Leben in der Großstadt, das bedeutet: viele Menschen auf engem Raum, immer was los, schier endlose Möglichkeiten. Dennoch fühlt sich jede:r zehnte Berliner:in einsam. Das hat Folgen für die Gesundheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was lässt sich gegen Einsamkeit unternehmen? Ein Blick auf Berlin und über die Stadtgrenzen hinaus.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Einsamkeit zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen. Weltweit sterben einem 2025 veröffentlichten WHO-Bericht zufolge 871.000 Menschen jährlich an den Folgen von Einsamkeit – das sind 100 Menschen pro Stunde. Denn Einsamkeit und soziale Isolation erhöhen unter anderem das Risiko für Schlaganfälle, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Menschen, die sich einsam fühlen, haben ein doppelt so hohes Risiko wie andere, an einer Depression zu erkranken. Dass das Gefühl, es mangele an sozialer Einbindung, Menschen so empfindlich trifft, ist auch evolutionsbiologisch zu erklären: Wer sich in der frühen Menschheitsgeschichte zu weit von der Gruppe entfernte, hatte eine deutlich geringere Überlebenschance.

Während noch vor einigen Jahren vor allem ältere Menschen als einsamkeitsgefährdet galten, sind seit der Corona-Pandemie auch viele Jüngere betroffen. Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung kam 2024 zu dem Ergebnis, dass 46 Prozent der 18- bis 30-Jährigen in Deutschland sich einsam fühlen, jede:r Zehnte sogar sehr einsam. Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Gesundheit aus, sondern hat auch gesamtgesellschaftliche Folgen: Wer sich als junger Mensch nicht eingebunden fühlt, ist unzufriedener mit der Demokratie, engagiert sich seltener gesellschaftlich und ist empfänglicher dafür, sich politisch zu entfremden und zu radikalisieren. Dies hat die Bertelsmann Stiftung 2025 im Rahmen einer weiteren Studie ermittelt. Einsamkeit ist also keinesfalls nur ein individuelles Problem, sondern hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft: Das Gesundheitssystem wird belastet, die Demokratie gefährdet. Laut WHO leidet zudem die Wirtschaft massiv durch einen Rückgang der Produktivität.
Nicht nur das Alter spielt eine Rolle bei der Frage, wer besonders gefährdet ist, sondern auch das Geschlecht – Frauen fühlen sich häufiger einsam als Männer – und die Faktoren Bildung und Gesundheit. Wer gebildeter ist, verdient häufiger mehr Geld und kann sich Teilhabe kaufen: den Konzertbesuch, die Sportstudio-Mitgliedschaft oder das Getränk im Café um die Ecke. Wer physisch oder psychisch eingeschränkt ist, lebt oft zurückgezogener und ist dadurch einsamkeitsgefährdeter. Menschen, die Care-Arbeit leisten, und Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung sind dem Kompetenznetz Einsamkeit zufolge ebenfalls häufiger betroffen.
Jeder zweite Berliner lebt allein
In Berlin lebt heute etwa jeder zweite Mensch allein. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben Singlehaushalte immer weiter zugenommen, unter anderem durch die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft und die steigende Lebenserwartung. Natürlich ist Alleinleben nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen. Nicht selten begünstigt aber das eine das andere. In der Anonymität der Großstadt ist es leicht, durchs soziale Netz zu fallen – in vielen Lebenssituationen: Da ist die neu zugezogene Studentin, die keinen Anschluss findet, der Geflüchtete, für den die Sprachbarriere zu groß ist, oder die Seniorin, die seit dem Tod ihres Mannes niemanden mehr hat, mit dem sie sich austauschen kann.

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Die zahlreichen negativen Folgen von Einsamkeit haben dazu geführt, dass Politik und gesellschaftliche Akteur:innen sich zunehmend des Themas annehmen. In zahlreichen Berliner Initiativen engagieren sich Ehrenamtliche, besuchen etwa Senior:innen zu Hause oder bieten telefonische Beratung. Auf Bezirksebene ist Reinickendorf Vorreiter in Sachen Einsamkeitsbekämpfung. 2024 nahm hier die erste (und bisher einzige) bezirkliche Einsamkeitsbeauftragte ihre Tätigkeit auf. Der Bezirk hat im vergangenen Jahr eine eigene Kampagne zum Thema sowie einen „Einsamkeitsgipfel“ durchgeführt und listet auf seiner Website Angebote gegen Einsamkeit, darunter Stammtische und „Quasselbänke“ – die neun bunt gestalteten Bänke stehen im Bezirk verteilt und laden dazu ein, sich niederzulassen und mit anderen ins Gespräch zu kommen. Eine weitere Idee: eine „Plauderkasse“ im Supermarkt, an der sich die Kassierer:innen Zeit für die Kund:innen nehmen und ihnen ein offenes Ohr schenken (bisher umgesetzt bei einem Rewe-Markt in Tegel). Im Juni 2026 gab mit Tempelhof-Schöneberg ein zweiter Bezirk bekannt, ebenfalls eine Beauftragtenstelle schaffen und sich mit dem Thema „konsequent in der Praxis“ auseinandersetzen zu wollen.

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Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften setzen vor allem auf Orte, an denen man sich mit Nachbar:in-nen austauschen kann: Nachbarschaftstreffs, Gemeinschaftsgärten, multifunktionale Räume für Veranstaltungen oder Co-Working-Spaces. Ein weiterer Ansatz ist das genera-tionenübergreifende Wohnen: Ältere Menschen und Berufsanfänger:innen teilen sich eine Wohnung, helfen sich im Alltag gegenseitig und verhindern so soziale Isolation.
„Begegnungsarchitektur“ erhalten
Wichtig gegen Einsamkeit sind Expert:innen zufolge sogenannte „Third Places“ („Dritte Orte“) neben dem Wohnort und dem Arbeitsplatz, an denen niedrigschwellig Austausch entstehen kann. Typische Beispiele sind Bibliotheken, Parks oder Jugendtreffs. Gerade in Zeiten, in denen jeder Quadratzentimeter Stadtraum mit Gold aufgewogen wird, dürfen diese Orte nicht abgeschafft werden, sondern müssen als „Begegnungsarchitektur“ unbedingt erhalten bleiben. Wichtig dabei ist es auch, dass die Third Places so barrierearm wie möglich gestaltet werden, sodass sie allen eine Teilhabe ermöglichen, etwa durch kostenlose Angebote, stufenfreie Eingänge oder gute Ausleuchtung am Abend.
Nicht zu vergessen: Menschen, die aus ihrem angestammten Kiez verdrängt werden, weil sie sich ihre Mieten nicht mehr leisten können, sind stark einsamkeitsgefährdet. Denn ihnen bricht nicht nur die Wohnung, sondern auch die angestammte Nachbarschaft weg. Insofern ist auch der Kampf gegen Verdrängung einer gegen Einsamkeit.
Katharina Buri
Wege aus der Einsamkeit
Großbritannien machte 2018 weltweit Furore, als das Land ein Ministerium gegen Einsamkeit einführte und damit deutlich machte, welche Bedeutung es dem Thema einräumt. Interessant ist auch der britische Ansatz des „Social Prescribing“, bei dem Patient:innen ergänzend zu einer medizinischen Behandlung soziale Aktivitäten „verschrieben“ werden – das Deutsche Ärzteblatt spricht von einem „zukunftsträchtigen“ Ansatz.
Gleiches dürfte auch für eine App gelten, die ein Absolvent der Berliner Humboldt-Universität ins Leben rief: Silvan Hornstein stellte fest, dass sich viele Angebote gegen Einsamkeit an ältere Menschen richten. Mit einer digitalen Anwendung wollte er auch Jüngere, die sich einsam fühlen, erreichen. Der sechswöchige Präventionskurs über seine App platoniq (www.platoniq.health) wird inzwischen von den gesetzlichen Krankenkassen unterstützt.
Neue Ansätze bietet auch die KI: Laut einer Untersuchung von Bitkom, dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche, äußerten 26 Prozent der KI-Nutzer:innen, die KI fühle sich manchmal wie eine Bezugsperson an. Ob KI-Chatbots für den alltäglichen Austausch oder KI-gestützte Roboter-Haustiere in der Pflege: Hier tut sich ein weites Feld auf, wenn auch nicht ohne Fallstricke.
kb
Das Kompetenznetz Einsamkeit bündelt auf seiner Website Informationen zum Thema und konkrete Hilfsangebote für Betroffene, etwa Telefonhotlines, die sich auch auf einer „Angebotslandkarte“ räumlich verorten lassen:
kompetenznetz-einsamkeit.de
„Einfach mal reden“ bietet „Silbernetz“ an, ein ehrenamtliches Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter:
Hotline 0800 470 80 90 oder 030 544 53 300
Unter www.berlin.de/ba-reinickendorf/politik-und-verwaltung/beauftragte/einsamkeit
kann man mehr über Reinickendorfs Initiativen gegen Einsamkeit erfahren.
29.10.2026




