Genossenschaften können zentrale Akteure gesellschaftlicher Veränderung sein und eine Alternative zu anderen Anbietern auf dem überhitzten Wohnungsmarkt darstellen, wenn es gelingt, sie politisch zu stärken, zu demokratisieren und auszubauen. Das ist die Kernthese einer neuen Analyse.

Foto: Sabine Mittermeier
Günter Piening, Journalist und selbst begeisterter Genossenschafter, hat für die Linken-nahe Rosa-Luxemburg-Stiftung analysiert, welchen Beitrag Genossenschaften dabei spielen könnten, den Mietmarkt zu transformieren. Er stützt sich dabei auf die Transformationstheorie des marxistischen US-Soziologen Erik Olin Wright. Dieser sieht drei grundlegende Wege zur Transformation: Den Bruch („ruptural“), das Besetzen von Nischen („interstitial metamorphosis“) sowie Forderungen an und politische Umsetzung durch den Staat („symbiotic metamorphosis“). Piening untersucht die beiden Wege jenseits des revolutionären Bruchs. Beim Besetzen von Nischen könnten Genossenschaften als Labor für Alternativen abseits des Marktes dienen. Dennoch sieht er diesen Weg als wenig erfolgversprechend an, da Genossenschaften vereinzelt blieben und bei ihrem Wachstum an Grenzen stießen.
Demokratie und Selbstverwaltung
Auch bei der staatsorientierten Transformation – konkret: Reformen – sieht der Autor Grenzen des Möglichen und führt als Beispiel die Berliner Senatspolitik unter linker Beteiligung zwischen 2015 und 2022 an. Diese habe nicht verhindert, „dass Eigentum konzentrierter denn je ist, die Wohnkosten weiter steigen und private Investoren das Geschehen dominieren“. Wie auch Wright kommt er zu dem Schluss, dass beide Ansätze miteinander verknüpft werden sollten. Dafür müssten Genossenschaften aus der ergänzenden Rolle herausgelöst und als strukturelle Alternative aufgebaut werden. Aus Pienings Sicht braucht es dafür Veränderungen in vier Handlungsfeldern: Zum einen müsse der nicht profitorientierte Sektor rechtlich verankert und gestärkt werden – indem Gemeinwohlorientierung verbindlich wird, etwa durch soziale Prüfberichte und die Koppelung von Fördermitteln an strikte Gemeinwohlbindung. Weiterhin müsse die Demokratisierung der Genossenschaften gesetzlich abgesichert werden, beispielsweise durch mehr Rechte, Kontrollmöglichkeiten und Mitgliederentscheide. Genossenschaften müssten zudem als Bollwerke gegen Gentrifizierung etabliert werden, mit entsprechenden Vorkaufsrechten und Ankaufprogrammen. Und schließlich müssten Genossenschaften weg vom „Mittelschichtsprivileg“ und sich auch Menschen mit geringem Einkommen öffnen, etwa durch WBS-Quoten.

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Piening stellt sich zur Umsetzung Kampagnen vor, auf der institutionellen Ebene ein Kompetenzzentrum „Gemeingut Wohnen“. Er sieht nicht nur linke Parteien in der Pflicht, sondern auch Mieter:innen-Organisationen, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft. Erste Vorstöße in diese Richtung sieht er im „Bündnis UNSERE STADT! klimagerecht und bezahlbar“ zur Abgeordnetenhauswahl 2026 und in der Kampagne „Deutsche Wohnen & Co enteignen“. Gelingt die Transformation, so der Autor, sei dies der Beweis, „dass eine demokratische und selbstverwaltete Alternative zum zerstörerischen Markt“ möglich sei.
Katharina Buri
Genossenschaften in Berlin – ein buntes Bild an Größe und Alter
Gut elf Prozent der Berliner Mietwohnungen – 190.000 – sind in genossenschaftlicher Hand. Sie verteilen sich auf mehr als 80 Genossenschaften. Deren Größe variiert stark: Den in den letzten 30 Jahren gegründeten kleineren Genossenschaften stehen große Wohnungsgenossenschaften gegenüber, die zum Teil mehr als 100 Jahre alt sind. Die zehn größten Genossenschaften besitzen mehr als ein Drittel aller genossenschaftlichen Wohnungen, rund 64.000. In Ost-Berlin ist die Quote – historisch bedingt – besonders hoch: In Marzahn-Hellersdorf ist mehr als jede vierte Wohnung von „Genossen“ bewohnt. Zuletzt ging der Bau von Genossenschaftswohnungen deutlich zurück. Trotz anhaltender Nachfrage wurden im Jahr 2025 nur 178 neue Wohnungen fertig – der niedrigste Stand seit 15 Jahren. Neben gestiegenen Bau- und Finanzierungskosten liegt das dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) zufolge auch daran, dass die Baugrundstücke knapp werden.
kb
25.09.2026




