Dass hier einmal eine Behörde untergebracht war, ist nicht zu übersehen. „Haus 4“ steht noch über dem Eingang des Plattenbaus. Der Fahrstuhl hält direkt in den Fluren der Wohnungen, und von den langen Gängen gehen viele Zimmer ab, jedes 16 Quadratmeter groß.

Foto: Nils Richter
Wie wohnt es sich in einem ehemaligen Stasi-Bau? Im Fall der Magdalenenstraße 19 erstaunlich günstig und zudem selbstverwaltet. Beim Umbau wurde darauf geachtet, möglichst wenig an der Struktur zu ändern, um Kosten zu sparen, erklärt Hannes, ein Mitbegründer des Hausprojekts „WilMa 19“. So wurden nur wenige Durchbrüche vorgenommen, etwa um große Gemeinschaftsbereiche zu schaffen. Obwohl praktisch alles neu gemacht werden musste, von den Fenstern über die Elektrik bis hin zur Heizung, zahlen die 60 Mieter:innen heute nur 5,25 Euro netto kalt pro Quadratmeter (rund 7,50 Euro warm). „Hinter uns steht eben keiner, der Profit machen will“, sagt Hannes.
Die Umwidmung des Bürogebäudes war kompliziert
Alles fing vor über 15 Jahren mit dem Wunsch an, einem verrückt gewordenen Wohnungsmarkt zu entkommen. Hannes gehörte zu einer Gruppe von rund 30 Personen, die auf der Suche nach einem Haus waren: „Uns war klar, wenn wir in 20 oder 30 Jahren noch in Berlin leben wollen, müssen wir raus aus dem klassischen Mietverhältnis.“ Lange suchten sie vergeblich, schließlich kamen sie in Kontakt mit einem Architekten, der in der ersten Runde des Bieterverfahrens für die Magdalenenstraße 19 den Zuschlag bekommen hatte. Weil es sich um ein Bürogebäude handelte, konnten sie den Sechsgeschosser schließlich für lediglich 1 Million Euro erwerben – mit Hilfe des Mietshäuser-Syndikats und mit Direktkrediten aus dem Bekanntenkreis. Weitere 1,3 Millionen Euro kosteten Umbau und Sanierung. In dem Plattenbau waren zu DDR-Zeiten Büros der Abteilungen für Auslands- und Fotoaufklärung der Staatssicherheit untergebracht. Nach dem Mauerfall zog das Arbeitsamt ein, später die Telekom. Die Umwidmung in Wohnnutzung war langwierig und kompliziert, denn der Bund und das Land Berlin hatten unterschiedliche Auffassungen darüber, was mit dem Gebäude passieren soll. Es gab Überlegungen, es in den Campus für Demokratie einzubinden, der ab 2012 auf dem Areal der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg entstanden ist.

Foto: Nils Richter
Nach nur 10 Monaten Bauzeit konnten die Wohnungen 2015 bezogen werden. Heute wohnt dort eine sehr gemischte Bewohnerschaft. Unten im Eingangsbereich stehen Rollatoren einträchtig neben Kinderwagen und Lastenrädern. Jede Etage ist anders aufgeteilt, je nach Bedarf. Von der Single-Wohnung bis zur 16er-WG ist alles dabei. Hannes wohnt mit weiteren sieben Erwachsenen und einem Kind auf einer Etage.
Alle Belange rund um das Haus werden gemeinsam entschieden, so auch kürzlich der Bau einer Solaranlage mitsamt Dämmung. Die Selbstverwaltung mache schon viel Arbeit, funktioniere aber sehr gut und spare Kosten, erklärt Hannes. Neben einem regelmäßigen Plenum gibt es verschiedene Arbeitsgemeinschaften, etwa eine Bau-AG, eine Garten-AG und auch eine AG, die die Betriebskostenabrechnungen macht. Die Fluktuation im Haus ist – wen wundert’s – gering. Hannes jedenfalls ist rundum happy. „Es fühlt sich gut an, auf Dauer bezahlbar wohnen zu können.“
Birgit Leiß
Prinzip Mietshäuser-Syndikat
Eigentümerin der Magdalenenstraße 19 ist eine GmbH, bestehend aus zwei Gesellschaftern: dem eigens gegründeten Hausverein und dem Mietshäuser-Syndikat aus Freiburg. Ein Verkauf des Hauses wäre nur möglich, wenn beide Gesellschafter zustimmen. So sollen die Häuser langfristig dem Immobilienmarkt entzogen werden. Das Syndikat gibt selbst kein Geld zum Hauskauf, berät aber beim Finanzierungskonzept. Bundesweit gehören rund 200 selbstorganisierte Hausprojekte dem Syndikat an.
bl
29.10.2026




