Der Architekt Erwin Gutkind war stilprägend für das „Neue Bauen“ während der Weimarer Republik. Seine eigenwilligen Wohnanlagen waren künstlerischer als die betont funktionalen Bauten seiner Kollegen. 1933 musste Gutkind vor den Nazis fliehen. Danach hat er nicht mehr als Architekt gearbeitet.

Foto: Katherine Gutkind
Vielleicht war Erwin Gutkind sogar der Urheber des Begriffes „Neues Bauen“. 1919 brachte er als Referent im Reichsarbeitsministerium das programmatische Buch „Neues Bauen – Grundlagen zur praktischen Siedlungstätigkeit“ heraus. „Die Wohnungen und Wohnquartiere der großstädtischen Massen Berlins sind bisher nichts anderes als schlechtere Auflagen der auf das wohlhabende Bürgertum zugeschnittenen Behausungen“, schreibt er. Die „Gesundung Berlins“ sei „nur durch starke Dezentralisation denkbar“. „Wohnung muß bedeuten: Haus und Nutzgarten“, so Gutkind. Der Garten soll der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse dienen und somit zu einer „mittelbaren Entlastung der Miete“ führen. Als er das schrieb, hatte er selbst noch kein einziges Haus entworfen.
Erwin Anton Gutkind wurde am 20. Mai 1886 in Berlin als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Nach Studium und Promotion an der Technischen Hochschule Charlottenburg trat er 1914 in den Staatsdienst ein. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution wurde er Planungsberater für den Wiederaufbau in der Waffenstillstandskommission und Mitglied in der Sozialisierungskommission für das Wohnungswesen.

Foto: Mirka Pflüger
Mit eigenen Bauprojekten trat Gutkind erst 1923 auf den Plan. An der Heerstraße entstand bis 1925 die Flachbausiedlung Staaken: 21 freistehende Doppelhäuser mit angebauten Ställen und umgebenden Gärten. Die Bauweise unterschied sich fundamental von der traditionell-bodenständigen Architektur der bisherigen Gartenstadt-Projekte. Gutkinds Häuser wiesen Flachdächer auf, glatte Flächen, kantige Formen und liegende Fensterformate. Weil das den Leuten damals orientalisch vorkam, bekam die Siedlung von der Eigentümergesellschaft den Namen „Neu-Jerusalem“. Die 21 Häuser waren alle gleich. Durch die Typisierung konnten Kosten gespart werden. Ein weiteres Gebäude wurde sogar aus vorfabrizierten Bauteilen zusammengesetzt. Die Häuser waren auf Familien zugeschnitten, doch wurden sie anfangs von Schülern der Fliegerakademie am nahen Luftschiffhafen bewohnt.
In Wittenau entwarf Gutkind von 1924 bis 1927 Erschließungspläne sowie Einzel- und Reihenhäuser für die Siedlungen Stadtpark und Grünlandweg, die auch noch der Gartenstadtidee folgten.
Von der Gartenstadt zur radikalen Urbanität
Dagegen ist der 1924/25 an der Thulestraße in Pankow gebaute Wohnblock mit seinen vier Geschossen ausgesprochen städtisch. Hier hat Gutkind die Horizontale extrem betont: Die Fenster sind nicht nur breit und niedrig, sondern auch noch durch Lamellen unterteilt und mit farblich abgesetzten Bändern zusammengefasst. Das hohe, verklinkerte Dachgeschoss scheint schwer zu lasten, während zwei weiß verputzte Treppenhäuser an den Blockecken mit schmalen Fensterschlitzen trutzig wirken. Das Treppenhaus an der stumpfen Ecke Talstraße/Eschengraben ist hingegen verglast und lässt die Stahlbetonkonstruktion erkennen.

Foto: Mirka Pflüger
Die Wohnungen haben keine Balkone – ein klarer Verstoß gegen die Förderbestimmungen. Vermutlich erhielt der Bau eine Ausnahmegenehmigung, weil auf dem Dach ein umlaufender Garten geplant war. Aus Kostengründen wurde er aber nie angelegt.
Die ungewöhnliche Architektur kam in der Bevölkerung zunächst nicht gut an. Angesichts der Reihen von kleinen Fenstern nannte der Volksmund den Block „Zuchthaus“, die schwarzen Türzargen und Fensterlaibungen wurden als „Trauerränder“ bezeichnet.
Gutkinds Kollege Bruno Taut hat ihn dafür kritisiert, dass seine Bauten nicht dem Grundsatz der modernen Architektur entsprächen, wonach das äußere Erscheinungsbild die innere Funktionsaufteilung widerspiegeln müsse („Form follows function“). In der Tat hat Gutkind seine Architektur mehr mit Blick auf die städtebauliche Wirkung entworfen und dafür auch Nachteile bei den Wohnungsgrundrissen in Kauf genommen. So liegen bei manchen Ecklösungen die Balkone mal an einer Kammer, mal an der Küche oder gar am Flur.
Beim 1925/27 errichteten Sonnenhof in Friedrichsfelde fallen die vier Ecken als Erstes ins Auge. In dem langgestreckten Baublock wird die glatte Fassade mit ihren umlaufenden weißen Putz- und roten Klinkerbändern durch die zurückgesetzten Ecktreppenhäuser unterbrochen. Links und rechts von Balkonen flankiert, wirken sie wie Scharniere. Solche plastischen Eckgestaltungen wurden zu Gutkinds Markenzeichen. Ansonsten haben alle Wohnungen ihre Balkone auf der Hofseite – unabhängig von der Himmelsrichtung. Eine vielbeachtete Besonderheit war der Kindergarten in einem vollverglasten Pavillonbau in der Mitte des grünen Hofes.

Foto: Mirka Pflüger
Beim 1928 fertiggestellten Pfahlerblock gliederte Gutkind die langen Straßenfronten zur Pfahler- und Kienhorststraße mit regelmäßigen Rücksprüngen aus der Bauflucht. An der Ollenhauerstraße beeindrucken die beiden Kopfbauten mit vollverglasten Wintergärten. Im Laufe der Jahre gestaltete Gutkind seine Wohnanlagen immer zurückhaltender. Die schräg gegenüberliegende Wohnanlage „Reinickendorf II“ von 1929 hat sogar traditionell senkrecht unterteilte Fenster.
„Jedem sein Häuschen ist Romantik“
Von der Gartenstadtidee hatte er sich inzwischen abgewandt: „Auf einem Stück Land von etwa 800 m2 kann kein Mensch sterben und leben“, stellte er 1932 fest. „Kein vollkommen Erwerbsloser kann selbst bei Zunahme von Pachtland auch nur den bescheidensten landwirtschaftlichen Nutzen davon haben.“ Die Parole „Einem jeden sein Häuschen“ sei „gefährlichste Romantik“.

Foto: Mirka Pflüger
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh der als „Kulturbolschewik“ Verfemte im April 1933 nach Paris, zwei Jahre später ließ er sich in London nieder, wo er bei Null anfing. Es gelang ihm noch, seine beiden Kinder aus Deutschland herauszuholen. Seine seit Ende der 20er Jahre von ihm getrennt lebende Ehefrau Margarete blieb bei Erwin Gutkinds Mutter in Berlin. Beide wurden 1942 deportiert und ermordet. 1945 wurde er in die britische Kontrollkommission zum Wiederaufbau Deutschlands berufen. Deutschland und seine Geburtsstadt Berlin betrat er aber nur noch einmal für einen Kurzbesuch 1960. 1956 ist er für einen Lehrauftrag in die USA übersiedelt. Er starb am 7. August 1968 in Philadelphia.
Jens Sethmann
Was ist geblieben?
Neu-Jerusalem lag nach dem Krieg im abgetrennten West-Staaken und gehört damit zur DDR. Die stark vernachlässigten Häuser wurden 2012 an verschiedene Eigentümer verkauft und werden seit 2014 denkmalgerecht saniert. In der Pankower Wohnanlage ist die Ecke Eschengraben/Hardangerstraße nach Kriegszerstörungen völlig stilfremd wiederaufgebaut worden. Im Sonnenhof ist 1972 das Dachgeschoss ausgebaut worden. Dabei hat man sich zwar am Bestand orientiert, aber das ursprüngliche Erscheinungsbild ist deutlich verfälscht. Der Kindergarten wird auch heute noch genutzt.
js
25.09.2026




