Berlin will die Wohnungslosigkeit bis 2030 überwinden. Doch die Zahlen steigen. Mit ihrem „Manifest Wohnen“ fordert die Landesarmutskonferenz Berlin verbindliche Schritte – für Prävention, Wohnraum und medizinische Versorgung.
Seit 2019 gibt es in Berlin Leitlinien zur Wohnungsnotfallhilfe, seit 2021 einen Masterplan zur Überwindung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis 2030. Im Jahr 2024 verabschiedete auch die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan mit demselben Ziel. Doch Papier ist bekanntlich geduldig. Trotz dieser Ankündigungen steigt die Zahl wohnungsloser Menschen in Berlin und bundesweit weiter. Wohnungslosigkeit wird jünger, weiblicher und internationaler. Immer mehr Familien mit minderjährigen Kindern leben in Notunterkünften.
Anfang 2026 lebten in Berlin mehr als 57.000 Menschen in Einrichtungen – etwa 10.000 mehr als zwei Jahre zuvor. Menschen, die auf der Straße oder vorübergehend bei anderen leben, erfasst diese Statistik nicht. Für Anfang 2024 ermittelte eine Hochrechnung rund 6.000 Menschen, die auf der Straße oder in Behelfsunterkünften lebten – die Zahl der verdeckt wohnungslosen Menschen, die vorübergehend bei Angehörigen oder Bekannten unterkommen, kann nur geraten werden, ebenso wie die tatsächliche Zahl der obdachlosen Menschen in Berlin.
Die LAK fordert verbindliches Handeln
Die Landesarmutskonferenz Berlin (LAK) entstand 2009 mit Unterstützung der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Als Netzwerk aus Nichtregierungsorganisationen nimmt sie verbandsübergreifend zur Armutsentwicklung in Berlin Stellung. Heute ist die LAK ein Netzwerk aus Nichtregierungsorganisationen, das seine fachliche und politische Arbeit in Fachgruppen organisiert. In der Fachgruppe Wohnungslosigkeit arbeitet auch der Berliner Mieterverein seit 2025 aktiv mit.
In dieser Fachgruppe ist mit dem „Manifest Wohnen – Handeln statt Hadern“ ein wichtiges Forderungspapier entstanden. Den Anlass gab die aktuelle Überarbeitung der Leitlinien der Wohnungsnotfallhilfe durch die Senatsverwaltung. Die Wohnungsnotfallhilfe berät, unterstützt und beherbergt Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder bereits wohnungslos sind. Die Leitlinien des Senats haben keine Gesetzeskraft, sondern bilden den politischen und fachlichen Rahmen für die Ausgestaltung und die Weiterentwicklung des Hilfesystems. Entscheidend ist deshalb, wie der Senat und die beteiligten Stellen die darin formulierten Ziele tatsächlich umsetzen.
Der Senat verabschiedete die Leitlinien am 9. Juni 2026, einen Tag vor der 8. Strategiekonferenz. Die Teilnehmenden konnten sie dort diskutieren, aber nicht mehr ändern. Zuvor hatten die LAK und der Rat der Wohnungsnotfallhilfe Gelegenheit, Einfluss auf den Entwurf zu nehmen – allerdings unter erheblichem Zeitdruck. Nach Angaben der LAK blieben dem Rat für fachliche Ergänzungen lediglich zwei Wochen.
Die LAK kritisiert vor allem die unklare Umsetzung: Die Leitlinien enthalten zahlreiche richtige Maßnahmen und Absichtserklärungen, schaffen aber wenig Verbindlichkeit bei Prioritäten, Zeitplänen, Zuständigkeiten und prüfbaren Umsetzungsschritten. Genau hier setzt das „Manifest Wohnen – Handeln statt Hadern“ an. Zu den Wahlen zum Abgeordnetenhaus 2026 will die LAK mit dem Manifest an wichtige Umsetzungsschritte zur Überwindung von Wohnungslosigkeit erinnern.
Wohnungslosigkeit an drei Stellen bekämpfen
Wohnungsverlust verhindern: Die LAK fordert einheitliche Standards in allen Bezirken, ein städtisches Frühwarnsystem bei drohendem Wohnungsverlust und weniger Sprachbarrieren. Sie kritisiert insbesondere, dass der überarbeitete Entwurf keine engere Zusammenarbeit zwischen sozialen Wohnhilfen in den Bezirken und freien Trägen in der Wohnungsnotfallhilfe vorsieht.
Wohnraum zugänglich machen: Die landeseigenen Wohnungsunternehmen sollen verbindlich zehn Prozent ihrer Wohnungen für wohnungslose Menschen vorsehen. Außerdem fordert die LAK, Housing First konsequent auszubauen und den „Geschützten Wohnungsmarkt“ (ehemals „Geschütztes Marktsegment“) grundlegend zu überarbeiten. Um Menschen, die aufgrund von Mietschulden kurz vor der Räumung ihrer Wohnung stehen, zu unterstützen, haben die Wohnungsunternehmen, Bezirksämter und das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin einen Kooperationsvertrag geschlossen, jährlich 1.350 Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Dieses Kontingent als Geschützter Wohnungsmarkt reicht jedoch nicht aus. Vor allem fehlen größere Wohnungen, da immer mehr Familien mit Kindern wohnungslos werden. Vertreter:innen der freien Träger der Wohnungsnotfallhilfe berichten zudem von uneinheitlichen Kriterien in den Bezirken, die eine verlässliche Vermittlung in den Geschützten Wohnungsmarkt erschweren.
Medizinische Versorgung sichern: Gesundheit darf nicht vom Versicherungsstatus abhängen. Deshalb braucht es für wohnungslose und nicht krankenversicherte Menschen mehr niedrigschwellige Gesundheitszentren, ein funktionierendes Entlassungsmanagement aus Krankenhäusern und mehr psychologische Beratung.
Beratung vernetzen, Wohnungsverlust verhindern
Für den Berliner Mieterverein ist vor allem die Prävention ein wichtiger Berührungspunkt. In der Rechtsberatung suchen die Mitglieder nach schneller Hilfe, wenn sie eine Eigenbedarfs- beziehungsweise Verwertungskündigung oder schon eine Räumungsklage erhalten haben. Rechtliche Verfahren brauchen jedoch Zeit und erfordern bestimmte Voraussetzungen. Akute Notlagen können sie nicht immer auffangen. Daher ist es von großer Bedeutung, die Rechtsberatung durch die pragmatisch ausgerichtete Wohnungsnotfallhilfe zu ergänzen.
Dafür brauchen wir kurze Wege zwischen den sozialen Wohnhilfen der Bezirke, den freien Träger:innen, die Menschen sehr schnell an die Hand nehmen können, und den Mietrechtsexpert:innen im Berliner Mieterverein. Gemeinsam können wir rechtliche Möglichkeiten prüfen und Betroffene dabei unterstützen, praktische Hilfen schnell zu nutzen.
Mit dem Manifest erhöht die LAK den politischen Druck, die angekündigten Maßnahmen umzusetzen. Der künftige Berliner Senat muss dafür klare Zuständigkeiten und verbindliche Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit schaffen. Für uns heißt das: Wir werden uns gemeinsam mit den anderen Organisationen der Landesarmutskonferenz weiter dafür einsetzen und unsere fachlichen Positionen und Forderungen einbringen.
September 2026 / fs
Das Manifest Wohnen lesen: https://www.landesarmutskonferenz-berlin.de/
15.09.2026




