Stadt gehören viele Wohnungen den landeseigenen Wohnungsunternehmen. Dort hat das Land es selbst in der Hand, Mieterhöhungen zu begrenzen und Haushalte mit kleinen und durchschnittlichen Einkommen zu schützen.
Früh handeln. Wo Quartiere neu als Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf eingestuft werden, müssen soziale Infrastruktur und Mieterberatung vor Ort gestärkt werden, bevor sich Probleme verfestigen.
Das Monitoring liefert keine fertigen Antworten. Aber es zeigt, wo die Politik jetzt hinschauen muss.
sk
15.10.2026




